Nachhaltige Logistik im Kontext LeanGreen

Nachhaltige Logistik im Kontext LeanGreen

Grüne Logistik, auch als nachhaltige Logistik oder ökologische Logistik bezeichnet, bezieht sich auf den umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Ansatz bei Transport-, Lager- und Lieferprozessen. Das Hauptziel besteht darin, die negativen Auswirkungen der Logistik auf die Umwelt zu minimieren und gleichzeitig eine effiziente Versorgung sicherzustellen. Daniela sprach darüber mit Rainer Oszcipok von Eloxess Experts, selbstständiger Logistikberater und spezialisiert auf ökologisch nachhaltige Lieferketten. 

25. August 2023 um 09:00 Uhr von Daniela Röcker


Daniela: Rainer, Du hast Dich als Berater auf ökologisch nachhaltige Lieferketten spezialisiert, warum?

Rainer: Zunächst einmal, weil die klassischen Güterströme zu 99% auf fossilen Energieträgern beruhen und eine enorme CO2-Belastung verursachen. Hier liegt ein Schlüsselbereich zur Klimaverbesserung, für den der Markt bislang keine Beratungsangebote mit Fachspezialisierung anbietet. Eine Beratung zu Green Logistics bedeutet eine ganzheitliche Optimierung von logistischen Systemen, Strukturen und Prozessen zur Schaffung einer umweltfreundlicheren, zirkulären Warenwirtschaft sowie umweltgerechter und ressourceneffizienter Logistikprozesse.

Daniela: Ok, das heißt Du schaust Dir an, welche Transportabläufe es im Unternehmen selbst gibt und auch die bei den beteiligten Logistikunternehmen, richtig? Beziehst Du auch den Transport vorgelagerten Lieferkette ein, den Transport der Zulieferer? 

Rainer: Ja, das ist essenziell, denn mit einer ganzheitlichen Betrachtung und Optimierung der gesamten Lieferkette vom Lieferanten über den Produktionsbetrieb bis hin zum Endkunden lässt sich der größte Gesamtnutzen, neben der Reduzierung von CO2-Emissionen auch signifikante Kosteneinsparungen, für Unternehmen und das Klima erzielen. 

Daniela: Nachhaltigkeit und Transparenz in der Lieferkette sind bei Unternehmen, die schon lange im Kerngeschäft nachhaltig unterwegs sind, selbstverständlich. Bei anderen Unternehmen liegt das Thema noch nicht so lange auf dem Tisch. Was gibt es im Kontext des neuen Lieferkettenschutzgesetzes Deiner Ansicht nach zu beachten? 

Rainer: Das Lieferkettensorgfaltsplichtengesetz, welches seit Januar 2023 in Kraft ist und zunächst für Firmen mit Sitz in Deutschland mit mehr als 3000 Beschäftigten gilt, und ab 2024 auch für Firmen mit mehr als 1000 Mitarbeitende, beschreibt die menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten die Unternehmen in ihren Lieferketten beachten müssen. Mittelbar davon betroffen sind auch KMU mit weniger als 1000 MA. Diese bleiben nur im Geschäft als Zulieferer für die „Großen“, wenn auch sie den gesetzlichen Regelungen entsprechen. Können Sie das nicht, verlieren Sie de facto große Kunden, Umsatz und gefährden u.U. ihre Existenz.

Daniela: Welchen Nutzen haben Kunden durch die Umstellung auf Green Logistics?

Rainer: Durch eine Umstellung auf Green Logistics Prozesse leisten die Firmen nicht nur einen sehr wertvollen Beitrag zum Umweltschutz, sondern überzeugen Ihre Stakeholder und vor allem Ihre Marktkunden durch nachweisbar klimafreundliche Prozesse von ihrem Verantwortungsbewusstsein für die Umwelt und einem gelebten MindSet. Dies kann zur Erschließung neuer Märkte und Kundengruppen führen, sprich Geschäftswachstum, und zum anderen werden aktuelle und künftig verschärfte Klimaschutzvorgaben eingehalten. Das Mitarbeiter-Recruitment profitiert, und eigene Mitarbeitende bleiben erhalten. Letztlich ist dies die Basis für eine erfolgreiche Unternehmenszukunft. 

Der Einsatz den der Wandel der Logistikprozesse zu ökologischer Nachhaltigkeit erfordert, lohnt sich. Die positiven ökonomischen und gesellschaftlichen Effekte werden nicht bloß temporärer Natur sein, sondern dauerhaft – mit einem Wort: nachhaltig.

Daniela: Laß‘ uns nochmal stärker auf den Klimaschutz im Güterverkehrssektor schauen. Der inländische LKW-Güterverkehr ist seit 1991 um 75%* gestiegen und obwohl sich die Fahrzeuge technisch weiterentwickelt haben und Emissionen wie z.B. beim Schwefeldioxid deutlich reduzieren konnten, bleibt die CO2-Emission mit 91%* nahezu unverändert. Ich bin selbst gelernte Speditionskauffrau und habe in meiner Ausbildung noch ein hohes Aufkommen an Kombitransporten, sprich Schiene/Straße, kennengelernt. Heute liegt der Schienengüterverkehr, der deutlich weniger klimaschädlich ist, bei nur noch 18,9%*. Was läuft da Deiner Meinung nach falsch, wenn es um Klimaschutz geht?

(*alle Zahlen umweltbundesamt.de)

Rainer: Tatsächlich birgt eine Verlagerung von Gütertransporten auf die Schiene, auch im Kombinierten Verkehr, eines der größten Einsparpotenziale für CO2-Emissionen. Das diese Verlagerung nicht im großen Stil vorankommt, hängt an mehreren Gründen. 

Zum einen an der mangelhaften Situationselastizität der Bahn. Damit meine ich nicht nur die veralteten und viel zu wenigen in der Fläche vorhandenen Schienentrassen der Bahn, sondern auch die aus falsch verstandener Wirtschaftlichkeitsbetrachtung zahlreichen gekappten Firmengleisanschlüsse, die seit den 90-er Jahren sukzzessive abgebaut wurden. 

Ein Beispiel: ein mir bekanntes Großunternehmen verlud noch 1998 täglich(!) bis zu 3 Ganzzüge mit Stückgut und Langgut deutschlandweit. Diesem Unternehmen wurden 1999 die vorhandenen Gleisanschlüsse genommen. Seither werden die Transporte eben per Diesel-Lkw durchgeführt. Bei täglich bis zu 150 Kompletten Lkw-Ladungen ein immenser Umweltschaden.  

Zum anderen muss man den Güterverkehrsbereich, auch durch neue, geeignete staatliche Rahmenbedingungen, wieder wettbewerbsfähig bekommen. Hierzu gehört dann eine unternehmensfreundliche Fahrplangestaltung, eine agile Dienstleistungsbereitschaft in der Fläche und nicht zuletzt auch günstigere Transportpreise.

Daniela: Unternehmen behaupten mitunter, dass sie sich Nachhaltigkeit nicht leisten könnten. Ist es aber nicht so, dass dies nur eine kurzfristige Sichtweise ist? Eine Nachhaltigkeitsstrategie ist jedoch immer auf Langfristigkeit gerichtet. Worin siehst Du die Vorteile bei Investitionen in Green Logistics?

Rainer: Oftmals herrscht die irrige Meinung vor, dass Investitionen in eine nachhaltige, umweltfreundliche Logistik kaum messbar und finanziell nicht lohnend sei. Das Gegenteil ist der Fall.  Grüne Logistik senkt Abfall, Kosten und CO2-Emissionen. Eine Harvard-Studie (Quelle) ergab, das Unternehmen mit einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie, inklusive Wandel zu Green Logistics, langfristig deutlich erfolgreicher, beispielsweise bei den Auswirkungen auf die messbaren Börsen- als auch Bilanzierungskennzahlen sind, als andere Unternehmen. Firmen mit diesem Mindset sind nicht nur für Kunden attraktiver, sondern auch für neue oder erweiterte Geschäftspartnerschaften. Nicht nur Großunternehmen bewerten die Nachhaltigkeits- und Umweltauswirkungen ihrer Lieferanten sehr genau und investieren entsprechend zielgerichtet.  Zufriedene und treue Kunden verlangen eine schnelle Lieferung und Flexibilität, einfache Retourenabwicklungen und legen immer größeren Wert auf umweltbezogene Handlungsweisen der Hersteller. Durch nachweislich verantwortungsbewusstes Handeln gewinnen nachhaltige agierende Unternehmen daher langfristig loyale Kunden. Nicht zu unterschätzen ist auch der signifikante Imagegewinn der durch die Einhaltung sozialer Gerechtigkeitsaspekte und umweltfreundlicher Prozesse entsteht, und proaktiven Unternehmen einen Wettbewerbsvorsprung verschaffen kann. Zudem gelingt die Rekrutierung von Mitarbeitenden deutlich leichter , denn ein „grünes Unternehmen“ ist attraktiver für junge Fachkräfte die in einer Firme arbeiten möchten, die auch ihre persönlichen Werte glaubhaft verkörpert.

Daniela: In meiner Ausbildung gab es Speditionen, die auch gleichzeitig Konfektionierung angeboten haben. Spezialisierte Kleidungsspeditionen z.B., die die Verpackung der Kleidung übernahmen und sie vollständig fertig für den Verkauf machten. Dies gibt es meines Wissens nach auch für andere Branchen. Welchen Einfluss hat die Grüne Logistik auf den Verpackungsbereich?

Rainer:  Wenn außer den physischen Transportwegen auch das Verpackungsmanagement der Produkte auf Mehrweg und re-use umgestellt wird, potenzieren sich die positiven Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima. Als Beispiel für die Sinnhaftigkeit der Mehrfachverwendung von Verpackungen im Onlinehandel. Die Verpackung macht im Online-Handel 14 Prozent der freigesetzten CO₂-Äquivalente eines Produktes aus. Die Wiederverwendung von Verpackungen und die Verwendung von Mehrwegverpackungen ist daher die einfachste Möglichkeit, den CO₂-Fußabdruck beim Versand zu reduzieren. Dazu sollten die Bestellungen in so wenigen Verpackungen wie möglich verschickt und Füllmaterial eingespart werden. Durch passende Größen sollte auch das Verschicken von Luft verhindert werden. Oftmals bewegen sich die Anschaffungskosten für Einweg- und Mehrwegversandverpackungen auf einem ähnlichen Niveau. Was beim Mehrweg hinzukommt, ist die Retourengebühr für leere Retouren. Mit faltbaren Verpackungen, die über den Briefkasten retourniert werden, lassen sich diese reduzieren. Ebenso über eine perspektivische Rückgabe im Handel. Auch eine Weitergabe von Retourengebühren in Form einer Nutzungsgebühr ist denkbar und wird gut von Kund:innen angenommen. Bei hohen Retourenquoten oder geschlossenen Kreisläufen kann schon jetzt ein nachhaltiger und günstiger Versand realisiert werden.

Daniela: Langfristig wird sich meiner Ansicht nach die Wirtschaft in eine Zirkulärwirtschaft mit intelligenten Materialkreisläufen transformieren müssen – aus rein ökonomischen Notwendigkeiten. Wie kann die Logistik das Ziel einer „circular economy“ unterstützen?

Rainer: Durch eine intelligente Routenplanung und Verbesserung des Auslastungsgrades der Lkw-Befrachtung, und die Konzipierung von „reverse logistics systems“ für Abfälle, Warenverpackungen, Warenrückläufer und Transportverpackungen mit der Rückführung der Materialien zur Wiederaufbereitung, Recycling und letzlich re-using verbleiben die Ressourcen im Lieferkreislauf und dadurch verlängert sich der Produktlebenszyklus. Material-Neubeschaffungen reduzieren sich, Ressourcen werden gespart, und zudem noch signifikant die Einkaufskostenbudgets reduziert.

Daniela: Wie siehst Du die Entwicklung alternativer Antriebstechnologien im Güterverkehrsbereich, insbesondere die E-Mobilität?

Rainer: Gütertransporte mit E-Motoren, sprich E-Lkw, oder auch auf dem Schienenweg sind generell sehr wirksam, um die CO2-Emissionen drastisch zu senken.

Beachtet werden muss aber bei allem die realistische Einsatzmöglichkeit und die verfügbaren Mengen dieser Technologien.

Ein Beispiel: In Deutschland gibt es ca. 1,2 Mio schwere Lastkraftwagen für den Gütertransport. Davon sind gerade einmal ca. 25.000 Fahrzeuge mit E-Motoren ausgestattet. Dies entspricht einem Marktanteil von ca. 2 %. Verschwindend wenig also. Zudem ist auch die Reichweite der E-Batterien bei Lkw mit 250 – 400 km sehr eingeschränkt. Dies zwingt dazu, diese E-Lkw eher im regionalen Umkreis für Kurzstrecken einzusetzen. Zudem mangelt es deutschlandweit an der entsprechenden Infrastruktur durch viel zu wenige Ladesäulen. Ein klarer Auftrag an die Politik, die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Daniela: Wie siehst Du die Zukunft der Berufskraftfahrer? Es gibt bereits jetzt personelle Engpässe, der Beruf ist für junge Menschen nicht besonders attraktiv. Liegt die Zukunft vielleicht wieder auf der Schiene oder im kombinierten Transport?

Rainer: In der Tat ist der Lkw-Fahrermangel ein Riesenproblem, das m.M.n. nicht durch eine Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene aus den bereits erwähnten Gründen signifikant behoben werden kann. Schlicht weil es gar keine Transportkapazitäten auf der Schiene hierfür gibt.

Derzeit fehlen etwa 70.000 Lkw-Fahrer:innen. Da pro Jahr ca. 30.000 Lkw-Fahrer:innen altersbedingt ausscheiden, jedoch nur ca. 15.000 den Beruf neu ergreifen, verschärft sich allein durch diese Differenz der Fahrermangel jährlich um etwa 15.000 fehlende Lkw-Fahrer:innen

Wir werden noch über eine geraume Zeit den weit überwiegenden Anteil von Gütertransporten auf der Straße per Lkw sehen. Daher gilt es andere Ansätze zur Begegnung des Fahrermangels zu verfolgen. In einem Positionspapier der Branchenverbände bdo, BGL, DSLV und BDE an die Politik wird eine Reform der Berufskraftfahrerausbildung vorgeschlagen. (Quelle). Ein spannender Ansatz wäre die Nutzung autonom fahrender Lkw im Platooning-Verkehr. Doch hierzu muss natürlich die Infrastruktur vorhanden sein (Ladesäulen, 5G-Netz)

Weitere Ansätze sind: Attraktive Fahrzeuge, Faire Bezahlung, Bessere Infrastrukturen (Duschen, WCs, Parkplätze), mehr ausländische Kräfte ausbilden, mehr Frauen ans Steuer, freundlicher und respektvoller Umgang an den Rampen, Wertschätzung beweisen.

Daniela: Welche Tipps würdest Du Lean-Unternehmen mit auf den Weg zu einer nachhaltigen Logistik geben?

Rainer: Der erste wichtige Schritt ist eine umfassende Analyse der bestehenden Transport- und Lieferantenwege. Dabei müssen die eingesetzten Transporttechnologien hinsichtlich Kosten, Leistungsqualität und Umweltbeeinflussung bewertet werden. Wir empfehlen im Fortgang die Konzeption einer umfassenden Green Logistics Strategie mit einer klaren roadmap zu erstellen. Dabei ist eine durchgängige Betrachtung und Berücksichtigung der gesamten Lieferketten, also vonm Lieferant über die Produktion / Warehousing bis zur Distribution der Produkte an die Endkungen unabdingbar.  „end-to-end Transparenz“ ist dabei ein essenzieller Faktor, der mit moderner KI-gestützten Softwaretools leicht und kostengünstig realisierbar ist.

Daniela: Herzlichen Dank, Rainer, für Deine Zeit und wer Dich virtuell kennenlernen möchte, findet Dein Profil hier auf der Leanbase im LeanNetwork



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