Über die unfreiwillige Komik von Management-Phrasen

Über die unfreiwillige Komik von Management-Phrasen

Ich sitze im Büro, also bin ich?
Diesen Mythos verbreiten vor allem Konzerne mit allerlei Bespaßungsmaßnahmen, um zu kaschieren, dass das Angestelltendasein immer noch in einem „Gehäuse der Hörigkeit“ stattfindet, wie es die „Wirtschaftswoche“ mit Verweis auf Max Weber beschreibt.
Freiheit am Arbeitsplatz sei nur ein anderes Wort für Dressur.

#leanmagazin
am 21. 07. 2016 um 16:13 Uhr in LeanMagazin von Gunnar Sohn


„Die Welt dreht sich schnell und immer schneller, verraten uns die Soziologen, nur im Büro steht alles still. Kein Fortschritt nirgends, weit und breit. Der Mensch hat im vergangenen Jahrhundert den Fernseher erfunden, den Mond besucht und das Genom entschlüsselt, allein sein Angestelltenleben innoviert, das hat er nicht“, so die „Wirtschaftswoche“. Noch immer rieche die Büroluft nach Anonymität und Organisation, nach Funktionalität und Vergemeinschaftung, nach Kreativitätswüste und liniertem Denken:

„Ganz gleich, ob eingepfercht in blickgeschützten Boxen oder lichtdurchfluteten Aquarien, in milchverglasten Vorzimmern oder verschließbaren Zellen, ob Seit an Seit im Metropolenloft oder eingelassen in die Weite einer aufgelockerten Bürolandschaft mit Kaffee-Vollautomat und Schallschutz-Stellwänden – im Büro beschleicht einen, frei nach Jean-Jacques Rousseau, das Gefühl: ‚Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch nine-to-five in Ketten.‘“

Je kühner Architektur-Avantgardisten und Management-Gurus die Perfektionierung des arbeitsteiligen Miteinanders auch vorantreiben – heraus komme immer nur eine weitere Mode der humanen Käfig- und Kleingruppenhaltung.

Mister K. und die kreative Knetmasse

Letztlich versteckt sich hinter den modernen Lichtsuppen-Fassaden die alte Ideologie des industriekapitalistischen Taylorismus, der auch die Büroabläufe auf Fließband-Effizienz trimmt. Was an Freiheiten im Bürokomplex zugelassen wird, sind reine Simulationsübungen, um die Mitarbeiter bei Laune zu halten. Selbstbestimmtes Arbeiten sieht anders aus, ob nun die Angestellten am Freitag mit oder ohne Hawaiihemd am Arbeitsplatz erscheinen dürfen. Es sind mehr oder weniger originelle Einfälle des Personalmanagements, um das Büroleben erträglicher zu machen. Das geht am besten mit ganzheitlichen Konzepten, die in speziellen Motivationsseminaren eingeimpft werden. Die lieben Kolleginnen und Kollegen stellen sich im Kreis auf, greifen zum feuchten Händchen des Nachbarn und rufen im Chor: „Es beginnt ein kreativer Tag und ich fühle mich gut. Just great.“

Gestresste Mitarbeiter können ihren Frust in albernen Rollenspielen abbauen. Managementaufgaben werden danach mit Knetmasse nachgestellt, weil man ja alles etwas spielerischer angehen will. Meinen Ex-Kollegen von o.tel.o dürfte der erste Auftritt unseres neuen Chefs – nennen wir ihn Mister K. – noch gut in Erinnerung sein. Mit seinen Autoverkäufersprüchen brachte er in wenigen Minuten die Motivation der kompletten Kommunikationsabteilung auf eine Raumtemperatur von Minus 20 Grad.

Wenn schöpferische Innovationen in holistischen Trauma-Bewältigungs-Workshops mit figurativen Knetgebilden nicht helfen, sollten es die karrierebewussten Büroarbeiter mit „Brainwriting“ probieren und danach ordentlich Teamgeist sowie ganz viel „Commitment“ entwickeln. „Synergien“ müssen am Schluss herauskommen, sonst leidet das „Shareholder-Value-Prinzip“.

Mehr Eier legen

Autoritäre Unternehmensführung und bürokratische Entscheidungsabläufe können Mitarbeiter mit einer „Kulturoffensive“ besser ertragen. Mit Hilfe eines Kulturberaters entwickelt der PR-Chef dann noch ein Unternehmensleitbild. Sieben Thesen, sieben Sätze, sieben Seiten, sieben Kalenderweisheiten. In dem Leitbild ist zu lesen, wie wichtig die Mitarbeiter sind, wie wichtig die Kunden sind – bei einer Aktiengesellschaft kommen noch die Aktionäre oder Shareholder dazu. Ganz fortschrittliche Unternehmen beteuern unter Sonstiges gerne, dass die Arbeit Spaß machen solle und Umweltbelastungen etwas ganz Schreckliches sind. Damit jeder Mitarbeiter das unheimliche Gesicht seines Chefs verinnerlicht, wird „Management by walking around“ praktiziert. Alle vier Wochen gibt es darüber hinaus einen „Beer Bust“: Freibier für müde Seelen in der industrialisierten Dienstleistungsökonomie.

„Ein Ort der individuellen Freiheit und entbundenen Kreativität wird das Büro deshalb auch in Zukunft nicht sein. Denn so weitläufig, bunt und leger es auch daherkommt – bei räumlich konzentrierten Schreibtisch-Arbeitsplätzen handelt es sich immer um geistige Legebatterien, deren Sinn und Zweck darin besteht, dass Hühner in ihnen nicht ein Ei am Tag, sondern zwei legen“, so die „Wirtschaftswoche“.

Die leeren Hurra-Plattitüden der Top-Manager überdecken nur die Realität einer bürokratischen Mikroherrschaft. Übrig bleiben Zynismus bei den Büroarbeitern und eine höchst unfreiwillige Komik von Vorgesetzten, die sich mit dümmlichen Management-Phrasen über Wasser halten.

Zu bewundern in dem legendären Film „Office Space“ in der Rolle des Vorgesetzten Bill Lumbergh, der blöd grinsend mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und einem Becher Kaffee durch die Büroetagen stolpert, um Untergebene an das letzte Memo und die Pflicht zu erinnern, den TPS-Bericht mit einem Deckblatt zu versehen. Bei alldem ist es wohl egal, wie Arbeitsplätze gestaltet werden und wie viele Obstteller für Mitarbeiter zur Verfügung stehen.


Kommentare

Bisher hat niemand einen Kommentar hinterlassen.

Kommentar schreiben

Melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Teilen

Ähnliche Inhalte

Hier findest Du weitere Inhalte zu dem von Dir gewählten Thema. Bei diesen Vorschlägen handelt es sich um eine Auswahl an Inhalten, welche wir insgesamt für Dich auf der LeanBase zur Verfügung stellen.

Objektive Fakten oder subjektive Wahrnehmung – Was hilft im Change-Prozess?

Objektive Fakten oder subjektive Wahrnehmung – Was hilft im Change-Prozess?

Beitrag auf LeanPublishing
am 07. 02. 2018 um 17:24 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Der Auslöser für diesen Artikel war ein Post von Conny Dethloff, Teamleiter BI bei der Otto Group,  in den sozialen Medien. Er sprach von seiner Beobachtung, dass die Menschen mit...

Laberrhabarber

Laberrhabarber

Beitrag auf LeanPublishing
am 08. 09. 2016 um 10:58 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Über die weltweit führende Buchstabensuppe der Unternehmenskommunikation

Die Reichen und die Schönen ... Folge 122

Die Reichen und die Schönen ... Folge 122

Podcast auf LeanPublishing
am 03. 12. 2018 um 11:14 Uhr
Kanal: Interview mit Dr. h.c. Any Nemo

Es wurde ja auch Zeit, dass im Kontext dieser Geschichten mal etwas beim Namen genannt wird: Reichtum und Schönheit. Also folgen hier Gedanken aus dem Kreise der 'Reichen und Schönen',...

Ziele sind NICHT zum Erreichen da

Ziele sind NICHT zum Erreichen da

Beitrag auf LeanPublishing
am 15. 08. 2016 um 20:13 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Ziele sollten als unerreichbar gesetzt, aber als erreichbar wahrgenommen werden.Paradox? Na klar. Lebendigkeit besteht aus Widersprüchen.Keine Widersprüche, keine Lebendigkeit.Diese These...

10 Tipps für eine positive Fehlerkultur

10 Tipps für eine positive Fehlerkultur

Beitrag auf LeanPublishing
am 29. 06. 2017 um 13:39 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Fehler passieren, ob wir wollen oder nicht. Reflexartig, wie aus der Pistole geschossen, reagieren wir auf Fehler oft mit: Wer hat diesen Fehler gemacht? Der Gegenschuss folgt: Ich war es nicht!

Fluch und Segen der informellen Organisation

Fluch und Segen der informellen Organisation

Beitrag auf LeanPublishing
am 25. 10. 2017 um 10:01 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem Thema der informellen Organisation in Unternehmen und fragt, ob diese eingedämmt oder gefördert werden soll.

Gehen Sie auf Entdeckungstour!

Gehen Sie auf Entdeckungstour!

Beitrag auf LeanPublishing
am 10. 05. 2017 um 15:14 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Energiekonzentration hilft Ihnen, die Schwachstellen des Unternehmens aufzuspüren. Wenn anschließend lähmende Spielregeln abgebaut werden, entfesselt sich das Unternehmen in die...

Über Kennzahlenmanie: Ihre Daten sind wahrscheinlich falsch!

Über Kennzahlenmanie: Ihre Daten sind wahrscheinlich falsch!

Beitrag auf LeanPublishing
am 10. 10. 2016 um 20:09 Uhr
Kanal: LeanMagazin

„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, heißt es in „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Das gleiche lässt sich auch über Big...