Training Within Industry

Training Within Industry

In nicht wenigen Fällen gibt es Vorbehalte gegen Lean Management, weil zwar erkannt wurde, dass es zum erfolgreichen Einsatz in Unternehmen mehr als den Einsatz von Methoden und Werkzeugen benötigt wird. Gleichzeitig besteht die Annahme, dass die fernöstlich-japanische Kultur eine ebenso wichtige Rolle dabei spielt. Da Lean Management ein Modell ist, das seit den 1990er Jahren durch Beobachtung von Toyota entstanden ist, liegt diese Schlussfolgerung sehr nahe. Was dabei verkannt wird und in sprichwörtliche Vergessenheit geraten ist, ist die ursprüngliche Herkunft zentraler Aspekte des Toyota Production System aus einem US-amerikanischen Regierungsprogramm, das in den früheren 1940er-Jahren entstanden ist.

#leanmagazin
am 13. 02. 2016 um 17:47 Uhr in LeanMagazin von Götz Müller


Zweck dieses Programms war die Unterstützung der US-amerikanischen Industriebetriebe, den gesteigerten Bedarf an Rüstungsgütern zu decken. Ursprünglich als reine Beratungsleistung angedacht, wurde frühzeitig offenbar, dass diese nicht zum gewünschten Ziel führt. Aus dem Bedarf an konkreter Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe ist dann das Programm des Training Within Industry (TWI) entstanden. Ein wichtiger Aspekt war dabei auch die schnelle Integration ungelernter Arbeits­kräfte in die Unter­nehmen und deren Arbeitsabläufe bei gleichzeitiger Steigerung der Produktivität und Reduktion von Fehlleistungen und Arbeitsunfällen. Ermöglicht wurde dies durch die Ausbildung von Führungs­kräften in Train-the-Trainer-Programmen.

Die Bestandteile des TWI tragen drei der fünf Bedürfnisse jeder Führungskraft (Supervisor im engl. Original) Rechnung:

  • Wissen über die Arbeit – wird über die Ausbildung abgedeckt (kein TWI-Bestandteil)
  • Wissen über die Verantwortung – wird unternehmenspezifisch abgedeckt (kein TWI-Bestandteil)
  • Fähigkeit zur Unterweisung – wird durch das Job Instructions Training (JIT) vermittelt
  • Fähigkeit zur Verbesserung – wird durch das Job Methods Training (JMT) vermittelt
  • Fähigkeit zur Führung – wird durch das Job Relations Training (JRT) vermittelt

Ähnlich wie Lean Management bzw. das TPS basiert das TWI-Programm auf bestimmten Prinzipien, die auch ein Menschenbild widerspiegeln.

  • Wenn der Mitarbeiter nicht gelernt hat, hat der Ausbilder nicht gelehrt – Job Instructions
  • Führungskräfte schaffen Resultate nur durch Menschen – Job Relations
  • Menschen müssen als Individuen behandelt werden – Job Relations
  • Für alle drei Job-Trainings gelten die folgenden Prinzipien: Standards entstehen durch gute Unterweisung, die kontinuierliche Übung dazu darf nicht zu früh beendet werden.

Die drei Trainings haben folgende Gemeinsamkeiten:

  • Die Trainings umfassen fünf Module à 2 Stunden.
  • Die Module finden in regelmäßigem, kurzem Abstand statt, idealerweise an fünf Tagen innerhalb einer Woche.
  • Die Trainings werden für 9-11 Teilnehmer durchgeführt, im Fokus stehen dabei Führungskräfte der untersten Ebene („Supervisor“, Vorarbeiter ö.ä.).
  • Die Trainings basieren auf spezifischen Vier-Schritte-Methoden.
  • Der Gebrauch der trainierten Methoden wird durch den Einsatz von entsprechenden Methodenkarten unterstützt.
  • In den Trainings werden reale Situationen der Teilnehmer aus deren betrieblichem Umfeld geübt und durchgesprochen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das TWI-Programm auf bewährte Konzepte zurückgreift, die auch heute noch relevant sind. Dabei werden vor allem die unteren Führungskräfte befähigt, ihre Mitarbeiter richtig anzuleiten, sie in die Verbesse­rungen der täglichen Arbeit einzu­beziehen und durch menschenorientierte Führung eine positive Arbeitskultur und -atmosphäre für Verän­derung, Verbes­serung von Methoden und Standardi­sierung von Tätig­keiten zu schaffen.

Nach dem Ende zweiten Weltkriegs wurde das TWI-Programm in verschiedene Länder „exportiert“, unter anderem nach Japan. Ab 1950 wurde es ein tragender Bestandteil bei der Entwicklung des Toyota Production System. In den USA selbst ist das Programm allerdings sehr schnell in der Versenkung verschwunden, vor allem aufgrund der damals marktbeherrschenden Stellung amerikanischer Unternehmen, der Rückkehr der früheren Arbeitskräfte ins das zivile Arbeitsleben und dem resultierenden Wegfall des ursprünglichen Bedarfs an Produktivitätssteigerungen. 2001 wurde das TWI-Programm in den USA wiederentdeckt. Durch die langsame Verbreitung in andere Länder findet heute eine aktive Rückbesinnung auf die Wurzeln des Lean Management statt.

Am TWI-Programm begeistert mich die Einfach­heit des Prinzips, die universelle Einsetz­barkeit und die Chance, die kommenden Heraus­forde­rungen der Arbeitswelt aufgrund der gesell­schaft­lichen Verände­rungen durch Verschiebung der Alters­struktur und Zuwan­derung zu bewältigen.


Kommentare

Bisher hat niemand einen Kommentar hinterlassen.

Kommentar schreiben

Melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Teilen

Ähnliche Inhalte

Hier findest Du weitere Inhalte zu dem von Dir gewählten Thema. Bei diesen Vorschlägen handelt es sich um eine Auswahl an Inhalten, welche wir insgesamt für Dich auf der LeanBase zur Verfügung stellen.

Komplexität - Folge 10

Komplexität - Folge 10

Podcast auf LeanPublishing
am 10. 06. 2018 um 15:07 Uhr
Kanal: Interview mit Dr. h.c. Any Nemo

WMIA Inc. hat zwar nicht die Hand am Puls der Zeit, natürlich aber den Finger, den kleinen Finger mit dem ja bekanntlich alles, jedenfalls auf Vorstandsebene der Unternehmen erreichen kann.Das...

In your eyes only - Folge 85

In your eyes only - Folge 85

Podcast auf LeanPublishing
am 10. 06. 2018 um 17:12 Uhr
Kanal: Interview mit Dr. h.c. Any Nemo

Viele reden vom Erfolg. Nur wenige haben ihn, den großen Erfolg, von dem alle träumen. Einer von diesen ist der CEO von WMIA Incorporated des größten Unternehmens der Welt,...

LeanTransformation

LeanTransformation

Channel auf LeanPublishing

Eine (nicht ganz) fiktive Geschichte eines mittelständischen, steirischen Unternehmens namens Krauss GmbH & Co. KG, deren Erfolgsgeschichte jedoch auch ihre Schattenseiten hat.

#JanineFragtNach bei Mark Lambertz

#JanineFragtNach bei Mark Lambertz

Video-Beitrag und Podcast auf LeanPublishing
am 16. 12. 2017 um 10:41 Uhr
Kanal: JanineFragtNach

#JanineFragtNach bei Mark Lambertz, dem Intellektuellen mit Herz und Autor der modernen Einführung in das Modell für lebensfähige Systeme und damit in das Viable System Model...

Lean Administration

Lean Administration

Video-Beitrag auf LeanPublishing
am 23. 01. 2017 um 20:19 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Lean Administration – verständlich erklärt durch Prof. Dr.-Ing. Stephan Höfer, Professor für Produktionsmanagement, Logistik und Lean Enterprise Management an der ESB...

Wie romantisch ... - Folge 67

Wie romantisch ... - Folge 67

Podcast auf LeanPublishing
am 10. 06. 2018 um 16:44 Uhr
Kanal: Interview mit Dr. h.c. Any Nemo

Nemo hat den Interviewer heute eingeladen. Auf die Piazza des kleinen Dorfes oberhalb von Los Straneros mit dem romantischen Namen „Dolce“, gleich links die Straße rauf, ein wenig...

In welcher Lean-Welt leben Sie eigentlich?

In welcher Lean-Welt leben Sie eigentlich?

Beitrag auf LeanPublishing
am 18. 07. 2016 um 15:56 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Zu Beginn dieses Beitrages möchte ich aus dem „Vorwort“ eines Buches,  welches mir unlängst (wieder) in die Hände gefallen ist, zitieren.

Parameterbasierte Modellierung innerbetrieblicher Milkrun-Systeme zur Planung der Materialbereitstellung in der Montage

Parameterbasierte Modellierung innerbetrieblicher Milkrun-Systeme zur Planung der Materialbereitstellung in der Montage

Buch auf LeanBooks
Kategorie: Allgemein

von Markus Droste