Rezension zu“ Illusion 4.0“

Rezension zu“ Illusion 4.0“

Deutschlands naiver Traum von der smarten Fabrik

#leanmagazin
am 29. 08. 2016 um 09:38 Uhr in LeanMagazin von Ralf Volkmer


Illusion bedeutet im weiteren Sinne „falsche Interpretation“ und im engeren Sinne „falsche Wahrnehmung“.  Verdeutlicht man sich den Wortsinn, so ist es nicht verwunderlich, dass die Autoren Prof. Dr-Ing. Andreas Syska und Philippe Lièvre ihr Buch „Deutschlands naiver Traum von der smarten Fabrik“ mit der Überschrift „Illusion 4.0“ betitelt haben.

Nach einer Herleitung der Industriellen Revolutionen in Kapitel 1 am Beispiel Ford, BOSCH und natürlich Toyota darf man als Leser schon vermuten, dass dieses Buch und das, was dort niedergeschrieben ist, möglicherweise eine Art „Abrechnung“ mit den Protagonisten von Industrie 4.0 werden könnte.

Allerspätestens wird dies deutlich, als die Autoren auf die „berühmt-berüchtigte“ Halle 54 von VW eingehen und über die damaligen Manager von VW schreiben: „Das muss man sich mal vorstellen: Sie waren Anfang der achtziger Jahre in Japan und haben Kaizen nicht gesehen. Woran lag das? Nun, sie haben gesehen, was sie unbedingt sehen wollten. Roboter!“ Und weiter „Ein wunderbarer Beleg dafür, dass der Mensch oft die Lösung im Kopf hat, obwohl er das Problem noch nicht kennt.“

Diese beiden Sätze machen dem an der aktuellen Diskussion um Industrie 4.0 interessierten, neutralen Leser deutlich, worum es geht. Alle, die versuchen „mittels Automation und PPS“ und heute eben unter dem Stichwort smarte Fabrik „aus einer schlechten Organisation eine Gute zu machen“, haben am „Ende weiterhin eine schlechte Organisation und höhere Kosten“.

Dass der Begriff Industrie 4.0 mittlerweile zu einer „starken Marke“ geworden ist bezweifeln die Autoren nicht, doch kann einem schwindelig werden, wenn man in der Folge in geballter Auflistung liest, was heutzutage alles eben jenes Attribut „4.0“ trägt. Sicher, man hat bereits von Arbeit 4.0, Führung 4.0, Wirtschaft 4.0, Marketing 4.0 und Bildung 4.0 gelesen, dass es jedoch mittlerweile ein Forschungsprojekt seitens der Bundesregierung mit der Bezeichnung „Vorsorge 4.0“ gibt, macht deutlich, dass der Begriff „4.0“ anscheinend „das Synonym für aufregend Neues und den Fortschritt im Allgemeinen“ zu sein scheint. Völlig zu Recht bemerken die Autoren dann auch mehr oder weniger bissig: „Nur vom gesunden Menschenverstand 4.0 hat man noch nichts gehört. Dabei täte dieser doch so gut…“

Eindrucksvoll listen die Autoren im Kapitel 3 auf, welche „schwindelerregenden Höhen“ die „Heilsversprechen“ wie beispielsweise „Industrie 4.0 macht die Produktion demokratisch“, „Industrie 4.0 steigert die Produktivität“, „Industrie 4.0 macht den Menschen zum Dirigenten der Wertschöpfungskette“ oder „Industrie 4.0 folgt Lean“ erreicht haben und ergänzen „Das alles kann Industrie 4.0 nicht leisten […] die Drückerkolonnen haben den Bogen überspannt“.

Wie wir in diesen Breitengraden ticken, also heute noch immer in Sachen Lean, Kaizen, KVP & Co. denken, es ginge beispielsweise um die lineare Anwendung von Methoden, an deren Ende angekommen man zwangsläufig erfolgreich sein wird, zeigen die Autoren in Kapitel 3.1 auf.
Hier geht es in einem anschaulichen Beispiel um „rote Probleme“ und „blaue Probleme“. Blaue Probleme stehen hier für die Frage nach dem Wie. „Wie löse ich das Problem? Wie bediene ich einen Maschine?“ Die roten Probleme stellen im Beispiel die komplexe Welt dar. Diese Probleme wie z.B. Designprobleme, etc. sind nur durch den richtigen Mensch oder die richtige Gruppe von Menschen zu lösen. Denn es sind die Menschen in unseren Organisationen, die erstaunlich gut darin sind, innovative Lösungen zu entwickeln.

Den Protagonisten, also den Interessenverbänden wie z.B. BITCOM & VDMA, der Bundesregierung, den Unternehmensberatern, den Cloud-Anbietern, den Wissensdienstleistern und Medien, den Mittelstands Allianzen 4.0, der Forschung, den Fabrikausrüstern und den anderen Trittbrettfahren von Industrie 4.0 attestieren die Autoren ein vernichtendes Zeugnis!

„Industrie 4.0 basiert auf dem fundamentalen Denkfehler, man könne ein komplexes, chaotisches und soziales System wie eine Fabrik mit Algorithmen steuern. Das hat noch nie [gemeint ist hier Computer Integrated Manufacturing (CIM)] funktioniert und wird auch dieses Mal nicht funktionieren, so ausgeklügelt diese Algorithmen auch sein mögen. Selbst wenn man es könnte: Zu verkennen, dass unsere Kernkompetenz in der Bewältigung roter Probleme [gemeint sind die Probleme, welche die komplexe Welt darstellen] liegt, ist naiv. Der Versuch, diese in blaue Probleme zu überführen ist töricht.“

Wer von Ihnen nun glaubt, dass Prof. Dr.-Ing. Andreas Syska und Philippe Lièvre eine Art Generalabrechnung betreiben oder gar die Förderlandschaft als solches in Frage stellen und mehr oder weniger Steuergeldverschwendung der Bundesregierung attestieren oder einfach nur alles schlecht reden, sollte dieses Buch im Ganzen lesen.
Ich hatte das große Glück, Prof. Dr.-Ing. Andreas Syska, welcher in diesem Jahr ebenfalls Referent auf dem 5. Symposium Change to Kaizen sein wird, vor der Erscheinung von Illusion 4.0 kennenzulernen. Mich selbst – ebenfalls ein Kritiker der Art, wie Industrie 4.0 propagiert wird – hat Syska in diesem (Kölner)Gespräch darin bestätigt,  dass es nur wenig Bereitschaft gibt, über den Tellerrand des Tagesgeschäftes hinauszublicken. „Jedoch bestehe der eigentliche Sinn der webbasierten Vernetzung aber in datenbasierten Geschäftsmodellen, deren Potenziale außerhalb der Fabriken liegen.“, so Prof. Syska. „Diese Potenziale findet man aber nicht, wenn der Denkhorizont nur bis ans eigene Werkstor reicht. Industrie 4.0 zielt hierzulande einseitig auf Performance der Produktion und kommt gedanklich nicht aus dem kleinen Karo der Fabrik hinaus.“

In „Illusion 4.0 – Deutschlands naiver Traum von der smarten Fabrik“ zeigen die Autoren am Ende des Buches auf, was ihrer Meinung nach notwendig ist, damit „sich Industrie 4.0 vom technologischen Selbstzweck hin zu etwas entwickeln wird, das vom Menschen und vom Markt her gedacht wird.“
So fordern sie unter anderem „Freiheit von Angst und Dogmen“, einen „Perspektivwechsel“, das „Einbinden in die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts“ und dass „die Sprache des Mittelstandes gesprochen werden müsse, statt die Sprache der Forschung, der Verbände und der Politik“.
Und dass vor allem aber die Bereitschaft vorhanden sein muss, „die Technikecke zu verlassen und das Thema von der Gesellschaft und vom Markt her zu denken“ sowie „das Bestehende unsentimental zu zerstören, statt es linear fortzuschreiben.“ Denn ihrer Meinung nach hat „die nächste Revolution erst dann diese Bezeichnung verdient, wenn sie ihren Nutzen für den Menschen nachweist.“

Ihnen allen möchte ich diese Lektüre sehr empfehlen, wegen der Klarheit, in der diese verfasst wurde, aber auch wegen des Humors, der Zuspitzung und der satirischen Überhöhung.
Selten habe ich mich beim Lesen einer Fachlektüre so amüsiert und möchte Ihnen abschließend einige Beispiele dafür aufzeigen.

Zur Kompetenz politscher Entscheider:
„Industriearbeit als Fron: Eine Sichtweise auf die man kommen kann, wenn man zwar das Kapital von Marx und Engels gelesen hat, Fabriken ansonsten aber nur vom Hörensagen kennt […] und mit dieser Art von Halbwissen den Marsch durch die Institutionen antritt.“

In Bezug auf die Neutralität von Studien:
„Ein Nutznießer von Industrie 4.0 beauftragt einen anderen Nutznießer von Industrie 4.0 damit herauszufinden, welcher Nutzen mit Industrie 4.0 … verbunden ist.“

In Bezug auf einige Botschaften der Industrie 4.0 – Community:
„Um einen solchen Satz absondern zu können, müssen Sie zwei Dinge tun: Sie dürfen nicht an die frische Luft gehen und Sie müssen genau darauf achten, dass Ihr Gehirn keinerlei Kontakt mit Fakten bekommt.“


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