Staaten langfristig entwickeln:

Staaten langfristig entwickeln:

Was eine Regierung von der Wirtschaft lernen kann und was besser nicht

#leanmagazin
am 06. 10. 2016 um 17:28 Uhr in LeanMagazin von Mario Buchinger


“Ich wurde vor kurzem von einer Regierungsbehörde zum Gespräch eingeladen, es ging um die mögliche Weiterentwicklung eines ganzen Staates. Der Beamte vertrat die Meinung, dass man einen Staat nicht so führen könne wie ein Unternehmen, bei dem es primär um Effizienz und Profit ginge.

Ich habe in dem Punkt nicht komplett zugestimmt, aber nicht aus dem Grund, wie man vielleicht vermuten hätte. Es ist richtig, dass man einen Staat nicht auf Basis von Effizienzdenken und Profitmaximierung führen kann. Ein Unternehmen aber ebenfalls nicht!
Damit kann man viele Ansätze aus der Unternehmensentwicklung auf die Entwicklung von Staaten übertragen, auch wenn die Fragen und Antworten unterschiedlich sind.

Eine Zeit der großen Veränderungen.

In diesen Tagen und Wochen wird viel darüber diskutiert, wo die aktuellen Probleme in Europa liegen. Obwohl es uns eigentlich sehr gut geht, haben viele Menschen das Gefühl der Unzufriedenheit und fühlen sich teilweise sogar bedroht. In Unternehmen können wir oft ähnliches beobachten. Obwohl Mitarbeiter für ihre tägliche Arbeit mitunter gut bezahlt werden, fühlen sie sich im Unternehmen nicht wohl. Manche fürchten auch um ihren Arbeitsplatz, der aufgrund von Rationalisierungsaktivitäten und vermeintlichen Verbesserungen, gefährdet sein könnte. Und dann gibt es auch diejenigen, die von ihrer Arbeit nicht leben können und denen es tatsächlich nicht gut geht.

Unternehmen müssen hier massiv umdenken. Wie in dem Beitrag über Effizienzdenken bereits dargestellt, ist das klassische Effizienzdenken in Unternehmen schädlich und rückständig, da Menschen als reine Ressource gesehen werden und dadurch ein wichtiger Teil des Verbesserungspotentials ungenutzt bleibt. Mitarbeiter, die lediglich als Ressource oder sogar als Kostenfaktor betrachtet werden, fühlen sich zu Recht nicht wertgeschätzt. Die Qualität der Arbeit leidet darunter und Unternehmen, die ihre Mitarbeiter nicht mitnehmen, schneiden in ihrem Erfolg schlechter ab, als diejenigen, die mit Wertschätzung agieren.

In Staaten ist es genauso. Menschen werden unzufrieden, wenn sie sich nicht mitgenommen und wertgeschätzt fühlen. Manche fühlen sich zum “Stimmvieh” reduziert. Ihre Wahl, so haben manche den Eindruck, bewirke letztlich nichts, denn “die da oben” machen am Ende doch, was sie wollen. Manche partizipieren am Ende gar nicht mehr am System der Demokratie und wiederum andere fallen sogar auf menschenverachtende Parteien herein, die ihnen das Blaue vom Himmel und vermeintlich einfache Lösungen auf in Wahrheit komplexe Probleme versprechen.

In der Langfristigkeit liegt die Lösung

Um das Dilemma in Unternehmen zu lösen, gibt es nur wenige probate Ansätze. Neben einer grundlegenden Änderung der Führungskultur, in der Ausprobieren und Fehler machen erlaubt, ja sogar erwünscht sein müssen, braucht es eine klare Vorstellung, wohin die Reise geht. Diese Perspektive muss allen Beteiligten, also allen Mitarbeitern und Führungskräften, klar sein.

Außerdem ist es unabdingbar, dass Führungskräfte bei ihren Entscheidungen nicht nur auf ihren eigenen Bereich schauen und darauf achten, dass dieser glänzend aussieht, sondern müssen auch über ihren Tellerrand hinausschauen. Dadurch muss man gegebenenfalls auch Mehraufwand in Kauf nehmen, wenn alle davon überzeugt sind, dass es dem Gesamtunternehmen nützt. Weitere Aspekte sind Kundenorientierung, Langfristigkeit, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung eines Unternehmens. Monetäre Gesichtspunkte sind nicht unwichtig aber nur ein Teilaspekt eines komplexen, auf holistischer Basis agierenden Entscheidungssystems.

Eine Gesellschaft braucht eine Perspektive

Doch wie kann man das auf Staaten übertragen? Auch in einem Land müssen die Bürger wissen, wohin die Reise geht. Die Politik muss in der Lage sein, ein Bild für die Zukunft zu entwickeln, in dem sich möglichst jeder in der Bevölkerung wiederfindet. Ein derartiges Bild kann aber niemals im Zeithorizont einer oder zweier Legislaturperioden liegen, sondern geht deutlich darüber hinaus. Es geht um eine Vision für das Land und die Frage, wie der Staat in zehn bis fünfzehn Jahren aussieht und wie der Weg dorthin gestaltet wird.

Die Parallele zu einem holistischen System in Unternehmen ist die langfristige Sichtweise der Politiker, die auch nichts anderes sind als „Führungskräfte“. Viele Politiker neigen dazu, in Zeitskalen von Legislaturperioden zu denken. Ihr Handeln fokussiert eher auf die Option einer Wiederwahl und parteipolitische Machtinteressen als auf die Langfristigkeit des Landes, das sie regieren. Hier verhalten sich Politiker ähnlich wie viele Manager, die ihr Handeln nur auf die Erreichung ihrer Bonuszahlungen ausrichten und nicht auf die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens, das sie führen.

Und schließlich muss auch eine Regierung eines Landes stets vor Augen haben, für wen sie ihre Arbeit macht, wer die “Kunden” sind. Es ist das langfristige Wohl der Bevölkerung, um das es geht. Und hier ist auch bei Politikern die Fähigkeit gefragt, ungemütliche Entscheidungen gut zu erklären. Diese sind umsetzbar, wenn man das Vertrauen der Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite hat. Doch dieses Vertrauen kann man nur erlangen, wenn es eine realistische und für möglichst alle verständliche Vision gibt und es nicht nur bei Wahlversprechen bleibt.

Ein Gedankenansatz auch für Europa und die Welt

Die gleichen Überlegungen funktionieren ebenso auf der darüber angeordneten Ebene. Auch in einem gemeinsamen Europa brauchen wir eine gemeinsame Vision und gemeinsame Zielzustände. Die Wege der Mitgliedsländer müssen zueinander stimmig sein, daher braucht es dringend weniger Egoismus und mehr Solidarität der Nationalstaaten.

Dabei ist neben den Politikern auch die Wirtschaft in enormer Weise gefragt. Wenn Unternehmen ein politisches System dazu missbrauchen, um ihre Profite zu Lasten der Allgemeinheit zu maximieren, auch wenn es legal ist, leisten Sie einen konträren Beitrag zu einer friedlichen und fairen Gemeinschaft, in der es nicht mehr das Gefühl von “die da oben” und “wir hier unten” gibt. Es sind nicht nur die Fehler der Politik, die Menschen dazu bringen, rassistischen und menschenverachtenden Parteien ihre Stimme zu geben, auch Unternehmen spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Jetzt umdenken!

Politiker und Manager machen oft ähnliche Fehler, die Auswirkungen sind ebenfalls vergleichbar. Veränderungen kommen, das ist sicher. Wir müssen diese gemeinsam gestalten. Dazu braucht es klare Ideen und Visionen, die gemeinsam entwickelt werden müssen. Da sich Änderungen künftig immer schneller vollziehen, ist es umso wichtiger, bei der Gestaltung der gemeinsamen Zukunft langfristig, verantwortungsvoll, nicht egoistisch und vor allem transparent vorzugehen.

Diese Ideen mögen etwas nach “Sozialromantik” klingen, aber in eben diesen Ansätzen liegt die Zukunft. Es wird vermutlich nie vollständig in Perfektion funktionieren, aber die Gesellschaften und die Unternehmen, die diese Verantwortung übernehmen, werden langfristig überleben. Die, die kurzfristig handeln oder sogar einen Zustand konservieren wollen, werden von den Veränderungen überrannt und damit scheitern.


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