Ein bisschen „Pep“ kann jeder haben!

Ein bisschen „Pep“ kann jeder haben!

Fußball als Erfahrungsobjekt natürlicher Systeme und „Guardiola“ als Erkenntnisobjekt der Bewältigung von Schnelllebigkeit.

Kann der Sport des gemeinen Volkes einen Beitrag zum Verständnis von Systemen leisten?

#leanmagazin
am 07. 07. 2016 um 13:44 Uhr in LeanMagazin von Anton J.V. Seidl


Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Auch 2.300 Jahre nach Aristoteles ranken sich noch Mythen um dieses „Ding“ von Emergenz, dessen Output eigentlich keine Rückschlüsse auf den Input isolierbarer Elemente erlaubt. Paradoxien können das Enigma der Interaktion sein, obwohl Systeme relativ simple Objekte sind.

Es handelt sich nur um wechselwirkende Aktivitäten autonomer Elemente, die der Semantik einer spezifischen Logik folgen. Man findet synthetische oder natürliche Schöpfungen vor, weil das algorithmisch induzierte Muster eine universelle Gültigkeit besitzt. Ganz im Sinne des Widerspruchs können diese „Dinger“ entweder linear (kalkulierbar) oder nicht-linear (komplex) sein.

Der Unterschied erweist sich mit der Fähigkeit von Anpassung an das Habitat.

Konstrukte maschineller Taktung benötigen Dritte für deren Assimilation (Inklusion). Evolutive Gebilde verwirklichen die Adaption selbst, durch eine Erweiterung von Vielfalt (Integration). Was ist der Katalysator einer solchen Differenziertheit?

Die strategische Orchestrierung „verwirbelter“ Kräfte ist in der Semantik verortet, welche Mitteleinsatz und taktische Verwendung begründet. Aktivitäten der Elemente stehen in relativer Abhängigkeit und Versklavung bestimmter Sätze von Regeln oder Ordnungsparametern, den sog. „Defaults“.

Je stärker diese Unterscheidung einer Unterscheidung der Syllogismen vorangetrieben wird, desto absoluter, trennend und deduktiv erweisen sich die taktisch-vernetzten Handlungen der Agenten eines Systems. Parameter beeinflussen das Potenzial beteiligter Elemente.

Eine hohe Dichte an Algorithmen wirkt präskriptiv, fördert positives Feedback und evoziert eine Monokultur der Spezialisierung extremer Wirtschaftlichkeit. Eine geringe Zahl von Anordnungen wirkt deskriptiv, ermöglicht negatives Feedback und eine generelle Diversität für Wirksamkeit.

Der Umfang an „Defaults“ begünstigt oder hemmt das Ausmaß von Vernetzung und Vielfalt, was zu einer Trimmung der Effizienz oder Resilienz in Systemen führt. Das Kalkül einer Polarität überträgt sich auf die taktische Umsetzung strategischer Regeln:

Spezialisierung unterliegt einer Fremdsteuerung und Gebilde werden tendenziell spröde oder brüchig. Generalisierung befähigt eine taktische Selbstorganisation, aber Objekte können von Stagnation und Lethargie betroffen sein.

Die berechtigte Frage dürfte sein, wie man eine optimale Synthese von Effizienz und Effektivität koordiniert, sodass eine dauerhafte Existenzsicherung durch positive Ertragsverhältnisse (Output/Input >= 1) gewährleistet werden kann?

Hierzu könnte man sich einerseits an der Funktionalität natürlicher Ökosysteme, andererseits aber auch an den Mannschaften des kontemporären Profifußballs orientieren. Was zunächst absurd anmutet, besitzt allerdings eine Berechtigung.

Fußball ist ein Spiel und alle Formen von Spielen weisen per se eine sehr hohe Affinität zu systemtheoretischen Aspekten auf.

Nicht umsonst spricht man von „Nature of the Game“; eine probabilistische Unbestimmbarkeit des Outputs ist beiden, Natur und Spiel, gemein.

Dieser Sport ist ein attraktives Erfahrungsobjekt, weil dessen einfache Regeln zu einem „Metalevel“ temporär komplexer Wechselwirkungen, mit einer Vielzahl an Individuen in unterschiedlichen Rollen führen. Ferner paaren sich im Mannschaftssport kollektive „Nullsummenspiele“ des Wettbewerbs (nach außen) mit individuellen „Nicht-Nullsummenspielen“ der „Coopetition“ (nach innen).

Im Vergleich zu anderen Ballsportarten (Handball, Basketball, etc.) sind Erfolgserlebnisse (Tore) eher diskret, der kollektive Aufwand an Erwirtschaftung dennoch prononciert. Die Anforderungen einer koordinativen Interaktion können deshalb äußerst anspruchsvoll sein. Erfolgreiche Teams sind ein gutes Erkenntnisobjekt, wie die Heterogenität autonomer Elemente zu einer kollektiven Homogenität von produktiver Wirksamkeit geformt werden kann.

Was Titelsammlungen betrifft, kommt man um Josep Guardiola nicht herum. Mit nur zwei Stationen im Erstliga-Olymp (bei Barcelona und München) hat Pep Realitäten geschaffen, von denen so manch arrivierte Trainerkollegen lediglich träumen. Ist die Signifikanz seiner Trophäen im „brüchigsten“ aller Geschäfte, nun eine Gnade Fortunas oder gibt es ein „Geheimnis“ des introvertierten Coaches aus Santpedor?

Fußball bedeutet,  dass der Ausgang von Partien keine verlässliche Expertise von Prognosen erlaubt.

Das Spielgerät besitzt Anarchie und bereits simple Kleinigkeiten (Stimmung, Form, Verletzungen, Wetter, etc.) können unwägbare Konsequenzen mit sich bringen. Zudem ist die Einflussnahme der Trainer, während eines Spiels, sehr knapp bemessen. Das  „Hands-On“ der Außenlinie ist limitiert.

Pep weiß, dass die „Eroberung“ von Dominanz und Raum im Spiel eine robuste Statik voraussetzt. Diese Stabilität erfordert eine situative Befähigung der Spieler zu taktischer Entscheidung und Verantwortung auf dem Platz. Die Beschaffenheit der Infrastruktur ist der Schlüssel zu einer intrinsischen Balance von Funktionalität. Der einzig gangbare Weg sind Pfade von Diversität.

Dieses Prinzip favorisiert den rasanten Austausch an Information und abstrahiert Materialität, was den Umgang mit der Nicht-Linearität am Rande des Chaos erleichtert. Der „Zauber“ ergeht einem Arrangement von Schnittstellen, mit der Charakteristik eines Nervensystems. Guardiola ist der Schöpfer einer Genetik von Integration, die zu  einem opportunistischen Pragmatismus befähigt.

Kernkompetenz ist eine kontinuierliche Selbstbetrachtung zweiter Ordnung, ein Monitoring mit der  Prämisse, interne Überlastungszustände zu vermeiden. Dabei setzt der katalanische Coach auf die Architektur eines Netzwerks, dessen Topologie eine hohe Durchlässigkeit von Information mit knappen Abständen der Knotenpunkte (Spieler) garantiert.

Das Modell besteht aus mehreren kleinen Vielecken einer stets geraden Anzahl von Verbindungen und „familiär“ gehaltenen „Small-World-Pfaden“. Hinsichtlich Diversität und Konnektivität weisen die Polygone im Netz eine doppelte Anzahl an Generalisten (vielseitige Spieler) gegenüber Spezialisten auf. Das angestrebte Verhältnis zwischen Effizienz und Resilienz liegt bei 1:2.

Die Kombination von Infrastruktur und Föderalismus ermächtigt zu kollektiver Expansion oder Kontraktion der Vernetzung, weshalb unterschiedlichste Spielsysteme (4-4-2, 4-3-3, 3-5-2, etc.) jederzeit möglich sind. Ein flexibler Opportunismus besitzt die Gabe zum Umgang mit Komplexität.

Ziel ist ein von Aktivität geprägter „Superorganismus“, der sich die Fluktuationen der Entropie eines Phasenraums zwischen Ordnung und Symmetrie für dessen taktisch-situative Selbstorganisation von Dominanz zu Nutze macht.

Die Bindungen im Netz sind das Produkt strategisch-vertikaler Erwartungen und einem taktisch-horizontalen Verhalten, das auf den Abhängigkeiten eines selbstreferenziellen Nutzens basiert. Guardiola ist der Editor dieser Voraussetzungen, indem seine deskriptiv gehaltenen Parameter von Philosophie und Politik, für die Freiheit einer intellektuellen Inspiration sorgen.

Der Katalane infiziert die Teams mit seiner Vision und Interpretation des „Totaalvoetbal“ (Ballbesitz, Kurzpässe, Raumaufteilung, Redundanz, etc.), wobei Spaß und Freude am einfach-effektiven Gewinnerfußball (ohne Überlastung) im Vordergrund stehen. Letztendlich wollen alle Profis Spiele gewinnen, Trophäen sammeln und deren eigenen Marktwert potenzieren.

Peps Vorgaben werden zur Motivation, weil er einen offensichtlich kritischen Selbstbezug kreiert, der individuellen Nutzen und kollektiven Anreiz in einen Überlagerungszustand versetzt (siehe auch Nash-Gleichgewicht). Diese Form der Interferenz bewirkt Multiziplität und fördert eine notwendige Synergie von Kontribution im Team.

Die Erfolge des Spaniers sind weder Glück oder Zufall, sondern Konsequenz eines außergewöhnlichen Fußballsachverstandes und einer extrem systemischen Herangehensweise an das Spiel. Den Gewinn aller Partien kann selbst ein Guardiola nicht garantieren. Man munkelt von menschlichen Schwächen des Großmentors der Strukturen; die Beine einer vorgetäuschten Empathie scheinen im zeitlichen Verlauf immer kürzer zu werden. Ohne Zweifel  wird Pep auch in der englischen Premier League für Furore sorgen, solange er auf (von ihm) „unbefleckte Jünger“ trifft.

Welche Erkenntnis ergibt sich nun für Unternehmen?

Gerade im unbarmherzig und extrem schnelllebigen Geschäft des Profifußballs sind Erfolgsserien keine Selbstverständlichkeit. Das einfache Spiel ist zu komplex und die Habitate von kontinuierlichen Störungen (Irritationen) betroffen. In derartigen Gefilden kann eine Philosophie optimierender Prozessfokussierung nur mit  Nachteilen behaftet sein.

Die Anpassungsfähigkeit sozialer Systeme erfordert Vielfalt, sie steht und fällt mit der Homöostase deren Struktur. Eine von Autismus befallene Spezialisierung kann dies nicht leisten, weil Emergenz Paradoxien involviert. Die Ressourcen fallen einem intrinsischen „Nullsummenspiel“ interner Gegnerschaft zum Opfer. Konkurrenten und Kunden werden dann zu „Blind Spots“.

Guardiolas Modell der Topologie ist mehr als ein Fingerzeig. In absehbarer Zukunft werden Strukturen zum Primat der Strategie avancieren.
„Structure becomes Strategy“ – there’s no way out!


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