
Kaizen 2 go 039: Prozesse im Klinikumfeld
Wir unterhalten uns über diverse Aspekte des Prozessmanagements im Krankenhaus. Welche Prozesse in den verschiedenen Prozessarten existieren. Was das Gesundheitswesen von der klassischen Industrie lernen kann (und ggf. umgekehrt). Welche Rolle die IT im Krankenhaus spielt.
Das Transkript der Episode ist hier verfügbar.
Kaizen 2 go 039 : Prozesse im Klinikumfeld
KI-generierte Zusammenfassung des Transkripts
In dieser Episode spricht Götz Müller mit Dr. Stefan Wagner über Prozesse im Klinikumfeld und die Besonderheiten des Prozessmanagements im Gesundheitswesen. Dr. Stefan Wagner ist als Anästhesist an einem Universitätsklinikum tätig und engagiert sich dort zusätzlich in Projekten zur Prozessanalyse, Prozessmodellierung und Optimierung sowie im Projektmanagement. Ein besonderes Interesse von Dr. Stefan Wagner gilt der elektronischen Prozessunterstützung, etwa in der Tumordokumentation oder bei Datenbankauswertungen.
Zu Beginn klären Götz Müller und Dr. Stefan Wagner die Begriffe Krankenhaus, Klinik und Klinikum. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden sie oft synonym verwendet. Formal ist das Krankenhaus der Oberbegriff, definiert durch gesetzliche Vorgaben. Es bietet stationäre Behandlung, Diagnostik, Therapie, Pflege und weitere Leistungen wie Verpflegung an. Je nach Versorgungsstufe unterscheidet man Regelversorgung, Schwerpunktversorgung und Maximalversorgung. Universitätskliniken gehören zur höchsten Versorgungsstufe und haben zusätzlich Aufgaben in Forschung und Lehre.
Im Hinblick auf Prozessarten beschreibt Dr. Stefan Wagner die zentralen Leistungsprozesse im Krankenhaus: ärztliche Behandlungsprozesse mit Diagnostik, Therapie und Nachsorge sowie Pflegeprozesse, unterteilt in Grundpflege und Behandlungspflege. An Universitätskliniken kommen Forschung und Lehre als weitere Kernprozesse hinzu. Unterstützungsprozesse umfassen unter anderem Apotheke, Materialwirtschaft, technischen Dienst, Küche, Wäscherei sowie Ver- und Entsorgung. Auch Führungsprozesse, etwa durch Pflegedienstleitung oder Verwaltung, spielen eine wichtige Rolle und ähneln denen klassischer Unternehmen.
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist das Spannungsfeld zwischen Ressourcen- und Flusseffizienz, wie es von Niklas Modig und Pär Ahlström in „This is Lean“ beschrieben wird. Ressourcen stehen für Ärzte, Pflegekräfte und technische Ausstattung, die möglichst gut ausgelastet sein sollen. Flusseffizienz hingegen fokussiert den Patienten und dessen zügigen Durchlauf durch Diagnostik und Therapie. Dr. Stefan Wagner schildert, dass Terminengpässe, begrenzte Kapazitäten und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu Wartezeiten führen können. Leitlinien, insbesondere evidenzbasierte, geben Ärzten Orientierung bei Diagnostik und Therapie, sorgen für Qualitätssicherung, können jedoch den Handlungsspielraum strukturieren.
Wirtschaftliche Aspekte zeigen sich etwa im Medikamenten- und Materialeinkauf. Krankenhäuser arbeiten mit Hauslisten und verhandelten Verträgen, wodurch unterschiedliche Präparate oder Verbrauchsmaterialien eingesetzt werden. Diese Entscheidungen sind wirtschaftlich motiviert, müssen aber medizinisch vertretbar bleiben.
Von der Industrie kann das Gesundheitswesen nach Einschätzung von Dr. Stefan Wagner insbesondere Prinzipien wie Just-in-Time lernen, wobei aufgrund von Notfällen stets Sicherheitsbestände erforderlich sind. Ebenso gewinnen Change-Management, Qualitätsmanagement und Vorschlagswesen an Bedeutung. Mitarbeiter werden ermutigt, Verbesserungsvorschläge einzubringen. Auch IT-gestützte Prozessunterstützung ist ein zentrales Lernfeld.
Ein großes Problem stellen Medienbrüche dar. Häufig existieren Mischformen aus Papier- und elektronischer Dokumentation, was zu Doppelerfassungen führt. Patienten werden mehrfach nach denselben Informationen gefragt, etwa zu Allergien oder Vorerkrankungen. Unterschiedliche IT-Systeme, insbesondere in Universitätskliniken mit spezialisierten Anwendungen, erschweren die einheitliche Datenhaltung. Dr. Stefan Wagner plädiert für ein Single-Source-Prinzip, bei dem Daten zentral erfasst und über Schnittstellen nutzbar gemacht werden. Tablet-basierte Visiten sind ein Beispiel für Fortschritte: Elektronische Kurven ersetzen Papier, Einträge erfolgen direkt am Patientenbett und sind sofort systemweit verfügbar.
Auch Checklisten, inspiriert von der Luftfahrt, tragen zur Patientensicherheit bei, etwa durch Team-Time-Outs vor Operationen. Statistik spielt eine zunehmende Rolle, sei es im Medizincontrolling, bei der Analyse von Verweildauern oder in der Versorgungsforschung. Krebsregisterdaten werden bundesweit zusammengeführt und ermöglichen belastbare Auswertungen zu Mortalitätsraten und Therapieverläufen.
Starke Regulierung und ökonomischer Druck prägen die Prozesse zusätzlich. Diagnosis Related Groups beeinflussen Abrechnung und Dokumentation. Experten im Controlling unterstützen bei der Kodierung. Gleichzeitig führen demografischer Wandel und steigende Pflegebedarfe zu Arbeitsverdichtung. Diskussionen um wohnortnahe Versorgung versus Spezialisierung sowie Zertifizierungen, etwa in der Onkologie, wirken ebenfalls auf die Prozessgestaltung.
Abschließend diskutieren Götz Müller und Dr. Stefan Wagner das Thema kontinuierliche Verbesserung. Neben klassischem Vorschlagswesen gibt es auch im Krankenhaus regelmäßige Besprechungen, etwa in Form von Qualitätsmanagementrunden oder Oberarztkonferenzen, in denen Prozesse reflektiert und angepasst werden. Die konkrete Ausgestaltung variiert je nach Fachabteilung. Beide Gesprächspartner betonen, dass Industrie und Gesundheitswesen voneinander lernen können, insbesondere im systematischen Umgang mit Prozessen und Verbesserungen.
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