Datenökonomie: Lehren aus Lean Management ziehen - ein Plädoyer

Datenökonomie: Lehren aus Lean Management ziehen - ein Plädoyer

Die Geschichte des Lean Managements in der Industrialisierung hält wichtige Lehren für die Datenökonomie bereit. Daher fordert Kamuran Sezer Vertreter des Lean Managements auf, sich mutiger in der Debatte zur digitalen Transformation einzubringen. Der Mensch in datenbasierten Organisationen benötigt genauso einen Fürsprecher wie der Mensch in der Industrialisierung.

#leanmagazin
am 07. 06. 2022 um 04:30 Uhr in LeanMagazin von Kamuran Sezer


In den Fabriken und Büros moderner Arbeitswelten findet im Stillen ein Kulturkampf statt: Technikgläubigkeit gegen Technikphobie. Die einen sind überzeugt, dass im technologischen Fortschritt die Antwort für alle Fragen gibt. Auch für solche, die noch nicht existieren. Die Kritik der anderen ist vielfältig. Im Kern steht die Sorge vor der wachsenden Abhängigkeit des Menschen vor Technologien – und damit die Unterordnung des Menschen.

Dieser Kulturkampf ist keineswegs neu. Vielmehr ist er unser steter Begleiter seit der Industrialisierung. Ob Charlie Chaplin in seinem Film „Moderne Zeiten“, George Orwell in seinem Buch “1984“ oder im Kommunistischen Manifest Karl Marx‘ – sie alle thematisieren das Verhältnis des Menschen zur Technologie. Dazu zähle ich auch die Gewerkschaften einerseits und das Aufkommen der „scientific management“-Bewegung andererseits. Allen ist gleich, dass sie mit Blick auf die Technologie Chancen abwägen, vor Risiken warnen, Probleme lösen sowie Arbeit und Leben besser gestalten möchten.

Datenfriedhöfe kein Thema mehr

Mit der Digitalisierung hat dieser historisch gewachsene Kulturkampf eine neue Dimension erreicht. Die Technologie ist dabei nebensächlich geworden. Im Mittelpunkt stehen die Daten, die von den Maschinen und Menschen produziert werden. Nicht die Produktion der Waren selbst, sondern die Generierung, Aufbereitung und Auswertung der Daten innerhalb und außerhalb eines Unternehmens machen einen Großteil der ökonomischen Wertschöpfung aus. So ist Tesla mehr wert als die traditionellen Autobauer wie Daimler, Volkswagen oder Renault, um nur ein einfaches wie schnelles Beispiel zu liefern.

Die Fähigkeit von Unternehmen, Daten zu generieren, aufzuarbeiten, auszuwerten und den Menschen in den Organisationen verfügbar zu machen, haben die Kräfteverhältnisse in den Märkten nachhaltig verschoben. Je datensouveräner ein Unternehmen ist, umso besser seine Chancen am Markt. Noch vor einigen Jahren waren sogenannte Datenfriedhöfe ein großes Thema. Also möglichst alle im Unternehmen vorfindbaren Daten in den aktiven Datenhaushalt zu überführen, damit sie in der Analyse verwertet werden können. Heute sind sie kein Thema mehr. Auch dann nicht, wenn sie chaotisch in einer Excel-Tabelle isoliert oder sauber aufbereitet in einer modernen Business Intelligence- Applikationen dokumentiert sind.

Technologie nur noch Mittel zum Zweck

Im Lichte von Machine Learning, Big Data oder Data Lakes stehen Unternehmen eine Vielzahl an Lösungen zur Verfügung, um die kleinsten Daten aus der dunkelsten Ecke der unternehmerischen Server oder Cloud-Dienste zu finden und zu verwerten. Mehr noch: die Applikationen sind zunehmend benutzerfreundlich geworden. Für die Auswertung und Analyse der Daten sind nicht einmal Fachkenntnisse erforderlich.

Vor diesem Hintergrund bin ich der Auffassung, dass wir den historisch gewachsenen Kulturkampf neu auflegen müssen. Dabei ist die Polarisierung nach Technologiegläubigkeit und Technologiephobie nicht mehr zeitgemäß; die Technologie ist in der Datenökonomie nur noch Mittel zum Zweck. Die Hardware ist ein inhärenter Bestandteil unseres Lebens und unserer Arbeit geworden. Oft ist sie nicht einmal für das bloße Auge sichtbar. Sie versteckt sich in unseren Uhren, in Straßenampeln oder in der Waschmaschine.

Demnach steht nicht das Verhältnis des Menschen zur Technologie im Fokus, sondern sein Verhältnis zu den Daten. In diesem Fall können wir aus der Vergangenheit lernen. Das Lean Management kann uns dabei ein Wegweiser sein. Einerseits ist die Philosophie dahinter bis heute eine Reaktion gegen die zunehmende Entmenschlichung der Arbeit. Andererseits hat sie - bei genauer Betrachtung - zur Versöhnung des Menschen mit den Technologien beigetragen: Humanzentrierung, Erweiterung der Entscheidungssouveränität der Menschen in der Organisation oder Kundenfokussierung sind einige Merkmale des Lean Managements.

Drei Lehren für die Datenökonomie

Dabei können drei Lehren aus der Lean-Philosophie im Kontext der Industrialisierung auf die Datenökonomie übertragen werden:

Erstens. Auch in der Datenökonomie gilt, dass Technologien nur Mittel darstellen, die dem Menschen dienen. Gleiches gilt für das Verhältnis zwischen Menschen und Daten. Die Generierung, Aufbereitung und Analyse der Daten sind kein Selbstzweck, sondern folgen einzig dem Zweck, den Menschen bei der Erledigung seiner Aufgaben zu entlasten.

Zweitens. Auch in der Datenökonomie sind schlanke Prozesse Voraussetzung. Dies bedeutet jedoch nicht, die über Jahre und Jahrzehnt wild wuchernden Daten-Silos neu zu strukturieren und zu prozessieren. Dafür stehen Applikationen, Software und Methoden zur Verfügung, die der chaotische Datenozean in einem Unternehmen erschließen und sortieren können. Vielmehr gilt es, die Prozesse für die Generierung, Aufbereitung und Auswertung der Daten einfach zu halten. Automatisierungen können dabei eine große Entlastung sein, sodass Daten nicht erst aufwendig per Hand eingegeben werden müssen.

Drittens. Die wohl wichtigste Lehre aus Lean Management in der Industrialisierung ist es, die Kompetenzen der Menschen in den Organisationen kontinuierlich zu fördern. Bei der Datenökonomie ist es die Datenkompetenz. Dazu gehört nicht nur die gewissenhafte Speicherung und Pflege der Daten, sondern die richtigen Daten zu ermitteln, sie richtig zu interpretieren und fähig zu sein, mit Blick auf die Aufgaben die richtigen Entscheidungen daraus abzuleiten.


Kommentare

Bisher hat niemand einen Kommentar hinterlassen.

Kommentar schreiben

Melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Teilen

Ähnliche Inhalte

Hier findest Du weitere Inhalte zu dem von Dir gewählten Thema. Bei diesen Vorschlägen handelt es sich um eine Auswahl an Inhalten, welche wir insgesamt für Dich auf der LeanBase zur Verfügung stellen.

LATCReview: 2040 - Wie wir leben und arbeiten wollen

LATCReview: 2040 - Wie wir leben und arbeiten wollen

Video-Beitrag auf LeanPublishing
am 06. 04. 2020 um 04:30 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Wir blicken zurück auf das #LATC2018, blicken in diesen Zeiten zurück auf das #LATC2018 auf welchem Prof. Dr. Andreas Syska seine Überlegungen zu #Deutschland2040 vorstellte.

Der Geruch des Geldes ... Folge 207

Der Geruch des Geldes ... Folge 207

Podcast auf LeanPublishing
am 10. 11. 2020 um 05:30 Uhr
Kanal: Interview mit Dr. h.c. Any Nemo

... oder "Pecunia non olet" … (Ad nares, sciscitans num odore offenderetur?!?)

Die Sache mit dem Hammer und das Arbeitsklima

Die Sache mit dem Hammer und das Arbeitsklima

Beitrag auf LeanPublishing
am 26. 03. 2020 um 04:30 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Die fortlaufenden Anstrengungen in Unternehmen die Effizienz zu steigern und das damit einhergehende konstante Abbauen von Leerzeiten, bedingen in Organisationen immer häufiger, dass die Menschen...

#JanineFragtNach bei Martin Hoffmann

#JanineFragtNach bei Martin Hoffmann

Video-Beitrag und Podcast auf LeanPublishing
am 04. 11. 2018 um 09:36 Uhr
Kanal: LeanMagazin

#JanineFragtNach bei Martin Hoffmann, Geschäftsführer der ISEKI-Maschinen GmbH und mutiger Verfechter von Selbst- und Geschäftsprozessorganisation in seinem Betrieb in Osterath, nahe Düsseldorf.

#JanineFragtNach bei Oliver Schaeben

#JanineFragtNach bei Oliver Schaeben

Podcast auf LeanPublishing
am 13. 02. 2018 um 16:45 Uhr
Kanal: LeanMagazin

#JanineFragtNach bei Oliver Schaeben, immer im direkten Kundenkontakt und jetzt bei der Digital Vikings GmbH im Einsatz

MTM-Motion – Die digitale und die reale Welt verbinden!

MTM-Motion – Die digitale und die reale Welt verbinden!

LernModul auf LeanOnlineAcademy
0 Punkte, 50 Credits (0,50 €)
Kategorie: Vorträge - Impulse

Technologien wie Motion Capture, Virtual Reality, Augmented Reality und Human Simulation unterstützen die Planung von Arbeitssystemen in der Industrie 4.0. Insbesondere in Verbindung mit dem MTM...

Nadja Böhlmann

Nadja Böhlmann

Nutzer auf LeanMap

Ich bin eine passionierte Kaizen Profilerin, die zeigt, dass Kaizen mehr ist. Warum Profilerin? Nun ich kann anhand weniger Tatbestände herausfinden, warum eine Transformation oder Implementierung in Unternehmen nicht so recht gelingen will.

Training within Industry (TWI)

Training within Industry (TWI)

Video-Beitrag auf LeanPublishing
am 18. 04. 2019 um 05:30 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Videomitschnitt des Vortragsslots von Dr. Alexander Ruderisch auf dem #LATC2019 Back to the Roots“ oder doch „Back to Future?