Faszination Produktion

Faszination Produktion

Ist Produktion nicht faszinierend? Produktion schafft materiellen Wohlstand und erzeugt Produkte, die das Wohlergehen der Menschen verbessern. Deshalb bin ich auch Produktionsingenieur geworden. Es gibt für mich keinen schöneren Beruf - und wenn es um die Gestaltung der Produktion der Zukunft geht, bin mit Leidenschaft dabei.

#ChannelS
Podcast, am 09. 01. 2023 um 04:30 Uhr in ChannelS von Prof. Dr. Andreas Syska


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Warum aber sieht man in den Medien bei Symbolbildern, die die Zukunft der Arbeit darstellen sollen, überwiegend Menschen in chilligen Workspaces vor digitalen Endgeräten? Warum sieht man selten Bilder von Industriearbeit? Und wenn, dann in Form von Menschen neben drollig dreinblickenden Robotern – und manchmal auch nur den Roboter alleine.

Ich halte dies für ein bedenkliches Framing. Denn die Botschaft dieser Bilder lautet: Die Fabriken werden menschenleer und Arbeit ist gleich Büroarbeit. In Büros ist aber noch nie materieller Wohlstand entstanden.

Das wissen viele nicht, reden von digitaler Wertschöpfung - die ohne industriell hergestellte Produkte gar nicht möglich wäre - und halten ein Leben ohne Produktion für eine attraktive Option. Brauchen wir das noch oder kann das weg? Vordenker reden von postindustrieller Gesellschaft und suggerieren damit, es ginge auch ohne Produktion. Da haben die Vordenker aber nicht richtig nachgedacht.

Und das in einem Land, dessen materieller Wohlstand nicht auf Rohstoffen oder Handel basiert, sondern auf Produktion. In einem Land, in dem der überwiegende Teil der Wertschöpfung durch Industrieunternehmen erzeugt oder von ihnen als Dienstleistung in Auftrag gegeben wird. Ohne Industrie hätte der Dienstleistungssektor verdammt wenig zu tun. Wenn Produktion wegfällt, gehen auch in den chilligen Workspaces die Lichter aus.

Woher kommt das eigentlich?

Ich lehre an einem betriebswirtschaftlichen Fachbereich. Produktion ist für meine Studenten eine Pflichtveranstaltung, die sie möglichst schnell hinter sich bringen wollen. Nachdem sie dort aber erstmals etwas über Produktion gehört haben, erklären mir nicht wenige von ihnen, dass sie gar nicht wussten, wie spannend dieses Thema eigentlich ist. Und dass Fabriken keine dunklen Löcher sind, in denen Menschen harte und schmutzige Arbeit verrichten. Es sind gerade Studentinnen, die mir erklären, dass sie mit diesem Wissen ein anderes Studium eingeschlagen hätten – etwa das des Wirtschaftsingenieurwesens. So viel Eigenlob darf dieser Stelle sein.

Es ist mir aber ernst: Statt für Produktion entscheiden sie sich für Themen wie Marketing und HR. Weil diese Menschen halt auch gerne in einer chilligen Atmosphäre vor digitalen Endgeräten sitzen möchten. Das sei ihnen ja auch gegönnt. Aber wie weit kommen wir mit Produktvermarktern, die nicht wissen, wie das Produkt entsteht oder HR-Expertinnen, die nicht wissen, wie die Arbeit auf dem Shop Floor eigentlich aussieht?

Dies hat System: denn schaut man sich die Lehrpläne der betriebswirtschaftlichen Studiengänge in Deutschland an, stellt man fest, dass Produktion dort nicht ernsthaft stattfindet. Mehr noch: es wird gelehrt, wie wirtschaftlicher Erfolg geplant, kontrolliert, verwaltet und verteilt wird. Wie er entsteht erfährt man in einem solchen Studium in der Regel nicht.

Und so verlassen Jahr für Jahr etwa 50.000 Ökonomen die Hochschulen mit - ich will es einmal diplomatisch formulieren - rudimentärem Wissen über Produktion und Industrie. Zwangsläufig werden einige von ihnen Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Verwaltung oder Politik erlangen, um dort Entscheidungen zu treffen, die ich mir nur mit Unwissenheit über Produktion und Industrie oder Geringschätzung erklären kann.

Übertrieben?

Auf gar keinen Fall. Denn, wie kann es sein, dass unsere Industrienation gar nicht mehr in der Lage ist, viele Schlüsselprodukte der Medizin, Pharmazie oder Informationstechnologie selbst herzustellen und sich somit in Abhängigkeit konkurrierender Wirtschaftsräume begibt? Warum scheinen wir nichts Dringenderes vorzuhaben, als Fahrzeugbau, Robotik, Werkzeugmaschinenbau woanders stattfinden zu lassen oder die Kontrolle hierüber abgeben zu wollen? Warum treffen Manager solche Entscheidungen und warum lässt die Politik dies alles zu?

Das ist schlimm, ja. Aber wir sind es ja selbst schuld. Denn wir Ingenieure berauschen uns an technischen Möglichkeiten, erleben auf Messen und Kongressen spektakuläre Lösungen und haben die besten Fabriken der Welt gebaut. Würden wir aber einmal den technikbegeisterten Kopf heben und uns umschauen, müssten wir feststellen, dass sich außerhalb unserer Technikblase doch kaum jemand dafür interessiert, was wir tun.

Wollen wir weiterhin tatenlos zuschauen, dass in der öffentlichen Wahrnehmung Produktion und Industrie als etwas Verzichtbares angesehen werden? Wir Produktionsingenieure sollten endlich die Deutungshoheit über industrielle Produktion wieder zurückholen.

Raus aus der Blase und rein in die Öffentlichkeit, und das unbedingt emotional. Rein in die Schulen, in die öffentliche Wahrnehmung, in die Medien.

Faszination Produktion? Ja, warum denn nicht? Produktion ist nicht nur unverzichtbar, sondern ungemein faszinierend. Und alle sollten dies wissen.


Kommentare

[gelöschter Benutzer]
Dieter Finkeldei , vor 4 Wochen
Zurück zu unseren Wurzeln! Finde ich klasse den Aufruf.
Deutschland das Land der Macher und Großindustriellen. Wann ist uns dieser Geist abhanden gekommen?
Meine Faszination für Produktion ist ungebrochen. Geprägt durch die Stahlindustrie und reichlich Erfahrung als Fertigungsleiter ist die Leidenschaft für das Schaffen von Wertschätzung tief in mir verankert. Insofern freue es mich sehr, dass es mit Ihnen Menschen gibt die zur Produktion stehen und dafür werben.
Leider gibt es zuviele Entscheider in Industrie und Politik, die für Produktion wenig Verständnis haben und den Wohlstand durch globalen Zukauf befürworten.
Ich wünsche mir, daß Ihr Aufruf Gehör findet und wachrüttelt
Herzliche Grüße aus Nordhessen
Dieter Finkeldei

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