Der Arbeitskraftunternehmer

Der Arbeitskraftunternehmer

Zu Beginn der 2000 Jahre beschrieben Günter Voß und Hans Pongratz eine Transformation von Arbeitnehmern hin zu Arbeitskraftunternehmern. Mit dem Arbeitskraftunternehmer schilderten sie eine Lebensweise, welche sich durch eine zunehmende Selbstkontrolle der Arbeit, einen immer stärkeren Zwang zur Ökonomisierung der eigenen Arbeitsfähigkeit sowie durch eine immer größer werdende „Verbetrieblichung“ des eigenen Lebens auszeichnet. In diesem Beitrag möchte ich das Modell des Arbeitskraftunternehmers und das gesellschaftliche Umfeld, welches ihn bedingt, näher umschreiben.

#leanmagazin
am 20. 12. 2017 um 09:41 Uhr in LeanMagazin von Dr. Thomas Zabrodsky


Nach Gilles Deleuze leben wir heute in einer Kontrollgesellschaft. Der Mensch wird nicht als etwas Fertiges oder Abgeschlossenes begriffen, sondern als Dividiuum. In einer Welt, die sich ständig im Wandel befindet, müssen sich die Menschen auf immer neue Anforderungen einstellen. Ein kreatives und innovatives Denken zu entwickeln, gilt als ein Muss, um die neuen Herausforderungen bewältigen zu können. Der Wettwebewerb zwischen den Menschen soll immer noch effizientere Lösungen hervorbringen. Dafür beobachten und bewerten sich die Menschen und deren Leistungen ständig gegenseitig. Das Prinzip des Panoptikums löst sich von den sichtbaren Mauern des Gefängnisses und prägt sich als Denkraster in den Köpfen der Menschen ein.

Anders als bei Gefängnissen treten wir in die Systeme der Kontrollgesellschaft freiwillig ein, weil wir zum Beispiel einen bestimmten Job wollen oder um gewünschte Fähigkeiten zu erwerben. Nach Sven Optiz nehmen wir damit die Pflicht zur ständigen Modulation an, die uns dann unter Zugzwang versetzt, ihr immer wieder nachzukommen. Es reicht auch nicht mehr aus, die Normen bloß zu erfüllen, sondern immer neue Höhepunkte müssen gemeistert werden.

Die Identität einer Person ist damit nicht mehr etwas Fixes, sondern ein lebenslanges Projekt, das je nach den Bedürfnissen umgestaltet und neu zusammengestellt wird. Das Dividuum ist damit ein Baukasten der je nach den angestrebten Zielen neu bestückt wird. Die Bestückung richtet sich dabei nach den „erlernten“ Denkrastern der Person und den Anforderungen der Umwelt, um eine soziale Konformität herzustellen und Anerkennung zu finden.

Das Streben diesen Ansprüchen gerecht zu werden, führt dazu, dass Menschen dementsprechende Lebensläufe und Lebensrahmen gestalten wollen. Man beginnt aktiv sein Leben in einer Form zu gestalten, die vom herrschenden Gefüge eingefordert wird. Die erhaltene Freiheit der Menschen wird durch die Verantwortung bezahlt, dass man sich selbst permanent unter den Gesichtspunkten des Marktes optimiert. Dieser stellt die Leitlinien dar, die als Orientierung für das eigene Leben dienen. Der Mensch wird damit selbst zu einem Wirtschaftsubjekt gemacht, welches selbst Strategien für den effizienten Einsatz der eignen „Ressourcen“ zu erstellen hat.

Diese Entwicklungen sehen wir nicht nur bei Selbstständigen, sondern auch immer mehr in „normalen“ Beschäftigungsverhältnissen. Auch hier werden immer mehr Stabilitäten abgebaut und einer zunehmenden Flexibilisierung geopfert. Dies geschieht, um schneller und flexibler auf die Veränderungen der Umwelt und auf den Märkten reagieren zu können. Mit der vielfach eingeführten selbstverantwortlichen Steuerung wurden der Ort und die Zeit, der Arbeit flexibilisiert und in den Verantwortungsbereich der Mitarbeiter verschoben. Die gewonnene Freiheit auf der einen Seite bringt auf der anderen Seite die Gefahr der Überdehnung mit sich. Dies kann in ein sich ständiges „Nur-mehr-Durchwursteln“ übergehen und eine Perspektivlosigkeit befördern.

Mit dem Modell des Arbeitskraftunternehmers (AKU) haben Voß/Pongratz diese neuen Formen der Arbeits- und Lebenswelt beschrieben. Der Arbeitnehmer ist für sich selbst verantwortlich und arbeitet in Eigenregie von Projekt zu Projekt. Charakterisiert haben Voß/ Pongratz den AKU entlang der oben erwähnten drei Hauptdimensionen. Diese sind: erweiterte Selbst-Kontrolle, verstärkte Selbst-Ökonomisierung und verstärke Selbst-Rationalisierung.

Die Arbeitskraft ist die Ware des AKU, welche er verkaufen muss. Es obliegt ihm, diese zu managen. Die Arbeitskraft ist aber nicht nur seine Ware sondern auch sein Kapital und seine Ressource, die er konkurrenzfähig halten muss. Dies beinhaltet sich Schlüsselqualifikationen anzueignen und Eigenwerbung zu betreiben, um sich gegen die Mitbewerber durchzusetzen. Dies wiederrum befördert die Entgrenzung und „Verbetrieblichung“ der Arbeit. Mit anderen Worten verschwimmen dadurch bei vielen immer stärker die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Immer häufiger werden Beziehungen dann zu strategischen Beziehungen. Der Verwertungszwang führt dazu, dass immer mehr Menschen immer weniger auf die Tiefe in einer Beziehung vertrauen. Diese fehlende Qualität in den einzelnen Beziehungen versuchen sie dann durch eine möglichst große Anzahl an „oberflächigeren“ Beziehungen auszugleichen.


Kommentare

Bisher hat niemand einen Kommentar hinterlassen.

Kommentar schreiben

Melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Teilen

Ähnliche Inhalte

Hier findest Du weitere Inhalte zu dem von Dir gewählten Thema. Bei diesen Vorschlägen handelt es sich um eine Auswahl an Inhalten, welche wir insgesamt für Dich auf der LeanBase zur Verfügung stellen.

Umfrage zu „Wie steht es um Selbstorganisation in deutschen Unternehmen?“

Umfrage zu „Wie steht es um Selbstorganisation in deutschen Unternehmen?“

Beitrag auf LeanPublishing
am 30. 01. 2019 um 09:19 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Es dürfte nicht allzu übertrieben sein, wenn wir von einem New Work Hype sprechen. Eine Google Anfrage zu dem Begriff am 16.01.2019 ergab in 0,42 Sekunden knapp 40 Millionen Treffer.

1.000 Credits im Wert von EUR 10,00

1.000 Credits im Wert von EUR 10,00

Belohnung auf LeanOnlineAcademy
150 Punkte
Morgen ist ein neuer Tag ☼ ... Folge 138

Morgen ist ein neuer Tag ☼ ... Folge 138

Podcast auf LeanPublishing
am 07. 05. 2019 um 05:30 Uhr
Kanal: Interview mit Dr. h.c. Any Nemo

oder ... "Possum, sed nolo!"

Die perfekte Produktion: Manufacturing Excellence durch Short Interval Technology (SIT)

Die perfekte Produktion: Manufacturing Excellence durch Short Interval Technology (SIT)

Buch auf LeanBooks
Kategorie: Lean Management

Mit den klassischen Methoden der Produktionsplanung und -steuerung sowie den häufig anzutreffenden Produktionsprozesse gelingt es vielen Unternehmen nur noch mit großem Aufwand, in den immer besser vernetzten und schneller getakteten Lieferketten mitzuspielen und kurze Lieferzeiten, hohe Termintreuen, kleine Losgrößen, kurzfristige Abrufe und just-in-time Anlieferungen bei wettbewerbsfähigen Kosten sicherzustellen.

… und wer kümmert sich eigentlich um die Unternehmensentwicklung?

… und wer kümmert sich eigentlich um die Unternehmensentwicklung?

Beitrag auf LeanPublishing
am 07. 10. 2020 um 08:00 Uhr
Kanal: #WasHastDuHeuteGelernt

Keine einfache Frage, denn die Entwicklung eines Unternehmens betrifft jeden - und doch ist es oftmals schwierig, in die Umsetzung zu kommen. Warum? Weil eine gemeinsame Richtung und der Überblick...

LeanCarSummerFestival! Wir machen das einfach!

LeanCarSummerFestival! Wir machen das einfach!

Beitrag auf LeanPublishing
am 27. 05. 2020 um 04:30 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Wollt ihr bei einer Weltpremiere dabei sein!? Ja? Prima, dann raus aus dem Haus, rein ins Auto und auf zum ersten LeanCarSummerFestival der Welt! Kopf in den Sand stecken gilt nicht! #Corona Du...

Klar wie Kloßbrühe ... Folge 143

Klar wie Kloßbrühe ... Folge 143

Podcast auf LeanPublishing
am 11. 06. 2019 um 05:30 Uhr
Kanal: Interview mit Dr. h.c. Any Nemo

oder ... "Recta enim intellegentia illarum cogitationum."

Quo vadis New Work?

Quo vadis New Work?

Video-Beitrag und Podcast auf LeanPublishing
am 30. 12. 2019 um 05:30 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Die beiden Kultur-Komplizen blicken auf das Jahr zurück, in dem der Begriff "New Work" als Firmenname vereinnahmt und damit von vielen totgesagt wurde. Kurz danach startete mit der "New Work...