Brauchen wir die 30-Stundenwoche für alle?

Brauchen wir die 30-Stundenwoche für alle?

Zwei aktuelle Beiträge über den Wirtschaftsstandort Deutschland und über erschöpfte Führungskräfte geben mir gerade zu denken. Ich denke mal über die 30-Stundenwoche nach. Was sind Eure Ideen?

vor 2 Wochen, 4 Tagen von Jan Fischbach


Deutschland braucht neue Produkte

Marcel Fratzscher vom DIW hat einen Beitrag über den Problemstandort Deutschland im DIW-Blog veröffentlicht. Darin heißt es vereinfacht, dass Deutschland kein weiteres Konjunkturprogramm, sondern strukturelle Veränderungen braucht, um wieder innovativer zu werden. Auf LinkedIn gab es prompt Gegenrede, dass Deutschland doch sehr wohl noch innovativ sei. Hier wird auf die Pharmaindustrie und den Maschinenbau verwiesen. Das sind nach Autos die nächsten beiden wichtigsten Exportbereiche.

Ich kann mich eher der Argumentation des DIW in vielen Punkten anschließen. Meine Berufserfahrung ist natürlich nicht repräsentativ. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Geschäftsführer. Wir kamen nach über einem Jahr Arbeit mit unseren agilen Veränderungen nicht weiter. Wir vermuteten, dass der Geschäftsführer eine andere Sicht auf die Dringlichkeit hatte. Ich fragte ihn: "Wie lange haben Sie noch Zeit, bis wirklich der letzte Kunde Ihre Produkte - so wie sie gerade sind - nicht mehr einsetzt?" Seine Antwort: "Zehn Jahre?"

Ähnliche Erfahrungen habe ich immer wieder gemacht: "Es ist ja noch genug Zeit, bis wir etwas ändern müssen." Oder "Das machen wir, wenn wir mal wieder Zeit haben." Dabei scheinen die Uhren in den verschiedenen Branchen unterschiedlich schnell zu ticken.

Der Verbrennungsmotor gehört zu den wichtigsten Exportprodukten in Deutschland, an dem viele Arbeitsplätze hängen. Was machen wir, wenn dieses Produkt weltweit keinen Absatz mehr findet? Ich denke, wir werden in Zukunft gute Produkte auf den Markt bringen können. Wir haben (immer noch) gute Strukturen dafür, intelligente Menschen und hohe Standards. Aber wahrscheinlich geht das nur, wenn wir andere Dinge loslassen. Und damit kommen wir zum nächsten Punkt. Wer soll das organisieren?

Die Führungskräfte sind erschöpft

Ein zweiter Beitrag im Spiegel stellt die Ergebnisse eine Umfrage vor. Im Beitrag Deutschlands erschöpfte Chefs wird berichtet, dass fast zwei Drittel der Führungskräfte sich überlastet fühlen. Es wird ja nicht nur Führen von ihnen verlangt. Das Konzept "Führung" ist so vage, dass kein Mensch jemals das Gefühl haben wird, gut zu führen. Jetzt kommen auch noch die ganzen Ansprüche von verschiedenen Seiten hinzu. Man soll zudem agil und modern sein. Privat gibt es ebenfalls verschiedene Ansprüche zu bedienen.

Das Konzept Führungskraft will ich an dieser Stelle wirklich hinterfragen. Eine Person als verantwortlicher Entscheidungsträger? In zeitkritischen Krisensituation ist eine klare Kommandokette von Vorteil. Aber im geschäftlichen Alltag ist das eher selten. Zudem haben wir doch genug andere Entscheidungsmechanismen, die mindestens genauso gut wenn nicht sogar besser funktionieren, kennengelernt.

Wie kommen wir aus dieser Führungsfalle?

Anderes Führen geht

Der erste Schritt ist die Erkenntnis, dass das aktuelle Führungskonzept nicht das Einzige ist. Bei mir war das Buch "The Lean Turnaround" von Art Byrne solch ein Augenöffner. Die Techniken aus der Leanwelt, Scrum und Agilität kannte ich schon gut. Aber nach diesem Buch (und der Beschreibung der gleichen Story von Bob Emiliani) habe ich verstanden, was man damit wirklich machen kann. 

Ich hoffe, jede erschöpfte Führungskraft hat irgendwie die Chance, Augenöffner zu finden; seien es Bücher, Konferenzbesuche oder Gespräche mit interessanten Menschen. Die Ideen aus Lean und Agile funktionieren. Und nur ein kleiner einstelliger Prozentanteil an Unternehmen macht das erfolgreich. Wer durch die klassische Führungsbrille schaut, wird dort nichts sehen. Das haben wir immer wieder erlebt. Aber diejenigen Führungskräfte, die das irgendwie schaffen, denen steht eine Zukunft ohne Stress und mit mehr Energie offen. Es bringt nichts, klassischen Führungskräften, Lean oder Agil zu verkaufen. Es gibt genug Informationen dazu. Das sind andere Bewertungsmaßstäbe. Das ist eine andere Sprache. F. W. Taylor sprach schon vor über hundert Jahren von einer mentalen Revolution.

Geben wir uns mehr Zeit

Hier ist ein Vorschlag, den es zu debattieren gilt. Wir fangen einfach mit zwei Dingen an:

  • eine 30-Stundenwoche für alle (oder irgendeine andere Zahl, die deutlich kleiner als der aktuelle Durchschnitt) ist.
  • jede Führungsposition wird davon entkoppelt, an eine Person gebunden zu sein.

Nehmen wir einmal an, wir bekämen das wirklich hin (incl. gerechter Bezahlung). Was ist meine Erwartung, was dann passiert?

1. Männer und Frauen haben Zeit für ein Privatleben und für Zeit für die privaten Sorgen. Familienarbeit und Carework bekommen mehr Aufmerksamkeit. Es darf gesellschaftlich nicht mehr in Ordnung sein, zu lange im Büro zu sein.

2. Es steht mehr freie Zeit für bürgerliches Engagement zur Verfügung. Dieses Engagement hat in den letzten 20 Jahren deutlich unter den langen Arbeitszeiten gelitten. Henry Mintzberg beschreibt dies in seinem Essay "Rebalancing Society". Unsere Gesellschaft ist ein komplexes System. Solche Systeme sind nie im Gleichgewicht. Irgendwo entstehen immer wieder neue Nischen. Irgendwo kommen neue Ideen auf, die für gesellschaftlichen Fortschritt sorgen. Diese Vielfalt kann man nicht steuern. Man kann nur dafür sorgen, dass solche Systeme möglich werden. Zeit für Engagement ist eine wichtige Voraussetzung. 

3. Durch soziales Engagement können wir soziale Not lindern und politische Veränderungen auf den Weg bringen. Durch mehr Bildung entdecken mehr Menschen, was sie können und wie sie etwas beitragen können. Denken wir an die Royal Aeronautical Society oder den Verein für Raumschiffahrt. Damals etwas für Spinner, aber später wichtige Treiber für die technologische Entwicklung. Wer weiß, wo die nächsten Ideen für die Zukunft entstehen?

Wirtschaft, Verwaltung, Gesellschaft und Politik gehören zusammen. Aber wir betrachten das alles gerade getrennt. Vielleicht wäre es jetzt gut, dass wir uns mehr Zeit geben. 



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