
Eine wissenschaftliche Denkweise – die Allzweckzutat für jede Organisation
Als ich nach dem College in der Industrie arbeitete, erlebte ich meinen ersten Kreuzzug mit der Qualitätsbewegung, die sich um Ideen von W. Edwards Deming bildete. Später stieß ich zur Lean-Bewegung, die sich um Beschreibungen der Vorteile des Toyota-Produktionssystems in dem einflussreichen Buch Die zweite Revolution in der Autoindustrie aus dem Jahr 1990 bildete. Es schadete nicht, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits von der Industrie in die Organisationsforschung gewechselt war und einige Verbindungen zu Toyota hatte, dem Vorläufer dessen, was Die zweite Revolution als „Lean“ bezeichnete. Schließlich funktionierte Lean jedoch nicht wie erwartet und ich wandte mich wieder einer Richtung zu, in die mich meine Forschung zog. Der Lean-Bewegung fehlte offensichtlich noch etwas.
Was fehlte, war eine subtile Denkweise, die Toyotas Ansatz zugrunde liegt. Wir untersuchten Toyota erneut und konzentrierten uns diesmal auf (a) die weniger sichtbare Denkweise und das Verhalten von Managern und Führungskräften, die wir dachten vielleicht zu Toyotas Erfolg bei Verbesserungen und Anpassungen beitragen, und (b) darauf, wie solche Denkweise und Verhalten außerhalb von Toyota übermittelt oder entwickelt werden könnten. Etwa zu dieser Zeit stimmte die Gehirnforschung über Gewohnheiten und Gewohnheitsänderungen mit unseren Erkenntnissen überein, was ermutigend war. Unsere Forschungsergebnisse wurden 2009 als Buch Die Kata des Weltmarktführers veröffentlicht.

Insgesamt kamen wir zu dem Ergebnis, dass Toyotas bemerkenswerter, jahrzehntelanger Erfolg in Sachen kontinuierliche Verbesserung und Anpassungsfähigkeit in erheblichem Maße auf die tägliche Praxis eines praktischen Ansatzes wissenschaftlichen Denkens im gesamten Unternehmen zurückzuführen ist, wobei Manager die Rolle von Trainern übernehmen. Ungewöhnlicherweise werden bei Toyota Training und Handeln vereint. Während Menschen mit ihren Aufgaben beschäftigt sind, werden sie gleichzeitig gecoacht, wie sie ihre Ziele durch eine wissenschaftliche Denk- und Handlungsweise erreichen können. Dadurch entwickeln sich gemeinsame Fähigkeiten und Sprache, die es Toyota ermöglichen, zu spüren, zu lernen, sich anzupassen, lokal zu reagieren und in unvorhersehbaren Umfeldern erfolgreich zu sein, während das Unternehmen gleichzeitig seine Werte aufrechterhält und den Fokus auf Ziele und Kunden behält.
Eine wissenschaftliche Denkweise ist Neugier auf eine Welt, die wir nie ganz verstehen werden, aber wir wollen den nächsten Schritt gehen, um sie ein wenig besser zu verstehen. Es geht darum, sich mit der Realität auseinanderzusetzen und Freude an der Lernreise zu finden. Bei Toyota bedeutet dies, anzuerkennen, dass unser Verständnis immer unvollständig und möglicherweise falsch ist, zu verstehen, dass Ideen getestet werden müssen, und zu schätzen, dass, wenn die Dinge anders laufen als erwartet, es uns neue Informationen bietet die wir zwecks Adaptivität nutzen können. Dieser Prozess beinhaltet einen ständigen mentalen Vergleich zwischen unseren Vorhersagen und was tatsächlich passiert, wodurch wir unser Verständnis verfeinern und künftige Schritte basierend auf dem, was wir entdecken anpassen können. Es ist ein wertvoller Lernansatz, der in Ihrem gesamten Unternehmen angewendet werden kann, genau wie es Toyota tut.
Nächste Frage. Wie kann man diese Art von Fähigkeit, Denkweise, Gewohnheit und Kultur innerhalb eines ganzen Teams oder einer ganzen Organisation entwickeln? Welche Erkenntnisse haben wir dazu gewonnen?
Es stellt sich heraus, dass der Ansatz dem ähnelt, was wir aus Sport und Musik schon kennen: tägliches Üben unter Anleitung eines Coaches, um Fähigkeitenelemente zu verfeinern, während wir an echten Zielen arbeiten. Wir verändern unsere Gewohnheiten durch gezieltes Üben, schrittweise und oft mit Hilfe eines Trainers. Es ist lustig, sich vorzustellen, wie Gehirnforscher, Sporttrainer und Musiklehrer darauf mit „Ja, ist doch selbstverständlich“ reagieren würden. Desweiteren bedeutet „everyone, every day“, dass dieser Übungs- oder Trainingsansatz (einschließlich des Coachings) in die tägliche Arbeit integriert werden muss, genau auch wie bei Toyota.

Die Richtung, in die ich mich bewegt hatte, wurde insgesamt als „Toyota Kata“ (TK) bekannt, als eine Methode bewussten Übens, die darauf abzielt, ein praktische, alltägliche wissenschaftliche Denkweise innerhalb eines Teams oder einer Organisation zu fördern. Der Begriff „Kata“ stammt aus dem Kampfsport, bei denen komplexe Fähigkeiten in Elemente zerlegt werden, die die Praktizierenden einzeln üben und dann kombinieren, um sie in unterschiedliche, dynamische Situationen anzupassen. Hier sind zwei Aspekte von TK, die ich schätze:
- Bei TK geht es darum, kleine Routinen zu üben, die im Laufe der Zeit wissenschaftliche Denkfähigkeiten und 'Mindset' aufbauen. Dieser inkrementelle Ansatz entspricht eher wie unser Gehirn sich ändert, als zu versuchen, ein ganzes Konzept auf einmal zu übernehmen.
- TK und eine wissenschaftliche Denkweise können gut 'mit anderen spielen'. Eine wissenschaftliche Denkweise ist ein Zutat – ein Element – das nahezu jeden Geschäftsansatz effektiver macht. Es ist keine Methode zur Problemlösung, Qualität, Lean oder Agilität, sondern eher eine neuronale Justierung, die Sie, Ihr Team und Ihre Organisation zu besseren Problemlösern und anpassungsfähiger macht. Das heisst, dass TK nicht von Ihre bestehenden Geschäftsinitiativen ablenkt, sondern sie besser funktionieren lässt. Toyota Kata ersetzt nicht, was Sie tun. Es ist eine Allzweckelement, die Sie bei allem, was Sie zu erreichen versuchen, erfolgreicher macht.
Ich hoffe, Sie erkennen, dass Sie keinen Laborkittel brauchen, um eine wissenschaftliche Denkweise zu üben. Es ist nicht nur professionellen Wissenschaftlern vorbehalten; sondern eine vielseitige Fähigkeit, von der jeder profitieren kann. Es ist eine Metafähigkeit; ein universeller Ansatz, der uns hilft, unsere innenwohnende kognitiven Vorurteile zu überwinden, wenn wir ein Ziel verfolgen oder ein Problem angehen. Eine Allzweckzutat!
Interessanterweise beschreiben weder die traditionelle „wissenschaftliche Methode“ aus der Schule noch das beliebte „PDCA/PDSA“-Framework der Lean Community eine Denkweise, was nicht überraschend ist. Wir tendieren oft zu Methoden, anstatt uns auf unsere Denkprozesse zu konzentrieren. Warum ist das so? Es könnte sein, dass Methoden einfacher zu veranschaulichen sind, während das Artikulieren einer Denkweise schwierig, wenn nicht sogar unmöglich sein kann. Dennoch haben unsere internen Denkmuster oder Paradigmen mehr Einfluss und Macht über uns als eine externe Methode. Wir können sie jedoch mit Absicht modifizieren. Das Geheimnis besteht darin, eine Methode zu wählen, die speziell darauf ausgelegt ist, eine Denkweise zu entwickeln. Genau das ist Toyota Kata.
Eine wissenschaftliche Denkweise ist nicht unsere instinktive Herangehensweise, denn unser Gehirn zieht oft voreilige Schlüsse, die von unseren Vorurteilen beeinflusst werden. Die gute Nachricht ist, dass jeder eine wissenschaftlichere Denk- und Reaktionsweise entwickeln kann, indem wir die sogenannten „Starter Kata“ Übungsroutinen der Verbesserungs-Kata und der Coaching-Kata bewusst üben. Und dies ist die Essenz von Toyota Kata – die Integration einer wissenschaftlichen Denkweise in unser tägliches Leben. Es ist inspirierend zu sehen, dass immer mehr Menschen, Teams und Organisationen die tiefgreifenden Vorteile erkennen, die eine wissenschaftliche Denkweise für Wirtschaft, Bildung und unser Privatleben mit sich bringen kann.
Treten Sie der Kata-Community bei und erleben Sie es selbst!
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