
Kaizen 2 go 322 : Lean im Gesundheitswesen
Fragestellungen aus der Unterhaltung mit Arnout Orelio: Wenn wir über Lean im Gesundheitswesen reden, welche Bereiche muss man da differenzieren und was sind mögliche Unterschiede? Was sind die größten Herausforderungen in diesen Bereichen? Was sind die Ursachen dafür? Was sind mögliche Auswege aus diesen Dilemmata? Welche Voraussetzungen sind bei den betreffenden Entscheidern und Beteiligten notwendig? Wie kann der Einstieg ins Lean Management aussehen? Was sind die ersten Schritte? Was kann man als Einzelner tun, wenn man mit der Situation unzufrieden ist? Wo kann man sich über Lean Management im Gesundheitswesen informieren?
Das Transkript der Episode ist hier verfügbar.
Kaizen 2 go 322 : Lean im Gesundheitswesen
KI-generierte Zusammenfassung des Transkripts
In dieser Episode spricht Götz Müller mit Arnout Orelio über die Anwendung von Lean Management im Gesundheitswesen. Arnout Orelio beschreibt sich selbst als „Außenseiter“ in dieser Branche. Er ist ursprünglich Maschinenbauingenieur und hat zusätzlich Innovationswissenschaften studiert. Nach Stationen in der Automobilindustrie, im Projektmanagement und als Berater wandte er sich 2005 dem Lean Management zu. Ein persönliches Erlebnis im Krankenhaus, das für ihn viele Schwächen in der Organisation und Qualität offenbarte, führte dazu, dass er sich entschied, Lean-Prinzipien konsequent im Gesundheitswesen zu etablieren. Seit über 15 Jahren arbeitet er daran, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen zu verbessern und sieht seine Mission darin, das Gesundheitswesen auf ein Weltklasse-Niveau zu bringen.
Arnout Orelio betont, dass Lean Management in allen Branchen funktioniert, auch wenn das Gesundheitswesen sich selbst oft als besonders komplex wahrnimmt. Häufig begegnet ihm der Einwand, die Prinzipien aus der Industrie ließen sich nicht auf den medizinischen Bereich übertragen. Er sieht darin jedoch vor allem eine Haltung des Widerstands. Die Lean-Prinzipien seien universell, auch wenn die Menschen im Gesundheitswesen zunächst glaubten, ihre Situation sei einzigartig. Entscheidend sei nicht die Übertragung von Lösungen, sondern das gemeinsame Erarbeiten von Verbesserungen durch die Menschen selbst.
Ein wiederkehrendes Muster in seiner Arbeit ist die Ablehnung des Vergleichs mit der Automobilindustrie. Arnout Orelio begegnet diesem Argument, indem er neutrale Metaphern nutzt, etwa das Bild eines Schiffes im Kanal. So werden die Grundprinzipien des Lean Managements in einen neuen, unverfänglichen Kontext gestellt. In der Praxis arbeitet er mit Beobachtung und Feedback vor Ort, im sogenannten Gemba. Durch gezieltes Fragen und Reflektieren schafft er bei den Beschäftigten Bewusstsein für ihre Arbeitsweisen und Potenziale zur Verbesserung.
Beide Gesprächspartner sind sich einig, dass der Blick von außen – das Vermeiden von Betriebsblindheit – einen großen Wert besitzt. Arnout Orelio sieht im Gesundheitswesen ein spezifisches Problem: Dort wird primär in Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten gedacht, nicht in Prozessen. Ärzte und Pflegekräfte konzentrieren sich auf den individuellen Patienten, erkennen aber oft nicht, dass gute Patientenversorgung stabile und klar definierte Prozesse voraussetzt. Im Krankenhaus sei Prozessmanagement weitgehend unbekannt, was sich in Wartezeiten, Ineffizienz und mangelnder Koordination äußere.
Als zentrale Ursache nennt Arnout Orelio die Ausbildung von Ärzten und Pflegekräften. Sie konzentriert sich ausschließlich auf medizinisches Wissen und vernachlässigt organisatorisches Denken. Ergänzend kommt hinzu, dass Managementaufgaben häufig von Personen ohne medizinischen Hintergrund übernommen werden. Dadurch entsteht eine Trennung zwischen Denken und Tun: Diejenigen, die planen und entscheiden, sind nicht dieselben, die unmittelbar am Patienten arbeiten. Dieses tayloristische Prinzip erschwert die Identifikation realer Probleme und führt zu Lösungen, die an der Praxis vorbeigehen.
Für Arnout Orelio liegt der Schlüssel in der Rückgabe von Verantwortung an diejenigen, die die Arbeit verrichten. Lean Management könne vor allem dann Wirkung entfalten, wenn die Beschäftigten lernen, Probleme selbst zu erkennen, zu analysieren und zu lösen. Dafür seien technische Methoden allein nicht ausreichend – entscheidend sei Führung. Diese müsse nicht aus der Hierarchie kommen, sondern aus der Kompetenz, reale Probleme zu verstehen und zu bewältigen. Führung entstehe also aus der Fähigkeit, die größten und komplexesten Herausforderungen zu lösen.
Arnout Orelio plädiert für ein Verständnis von Führung, das auf Lernen, Selbstentwicklung und Verantwortung basiert. Kontinuierliche Verbesserung könne nur gelingen, wenn alle Menschen beteiligt sind und die Freiheit haben, eigene Ideen umzusetzen. So entstehe eine Kultur, in der Verbesserung zur Selbstverständlichkeit wird. Götz Müller ergänzt, dass dieser Gedanke nicht auf das Gesundheitswesen beschränkt ist. Ob in der Industrie, im Handwerk oder in Dienstleistungsunternehmen – letztlich gehe es immer darum, Menschen in die Lage zu versetzen, zu lernen und Verantwortung zu übernehmen.
Arnout Orelio verweist in diesem Zusammenhang auf das Leadership Development Model von Jeffrey Liker. Es beschreibt, wie Veränderung mit Selbstentwicklung beginnt. Wer sich selbst weiterentwickelt, kann sein Umfeld beeinflussen und eine Bewegung anstoßen, die sich organisch ausbreitet. Diese Form des Wandels sei nachhaltiger als hierarchische Vorgaben, weil sie auf innerer Überzeugung basiert. Veränderung müsse also „von innen nach außen“ geschehen.
Götz Müller fragt, wie Einzelne aus der „erlernten Unselbstständigkeit“ ausbrechen können. Arnout Orelio sieht darin eine Frage der persönlichen Haltung. Wer etwas ändern wolle, müsse Verantwortung übernehmen und sich zum Lernen verpflichten. Lernen sei wichtiger als das kurzfristige Ergebnis, denn nur wer versteht, wie Ergebnisse entstehen, könne dauerhaft Verbesserungen erzielen. Unterstützung durch Coaching und Mentoring könne helfen, die notwendige Lernkompetenz zu entwickeln.
Im weiteren Verlauf stellt Arnout Orelio sein Buch „Lean Thinking in Health Care“ vor. Er betont, dass der Titel bewusst „in“ und nicht „for“ Health Care lautet, weil Lean Thinking nicht speziell für das Gesundheitswesen entwickelt wurde. Das Buch beschreibt eine Strategie, wie kontinuierliche Verbesserung und Respekt vor Menschen gleichzeitig umgesetzt werden können. Entscheidend sei, Lernen und Ergebnisorientierung miteinander zu verbinden: Nur wenn beides im Gleichgewicht steht, könne nachhaltige Entwicklung entstehen.
Zum Abschluss betont Götz Müller, dass die in der Diskussion aufgeworfenen Probleme universell seien. Sie beträfen alle Organisationen, unabhängig von Branche oder Größe. Die Herausforderung bestehe darin, Menschen zum Lernen und Mitdenken zu motivieren – die Grundlage jeder echten Verbesserung. Arnout Orelio stimmt dem zu und unterstreicht, dass die Prinzipien des Lean Managements überall gelten, wo Menschen gemeinsam Probleme lösen.
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