Controlling ist immer, was der Controller daraus macht

Controlling ist immer, was der Controller daraus macht

Dieser Beitrag fragt nach der Bedeutung von Kennzahlen-systemen im Personalcontrolling und warum der Job eines Personalcontrollers kein Schreibtischjob sein kann.

#leanmagazin
am 29. 05. 2017 um 18:46 Uhr in LeanMagazin von Dr. Thomas Zabrodsky


Zur Einstimmung möchte ich mit einem kurzen Auszug aus dem Buch „Glennkill: Ein Schafskrimi“ (2005) von Leonie Swann beginnen.
In einem lesenswerten Krimi schreibt die Autorin auf Seite 83 …

Sir Ritchfield beschloss, die Schafe zu zählen. Es war eine langwierige Prozedur. Sir Ritchfield konnte nur bis zehn zählen, und auch das nicht immer. Die Schafe mussten sich also in kleinen Gruppen zusammenstellen. Es gab Streitereien, weil Schafe behaupteten, noch nicht gezählt worden zu sein, während Ritchfield behauptete, er hätte sie schon gezählt. Alle Schafe hatten Angst davor, beim Zählen vergessen zu werden und dann vielleicht zu verschwinden. Manche versuchten, sich heimlich in andere Grüppchen zu stehlen, um doppelt gezählt zu werden. Sicher war sicher.
Ritchfield blökte und schnaubte, und schließlich kamen sie zu dem Ergebnis, dass insgesamt 34 Schafe auf der Weide waren. Dann sahen sie sich ratlos an. Erst jetzt wurde ihnen klar, dass sie überhaupt nicht wussten, wie viele Schafe eigentlich auf der Weide hätten sein müssen. Die mühsam gewonnene Zahl war völlig wertlos für sie. Es war sehr enttäuschend. Sie hatten gehofft, dass sie sich nach dem Zählen sicherer fühlen würden. George war immer so zufrieden gewesen, wenn er sie fertig gezählt hatte.

Was die Schafe erleben, durchleben auch immer wieder Personen in Organisationen. Man selbst und die erbrachte Leistung sollen nicht übersehen werden, damit man nicht verschwindet. Sowie sich anschließend die Frage stellt, was bedeuten die mühsam gewonnen Zahlen und Nummern überhaupt.

Zunächst ist eine Zahl eine Zahl. Spannend ist aber, dass weder ihr Zustandekommen noch ihre Verwendung neutral sind.

Die Verwendung hängt nämlich immer von der Interpretation der Zahlen ab bzw. welche Interessensgruppe sich mit ihrer Sichtweise durchsetzen kann. Zum Beispiel wie wird der errechnete Humankapitalwert eines Profit Center interpretiert und welche Schlüsse werden daraus gezogen. Aufbau, Abbau oder Umbau?

Daneben ist das Zustandekommen der Kennzahlen ebenfalls politisch. Was als wichtig und damit beachtenswert gilt, wird in einem machtvollen interessengeleiteten Prozess festgelegt. Wenn die Kennzahlen die Welt also greifbar und handhabbar machen, indem sie die Komplexität reduzieren, tun sie dies anhand von zuvor festgelegten Kriterien, die das Bild, welches sie zeigen, bestimmen.

Aber nicht nur Kennzahlen reduzieren beständig die Komplexität der Welt, sondern wir alle tun dies permanent. Nach Robert Cooper und John Law (1995) tun wir dies, um überhaupt handlungsfähig zu sein und nehmen in Kauf, nicht alles zu wissen.

Mit jedem Wort, das wir sprechen, konstruieren wir aktiv unsere Umwelt. Wir stellen unsere Sicht der Welt dar und reduzieren sie dabei auf die Elemente, die wir als „wichtig“ erachten. Besonders unsere westlichen Sprachen tendieren nach Robert Chia (1995) dazu, da sie im Satzgefüge eine Subjekt-Verb-Objekt Beziehung herstellen und damit einen Rahmen schaffen.

„Jemand tut dies mit jenem, um zu erreichen, dass etwas geschieht.“

Wir konstruieren somit aktiv mit unserer Sprache die Welt und damit eine Repräsentation von ihr. Wenn Vorgesetzte Beurteilungen von Mitarbeitern erstellen. Erstellen sie ebenfalls Konstruktionen der Mitarbeiter. Die Beurteilung enthält, was der Vorgesetzte als relevant erachtet und wie stark seiner Meinung nach dies beim Mitarbeiter ausgeprägt ist. Im Extremen teilen sie die Belegschaft damit in Topperformer und Underachiever ein. Die Repräsentationen von Menschen begleiten uns damit ständig, ob als Kennzahl oder als Beurteilungsergebnis. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass uns dies bewusst ist, da je nach Repräsentation unterschiedliche Assoziationen „mitgeliefert“ werden.

Was kann man nun daraus für die Personalsteuerung bzw. das Personalcontrolling mit Kennzahlen ableiten?

Der Beruf des Personalcontrollers ist kein „einfacher“ Lese- und Schreibtischjob. Es sollte immer eine Reflexion zwischen den erhobenen Kennzahlen und der repräsentierten Person, Abteilung, etc. stattfinden. Die Kennzahlen können und sollen auf Problematiken hinweisen, aber nicht automatisch das weitere Vorgehen diktieren. Für die Steuerung bedeutet dies, dass Kennzahlen zur Orientierung und als Kommunikationsinstrument dienen können und sollen. Die Verantwortlichen sollten sich aber einer unhinterfragten Linearität widersetzen, die lediglich ein Befolgen von Regeln vorsieht.

Vergleichbar ist dies mit einer Autofahrt. Wir würden nur sehr ungern auf die Kennzahl der Geschwindigkeitsanzeige im Auto verzichten. Sie ist eine wichtige Information. Wir würden aber kaum aufgrund einer Kennzahl alleine unser Auto fahren. Vielmehr schauen wir durch die Frontscheibe sowie den Spiegel, um uns selbst ein Bild zu machen und wer verantwortungsbewusst fährt, leitet davon einen vernünftigen Fahrstil ab.


Kommentare

Bisher hat niemand einen Kommentar hinterlassen.

Kommentar schreiben

Melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Teilen

Ähnliche Inhalte

Hier findest Du weitere Inhalte zu dem von Dir gewählten Thema. Bei diesen Vorschlägen handelt es sich um eine Auswahl an Inhalten, welche wir insgesamt für Dich auf der LeanBase zur Verfügung stellen.

#008 | 6 Tipps, um garantiert weniger passende Mitarbeiter zu finden.

#008 | 6 Tipps, um garantiert weniger passende Mitarbeiter zu finden.

Podcast auf LeanPublishing
am 09. 01. 2019 um 20:52 Uhr
Kanal: New Work , Lean & Pommes

Überall tobt der Fachkräftemangel. Auch wenn es ihn offiziell laut Agentur für Arbeit gar nicht gibt. Egal. Da hilft nur, sich an unsere 6 goldenen Tipps zu halten, um dann am Ende...

Key Performance Indicators: Developing, Implementing, and Using Winning KPIs

Key Performance Indicators: Developing, Implementing, and Using Winning KPIs

Buch auf LeanBooks
Kategorie: Allgemein

von David Parmenter

Modul 11: TWI einführen

Modul 11: TWI einführen

LernModul auf LeanOnlineAcademy
30 Punkte, 100 Credits
Kaegorie: Training Within Industry (TWI)

Wie wird Training Within Industry eingeführt. Womit sollte begonnen werden. Welche Unterstützung zur Einführung ist im TWI selbst enthalten.

Parameterbasierte Modellierung innerbetrieblicher Milkrun-Systeme zur Planung der Materialbereitstellung in der Montage

Parameterbasierte Modellierung innerbetrieblicher Milkrun-Systeme zur Planung der Materialbereitstellung in der Montage

Buch auf LeanBooks
Kategorie: Allgemein

von Markus Droste

LeanCertification

LeanCertification

Angebot im LeanMarketplace

Wissen alleine ist wertlos! Das Wissen anzuwenden und Fehler machen zu dürfen, ist das, was Mitarbeitende und Organisationen weiterbringt – alles andere ist zum Scheitern verurteilt.

Industrie 4.0 darf nicht länger dogmatisch daherkommen und ist auch kein Selbstzweck.

Industrie 4.0 darf nicht länger dogmatisch daherkommen und ist auch kein Selbstzweck.

LernModul auf LeanOnlineAcademy
0 Punkte
Kaegorie: Vorträge - Impulse

Einigkeit besteht darüber, dass die Vernetzung des Digitalen die Welt verändern wird. Deshalb hat Industrie 4.0 endlich die Technikecke zu verlassen und ist von der Gesellschaft und vom...

Auf ganzer Linie – der Mensch im Mittelpunkt der Forschung Industrie 4.0

Auf ganzer Linie – der Mensch im Mittelpunkt der Forschung Industrie 4.0

Video-Beitrag auf LeanPublishing
am 31. 01. 2016 um 17:44 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Ein Besuch bei den Zukunftsforschern am Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswissenschaften der TU München in Garching zeigt, wie die Zukunft für den Menschen im Industrie...

MutProbe | Der Entscheidungskonflikt

MutProbe | Der Entscheidungskonflikt

LernModul auf LeanOnlineAcademy
0 Punkte
Kaegorie: Vorträge - Impulse

Zur Ermöglichung von Lean gehört eine Führung mit Delegation. Genau hier aber hakt es. Und das jeden Tag aufs Neue. Zwar werden Aufgaben immer wieder gerne abgegeben. Zwar treten...