Lean Management im Handwerk – Teil 2

Lean Management im Handwerk – Teil 2

Beim Einsatz vom Lean Management im Handwerk muss sicherlich das besondere Wesen dieser Branchen berücksichtigt werden.
Dazu gehört beispielsweise auch das vorwiegende Arbeiten mit den Händen, wie es ja schon im Namen zum Ausdruck kommt.

#leanmagazin
am 27. 02. 2017 um 12:13 Uhr in LeanMagazin von Götz Müller


Dadurch entsteht auch ein besonderes Selbstverständnis, das bei der Vorgehensweise berücksichtigt werden sollte, um einen guten Zugang zu den Beteiligten zu erhalten.

Deshalb liegt es hier auch nahe, mit „greifbaren“ Aktivitäten zu beginnen. In der Artikelserie habe ich dazu den Aspekt Verschwendungsarten gewählt. Eng verwandt damit ist das Thema SOS (Sauberkeit, Ordnung, Sicherheit) und 5S als unterstützende Maßnahme. Dass Transport als eine der Verschwendungsarten auch im Handwerk nicht physische Aspekte hat, werde ich dann noch am Ende dieses Artikels aufzeigen.

Von den sieben klassischen Verschwendungsarten – orientiert am Akronym TIM WOOD – treten speziell die Arten besonders in Erscheinung, die mit physischen Aspekten zu tun haben.

Transport

Bei der Transportverschwendung geht es wie in anderen Branchen auch um den Transport von Gütern, Material, Werkzeug und Maschinen. Ähnlich wie in anderen Branchen auch teilt sich die zugehörige Logistik auf in externe Logistik (Lieferung zum Betrieb oder auf die Baustelle) und Intralogistik (innerhalb des Betriebs oder auf der Baustelle). Eine Besonderheit des Handwerks ist, dass ein nicht zu unterschätzender Teil der Logistik von den Handwerkern selbst übernommen wird, sei es zur Baustelle oder auf der Baustelle selbst. Entsprechend groß sind daher auch die Auswirkungen, wenn es hier zu unnötigen Aktivitäten kommt, weil dann nicht nur zusätzlicher Aufwand entsteht, sondern die Mitarbeiter für die eigentlich wertschöpfenden Aktivitäten nicht zur Verfügung stehen.

Inventar, Lager

Lagerung kann ebenfalls ein Problem im Handwerk sein. In vielen Fällen bestehen hier jedoch Möglichkeiten, unnötige Lagerhaltung durch mittlerweile ausgereifte externe Logistikdienstleitung zu vermeiden, wenn die Lieferungen „Just-in-Time“ erfolgen (sowohl A-Teile als auch C-Teile). Ein größeres Problem stellen dagegen eher Materialreste dar, die nach Auftragsende übrigbleiben. Speziell Holz- und Farbreste, beispielsweise in Schreinereien, können dabei ein echtes Problem darstellen, weil oft eine branchenbedingte Einstellung vorhanden ist, dass nichts weggeworfen wird. Da ich selbst quasi in einer Schreinerei aufgewachsen bin, kenne ich dieses Problem aus eigener Anschauung … (was natürlich für bastelfreudige Kinder ein Paradies ist).  ????

Bewegung (Movement)

Unnötige Bewegungen sind im Handwerk, speziell im Baugewerbe, ein großes Problem, wiederum aufgeteilt in die Bewegung auf Baustellen und innerhalb der Baustellen. Wie oben angeführt, ist die Verknüpfung aus Transport und Bewegung ein besonders kritisches Element in Handwerksbranchen. Abhilfe entsteht dabei vor allem dadurch, dass den Beteiligten das notwendige Bewusstsein für diese beiden Verschwendungsarten vermittelt wird und dieses kontinuierlich geschärft wird. Die häufigste Ursache unnötiger Bewegung ist in meiner Wahrnehmung das Fehlen des notwendigen Werkzeugs und Materials am direkten Ort einer Tätigkeit.

Warten & Suchen

Wartezeiten entstehen oft durch die Tatsache, dass im Handwerk eine verhältnismäßig große Wertschöpfungstiefe besteht und sich diese oft sogar auf einzelne Personen abbildet. Deshalb ist es hier wichtig, ggf. die einzelnen Teile der Wertschöpfungskette genau aufeinander abzustimmen und dabei auch auftrags- oder baustellenübergreifende Tätigkeiten zu nutzen. Dies gelingt dann besonders gut, wenn die Vorarbeiter und Mitarbeiter vor Ort einen guten Gesamtüberblick haben, der über den eigenen Tellerrand hinausgeht. Suchvorgänge ziehen speziell auf größeren Baustellen immer wieder andere Verschwendungen nach sich, insbesondere Bewegung, welche durch die verbundene Zeitverschwendung auch nicht reversibel sind.

Überproduktion

Von allen Verschwendungsarten ist die Überproduktion im Handwerk, die mit dem geringsten Verbesserungsbedarf, da in den allermeisten Fällen allen Tätigkeiten ein sehr direkter Kundenbedarf zugrunde liegt und nur sehr selten „auf Halde“ produziert wird.

Überbearbeitung

Grundsätzlich ist im Handwerk der Übergang von der Überproduktion zur Überbearbeitung fließend. Letzteres kann beispielsweise die Fassade sein, die unnötigerweise mehrfach gestrichen wird, obwohl ein mehr als deckender Farbauftrag in den meisten Fällen keinen Vorteil bringt. Übertriebener Perfektionismus kann hier wie auch in anderen Branchenszenarien ein Grund sein. Diese Form der Perfektion, die dann in Überbearbeitung mündet, muss dabei von der Schaffung sinnvoller Wow-Effekte differenziert werden. Überbearbeitung kann ggf. durch den Einsatz von Werkzeugtechnik vermieden werden. Beispielsweise reduziert ein Spritzauftrag von Fassadenfarbe die Zahl der Arbeitsschritte gegenüber dem Einsatz von Walzen, dabei müssen jedoch weitere Randbedingungen beachtet werden (zusätzlich notwendige Reinigungsschritte sind erst ab einer bestimmten Fläche sinnvoll, ebenso wie drohende Verschmutzung der Umgebung zu beachten ist).

Fehler, Defekte

Fehler und Defekte können unter Umständen erst nach Jahren sichtbar werden, speziell wenn sie in vorgelagerten Arbeitsschritten entstanden sind, die von nachfolgenden Arbeitsschritten vermeintlich verdeckt werden. Deshalb ist wichtig, entsprechendes Problemenbewusstsein bei den Mitarbeitern aufzubauen, damit diese geeignete Kontrollen ihrer Arbeit selbst durchführen bzw. im Idealfall die Fehler erst gar nicht entstehen und daraus resultierende Nacharbeiten unnötig werden. Die damit verbundene notwendige Fehlerkultur kann gar nicht genug betont werden, ebenso wie die Fähigkeiten der Vorarbeiter zu einer wirksamen Unterweisung der Mitarbeiter, beispielsweise durch die Job Instructions – Methodik (JIT) des Training Within Industry (TWI).

SOS

Sauberkeit und Ordnung ist speziell auf Baustellen ein kritischer Faktor. Einerseits weil sich dadurch Verschwendungen ergeben (bspw. unnötige Reinigungsschritte bei verschmutzten Gerüsten) und andererseits Gefahrenpotenziale entstehen (bspw. Rutschgefahr auf verschmutzten Gerüsten, Stolpergefahren, Verletzungsgefahren durch fallende Gegenstände). Mangelnde Ordnung und Sauberkeit außerhalb von Rohbaustellen, also in Kundenräumlichkeiten, hinterlässt darüber hinaus keinen guten Eindruck beim Kunden. Aus der fehlenden Ordnung ergeben sich auch Suchzeiten (oft nach Werkzeug) und resultierende Wartezeiten für andere Beteiligte.

5S/5A

Das Mittel der Wahl um Sauberkeit und Ordnung zu erreichen, ist die 5S/5A-Methode. Der Platz im Rahmen dieses Artikels ist sicherlich nicht ausreichend, um die Methode vollständig zu beschreiben. Deshalb soll der Schwerpunkt auf den Anwendungsbereichen liegen, in denen die Methode im Handwerk eingesetzt werden kann. Neben klassischen Werkstatt- und Büroräumlichkeiten sind das die Baustellen und die Fahrzeuge der Mitarbeiter auf den Baustellen. Bei Baustellen besteht die große Herausforderung darin, dass die Lokationen sich immer ändern und damit oft auch die Ausprägungen derselben. Deshalb ist es umso wichtiger, dort geregelte Verhältnisse und Standards zu schaffen. In den Fahrzeuge besteht die Herausforderung darin, es sich dabei im Prinzip „nur“ um große Werkzeug- und Materialtransportbehälter handelt, die im Rahmen von Baustellenarbeiten oft nur zu Beginn und Ende der Arbeiten zum Einsatz kommen.

In beiden Fällen ist es wichtig, mit allen Beteiligten abgestimmte Standards zu vereinbaren und diese auch immer einzufordern.

Transport von Informationen

Zum Abschluss des Artikels will ich jetzt auf die eingangs erwähnte Verschwendung durch nicht physischen Transport besprechen, der im Handwerk speziell dann eine Rolle spielt, wenn die Leistung nicht innerhalb einer festen Lokation in Form eigener Räumlichkeiten erbracht wird. Im Bauhandwerk handelt es sich dabei um die klassischen Baustellen.

Die nicht-physischen Transporte sind beispielsweise die Informationen auf Rapport-Zetteln über erbrachte Leistungen (oft in Form von geleisteten Stunden).

Aus einem Projekt bei einem größeren Handwerksbetrieb (80+ Mitarbeiter) kann ich berichten, dass die Vorgehensweise, um die Rapport- und Stundenzettel nach Arbeits- bzw. Auftraggeber einzusammeln, alles andere als problemfrei ist. Dazu kommt dann noch, dass der Systembruch zwischen dem Blatt Papier und dem Abrechnungssystem umständlich und fehlerträchtig ist.

Auch diese Prozessschritte, in denen im Grunde gar keine Wertschöpfung stattfinden, sind im übertragenen Sinn Transportverschwendungen und sollten deshalb vermieden werden.

Ein Lösungsansatz können dabei Online-Zeiterfassungssysteme (bspw. über Smartphones) sein, die den virtuellen Transport der Informationen minimieren.

Vorteile entstehen dabei nicht nur durch wegfallende Fehler, sondern auch in der Zeitersparnis, wodurch neue Möglichkeiten in Form von erweiterten Steuerungsmechanismen entstehen.

Fazit

Auch in Handwerksbranchen lassen sich mit den klassischen Methoden des Lean Managements Verbesserungen erreichen.

Wichtig dabei ist, dass die bekannten Vorgehensweisen aus industriellen Branchen geeignet transformiert und adaptiert und die Mitarbeiter vor Ort in die Veränderungen einbezogen werden. Hier unterscheiden sich Handwerksbranchen wieder nicht von Industriebranchen oder indirekten Bereichen.


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