Starre Fabriken: Lean sollte von Anfang an dazu gehören?

Starre Fabriken: Lean sollte von Anfang an dazu gehören?

Um den Anforderungen des internationalen Wettbewerbsdrucks gerecht zu werden, setzen immer mehr Unternehmen auf eine schlanke Produktion. Doch die bestehenden Verfahrensmuster werden den Anforderungen nicht gerecht. Zu Fabrikplanung und Lean.

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Podcast, 14. Februar 2023 um 04:30 Uhr in LeanMagazin von LKB Redaktion*)


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Der hart umkämpfte Markt stellt immer höhere Anforderungen an Firmen, die produzieren. Eine breite Palette von Produktvarianten, hohe Qualität und marktgerechte Preise. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, setzen viele Unternehmen auf schlanke Produktionsmethoden. Allerdings scheitern die Fabriken oft an mangelnder Flexibilität, um dem Veränderungsbedarf gerecht zu werden. Infolgedessen werden Lean-Verbesserungsmethoden oft nur auf der untersten Produktionsebene der Fabrik eingeführt.

Eine Studie zum Thema "Lean Factory Design" greift noch weiter und behauptet, dass die vorliegenden Vorgehensmodelle in Sachen Fabrikplanung der Herausforderung nicht gewachsen sind. Abgesehen davon, dass Lean in der gesamten Fabrik umgesetzt werden sollte, um insgesamt Verbesserungen und Kosteneinsparungen zu erzielen, empfehlen die Studienautoren, Fabrikstrukturen von Anfang an nach Lean-Kriterien zu planen und zu gestalten.

Weichen für die Zukunft stellen

Das sieht auch Dr. Julia Boppert, Expertin für Produktionsmanagement, Logistik und Materialwirtschaft, so. Sie war selbst schon an mehreren Fabrikplanungsprojekten beteiligt – "für neue Produktionsanlagen in der Automobilindustrie oder der chemischen Industrie. Für neue Logistikzentren, aber auch für Umbauprojekte und Umstrukturierungen in bestehenden Werken." Die Branchen, die auf eine entsprechende Fabrikplanung angewiesen sind, sind vielfältig aufgestellt. "Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie ihre Prozesse verbessern wollen, um robuster, schneller oder flexibler auf die Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen zu können. Und dabei möglichst ein verlässliches Arbeitsklima schaffen", beschreibt sie weiterhin.

Dabei glaubt sie fest daran, dass Lean die essenzielle Basis für Fabrikplanungen sein muss. "Schließlich stellt man mit den Ergebnissen der Gebäude- oder Layoutplanung auch die Weichen für die Prozesse der kommenden Jahre", fügt sie hinzu. Wenn an dieser Stelle keine Lean-Ansätze zur Verwendung kommen, verbaue dies viele Möglichkeiten. "Das führt dann oft für viele Jahre zu Abläufen, die eben zu wenig Kundenwert im Fokus haben können oder immens erhöhte Aufwände bedingen."

Die Autoren der Studie bezeugen dies. Die Notwendigkeit für die Entwicklung einer Lean-gerechten Fabrikplanungsmethode ergibt sich aus der Feststellung, dass bisherige Vorgehensmodelle zu unflexibel seien, um der Vielschichtigkeit von Produktionssystemen standzuhalten. Sie würden die Fabrikplaner vielmehr zu Ergebnissen führen, die im Widerspruch zu den Prinzipien der schlanken Produktion stehen.

Die beste Entscheidung aus Prozesssicht

Dementsprechend betont Julia Boppert die Wichtigkeit eines Lean Mindsets bei den Beschäftigten eines Unternehmens. Vor allem aber dessen Verinnerlichung bei den Entscheidungsträgern. "Dies beginnt bei den Lean-Prinzipien und der Fokussierung von Wertstrom etc. Umfasst aber auch wichtige Aspekte, wie die Unterscheidung zwischen prozess- und flächenoptimaler Planung und vieles mehr." Dabei empfindet sie es wünschenswert, "wenn in der Planung die Entscheidung für die beste Variante aus Prozesssicht getroffen wird – und nicht für die billigste Lösung, die dann oft zu immensen Mehraufwänden oder Problemfeldern im operativen Betrieb führen kann."

Diesen Fall beschreibt sie anhand eines Beispiels ausführlicher: "So würde man zum Beispiel aus Prozessgründen gerne ein Durchlaufregal wählen, bei dem man einen Weg hinter dem Regal, zur Befüllung, und zusätzlich vor dem Regal, zur Entnahme, benötigt. Dafür kann man aber ohne großen Aufwand ein- und auslagern. Die Alternative, die aus Kostengründen wahrscheinlich priorisiert wurde, wäre dann gegebenenfalls ein Fachbodenregal mit Ein- und Auslagerung auf der gleichen Seite." Die Konsequenz dieser Entscheidung? Für die Einhaltung der First In First Out-Methode beispielsweise, müssten immer erst die älteren Produkte entnommen, die neuen dahinter eingelagert und die älteren dann wieder davor platziert werden, beschreibt die Expertin weiterhin.

"Der zusätzliche Aufwand im Betrieb ist also enorm und auch das Fehlerpotenzial steigt deutlich. Genau diese Überlegungen an vielen, vielen Stellen müssen in einer guten Fabrikplanung berücksichtigt werden – um auch möglichst gut im laufenden Betrieb profitieren zu können", ergänzt sie schließlich.

Factory Innovation – Anforderungen aus der Lean Production

Ein interessanter Artikel, der im Fachmagazin Factory Innovation erschienen ist, ergänzt diesen Gedankengang. Um diese Philosophie in die Fabrikplanung integrieren zu können, muss zunächst ermittelt werden, welche Anforderungen Lean Production an eine Fabrik stellt. Damit die einzelnen Stationen der Fabrik auf die Vermeidung von Verschwendung ausgerichtet sind. Wie bei Julia Boppert geht es auch bei Factory Innovation zunächst um die Anforderungen an die Fabrikebene "Raum". Und schildert, dass darin uniforme, ordentliche und ergonomische Arbeitsplätze im Sinne der Lean Production geschaffen werden sollen. "Einheitliche und saubere Arbeitsplätze schaffen Klarheit im Arbeitsbereich, erleichtern die Arbeit und reduzieren die Fehlerquote in der Produktentstehung. Eine moderne, funktionsorientierte Ausstattung kann die Motivation der Mitarbeiter zusätzlich steigern", beschreibt die Website.

Im Bereich der Technik hingegen wird der Einsatz von Werkzeugen gefordert, die leicht zu erlernen und zu bedienen sind. Im Bereich der Organisation bedarf es klarer Arbeitsschritte, die Prozesse nachvollziehbar beschreiben. Vor allem aber sei es wichtig, die Beschäftigten einzubinden. Deren Zufriedenheit und Bereitschaft haben letztlich einen großen Einfluss auf die erfolgreiche Umsetzung von Lean im Betrieb. "Entscheidend für die Umsetzung der Lean-Philosophie sind das Know-how der Mitarbeiter, ihre Kommunikationsbereitschaft sowie die Motivation zur Umsetzung der Maßnahmen."

*) Mit der Erstellung dieses Textes wurde von uns das futureorg institut beauftragt, welches wiederum Frau Sali Abbas hiermit beauftragt hat.



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