
Kaizen 2 go 230 : eHealth-Prozesse
Fragestellungen im Gespräch mit Stefan Odenbach: Welche Bereiche und Aspekte umfasst der Begriff eHealth? Klassischer Prozess (Papierrezept) und "Angriffspunkte" des E-Rezepts. Nutzen & Vorteile, neue Möglichkeiten. Nutzergruppen (Altersgruppen) vs. Stakeholder (Patienten, Ärzte, Apotheken, KV, KH, Pflege-/Betreuungspersonal, ...). Wechselwirkungen mit anderen Prozesselementen. Wie wird der Wildwuchs der Anbieter vermieden? Vergleich mit anderen Länder? Erfahrungen mit Change-Management, Akzeptanz & Widerstände
Das Transkript der Episode ist hier verfügbar.
Kaizen 2 go 230 : eHealth-Prozesse
KI-generierte Zusammenfassung des Transkripts
In dieser Episode spricht Götz Müller mit Stefan Odenbach über die Chancen, Herausforderungen und Hintergründe digitaler Gesundheitsprozesse, vor allem im Zusammenhang mit dem E-Rezept. Götz Müller begrüßt Stefan Odenbach als wiederkehrenden Gesprächspartner, der sich selbst augenzwinkernd als „Robin Hood der Gesundheitsbranche“ bezeichnet. Dahinter steht zum einen eine persönliche Geschichte – sein Sohn heißt Robin –, zum anderen seine Mission, kleine und inhabergeführte Vor-Ort-Apotheken zu stärken. Mit rund 19.000 Apotheken in Deutschland sieht Stefan Odenbach deren Versorgungssicherheit als wichtigen gesellschaftlichen Wert, der durch digitale Lösungen unterstützt werden soll.
Zum Einstieg erläutert Stefan Odenbach, was unter eHealth zu verstehen ist. Analog zu bekannten Begriffen wie E-Banking beschreibt eHealth die Digitalisierung papiergebundener Prozesse im Gesundheitswesen. Dazu zählen Rezepte, Patientenakten sowie Bescheinigungen aller Art. Allein bei Rezepten existieren jährlich mehr als 500 Millionen Papierformulare, die im bisherigen Ablauf durch viele Hände gehen. Der Erstellungsprozess beginnt beim Arzt, führt über den Patienten und die Apotheke bis zum Abrechnungszentrum und zur Krankenkasse. In jedem Schritt entstehen Medienbrüche, Scans, E-Mails, Übermittlungen per Post oder Fax. Dieser Prozess sei ineffizient, teuer und aus Sicht der Therapiesicherheit riskant.
Stefan Odenbach betont, wie gefährlich die mangelnde Transparenz in der heutigen papierbasierten Welt sein kann. Patienten können am selben Tag verschiedene Ärzte aufsuchen, unterschiedliche Medikamente bekommen und diese in mehreren Apotheken einlösen. Ohne eine zentrale Datenbasis erkennt niemand potenzielle Wechselwirkungen. Die Zahl der Todesfälle durch Fehlmedikation liege bei über 25.000 pro Jahr, wesentlich höher als die Anzahl der Verkehrstoten. Diese Risiken würden oft unterschätzt, weil Papierdokumente trotz aller Schwächen als selbstverständlich akzeptiert werden.
Ein weiteres Problem ist die mögliche Fehllesbarkeit handschriftlicher Verordnungen. Götz Müller verweist auf seine Frau, die in der Apotheke arbeitete und regelmäßig mit unleserlichen Rezepten konfrontiert war. Rückfragen beim Arzt seien in der Praxis selten erfolgt. Zusätzlich bestehe eine hohe Zahl an Rezeptfälschungen. Trotz der Diskussion über Sicherheitsanforderungen digitaler Lösungen sei das heutige Papierverfahren keineswegs sicher.
Durch Corona habe das Thema eHealth eine neue Relevanz erhalten, wie Stefan Odenbach beschreibt. Gerade chronisch Kranke möchten Wartezimmer vermeiden und Prozesse möglichst von zu Hause aus erledigen. Gleichzeitig zeige die Pandemie, wie stark digitale Systeme belastbar, aber auch angreifbar sein müssen. Cyberangriffe auf Krankenhäuser hätten gezeigt, wie wichtig Schutzmaßnahmen seien. Trotzdem überwiege der Nutzen digitaler Lösungen, zumal europäische Datenschutzgesetze hohe Standards schaffen.
Im nächsten Teil des Gesprächs geht es um die Komplexität der Digitalisierung. Neben Ärzten, Patienten und Apotheken sind auch Krankenkassen, Pflegedienste, Pflegeheime und viele weitere Akteure beteiligt. Jeder zweite Mensch in Deutschland lebt mit einer chronischen Erkrankung und hat einen regelmäßigen Medikamentenbedarf. Damit betrifft das Thema eine große Bevölkerungsgruppe, für die die bestehende Papierflut eine enorme Belastung darstellt. Gleichzeitig existieren starke wirtschaftliche Interessen. Der Gesundheitsmarkt umfasst mehr als 40 Milliarden Euro jährlich. Entsprechend groß ist die Zahl der Stakeholder und Lobbygruppen, was Entscheidungsprozesse erschwert.
Ein Schwerpunkt des Gesprächs liegt auf der Frage, wie sich ein System wie das E-Rezept erfolgreich einführen lässt. Stefan Odenbach kritisiert, dass Innovationen oft zu lange im geschlossenen Rahmen entwickelt werden. Nutzerinnen und Nutzer werden zu spät einbezogen, was zu Akzeptanzproblemen führt. Beispiele wie die elektronische Patientenakte oder die Corona-Warn-App zeigen aus seiner Sicht, wie wichtig Transparenz, frühe Tests und klare Kommunikation sind. Wenn Patienten und Ärzte nur über Medien von neuen Lösungen erfahren, deren reale Verfügbarkeit noch eingeschränkt ist, entstehe Frustration und Misstrauen.
Als Hersteller einer Plattform müsse man offene Systeme schaffen, die ohne künstliche Abschottung funktionieren. Erfolgskritisch sei außerdem, die Nutzenargumente klar zu formulieren. Für Ärzte ist der digitale Prozess häufig aufwendiger als der bisherige, weil neue Geräte und Authentifizierungsverfahren hinzukommen. Solange parallel Papierlösungen möglich sind, wird der digitale Weg oft umgangen. Für echte Digitalisierung brauche es Standards, verpflichtende Umsetzungsschritte und gleichzeitig einfache, intuitive Nutzung.
Gegen Ende des Gesprächs spricht Stefan Odenbach über altersbezogene Vorurteile. Studien zeigen, dass ältere Menschen deutlich digitalaffiner sind als oft angenommen. Zusätzlich erhalten sie im Alltag Unterstützung durch Familienangehörige oder Pflegeeinrichtungen. Selbst Personen über 70 oder 80 nutzen heute Smartphones für grundlegende Funktionen. Entscheidend sei, digitale Lösungen so niederschwellig zu gestalten, dass auch technisch unerfahrene Menschen sie problemlos einsetzen können.
Die Episode verdeutlicht, wie vielschichtig die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist. Neben Effizienz und Sicherheit spielen Akzeptanz, Vertrauen, Transparenz, wirtschaftliche Interessen und politische Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle. Stefan Odenbach zeigt auf, dass eHealth weit mehr bedeutet als die elektronische Abbildung bestehender Abläufe. Es gehe darum, Prozesse neu zu denken, sinnvoll zu vereinfachen und so spürbare Vorteile für Patienten, Leistungserbringer und das gesamte Gesundheitssystem zu schaffen.
Weitere Inhalte
Kennst Du schon LeanEvents?
-
Veröffentliche Dein Event oder Seminar auf der LeanBase
-
Profitiere von unserer Reichweite und werde sichtbar
-
Organisiere Deine Veranstaltung über unser Event-Tool

Lean Product Development – die Saat schon vor der Produktion legen
Lean Product Development ist die konsequente „Fortsetzung“ von Lean Management in Richtung Wertstrombeginn der gesamten Produktentstehung. Bereits hier werden wichtige Weichen gestellt, …

Geschäftsmodelle – Disruptionsgefährdet oder resilient – Einsichten und Auswege
Was charakterisiert Geschäftsmodelle zwischen diesen beiden Polen? Welche Faktoren können dabei aktiv beeinflusst werden und welche liegen außerhalb unserer Kontrolle? Diese und ähnliche Fragen …
Weitere Inhalte auf LeanNetwork

Lean Management im Krankenhaus – geht das?
Was hindert Angestellte in einem Krankenhaus daran, in Prozessen bzw. lean zu denken?

Kaizen 2 go 358 : Mit Low-Code zur Prozessautomatisierung
Fragestellungen aus der Unterhaltung mit Sebastian Schneider: Was ist Low-Code? Was ist der Vorteil von Low-Code bei der Prozessautomatisierung ggü. „klassischen“ Automatisierungslösungen? In …

Kaizen 2 go 365 : Lean Management in der Altersmedizin
Fragestellungen aus der Unterhaltung mit Viktor Schwerdtfeger: Was was der Impuls für das Thema? Was sind typische Leistungs- und Unterstützungsprozesse in der Altersmedizin? Was unterscheidet …

Kaizen 2 go 355 : Produktmanagement-Prozess
Fragestellungen aus der Unterhaltung mit Tim Klein: Gibt es im modernen Produktmanagement überhaupt noch Raum für einen prozessualen Ansatz? Wie lässt sich die Abgrenzung zwischen …





Kommentare
Bisher hat niemand einen Kommentar hinterlassen.
Kommentar schreiben
Melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.
Teilen