Kreativität - Folge 12

Im Folgenden hören Sie die Mitschrift eines weiteren Interviews mit dem CEO der WMIA Inc., Herrn Dr. h.c. Any Nemo zum Thema „Kreativität“.

Man ist erneut im Vorstandsbüro von WMIA Incorporated, dem größten und mehr oder weniger erfolgreichsten Unternehmen der Welt.

#WMIA
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Zum Interview mit Dr. Nemo im 124. Stockwerk des Verwaltungsgebäudes von WMIA Inc. war alles bestens vorbereitet.
Nemo erschien dem kreativen Thema gemäß im geblümten Anzug und Elvira trug ein je nach Lichteinfall changierendes Kleid.
Man war bester Laune…

Nemo: „Sie sehen, wir leben Kreativität, jede Faser unseres Unternehmens lebt sie voll aus.“

„Das mit den Fasern“, so dachte der Interviewer, „haut hin, jedenfalls, was die Textilfasern der Kleidung angeht.“

Interviewer: „Wie sorgen Sie für Kreativität in Ihrem Unternehmen?“

Nemo: „Wir sehen Kreativität differenziert. In reinster Form lebt sie bei der Gestaltung unserer Betriebsfeiern und der Arbeitspausen. Wir haben dafür extra Herrn Dr. Feelgood, promoviert an der State University of applied nonsense sciences engagiert. Funktioniert toll.“

Nemo nahm aus einer Schublade seines Schreibtisches eine Tröte, solche, die sich beim Reinblasen verlängern und dann wieder aufwickeln.

Nemo: “Sehen Sie, so macht man gute Stimmung. Und das ist ja die Voraussetzung für gute Gedanken und Kreativität…“

Dem Interviewer kamen dabei Erinnerungen an längst vergangene Kindergeburtstage und die Ohrfeige, die er sich von seiner betagten Tante einfing, als er mit seiner Tröte ihr die Brille von der Nase haute.

Interviewer: „Na ja, das ist ja eher marginal! Was tun sie noch für die Kreativität?“

Nemo: “Wir haben uns darüber Gedanken gemacht. Früher hatten wir so ein paar Kreative. Die haben wir abgeschafft. Das Neue, wissen Sie, das Neue stört eigentlich in einem so großen Unternehmen wie wir es sind. Wir haben eine Lösung, die besser ist, als neue Gedanken und vor allem wirtschaftlicher. Wir kreieren nichts Neues, sondern wir machen das, was wir tun, nur anders. Sie kennen doch den Begriff „Lean Management“, tolle Sache, wir haben auch die Kreativität schlank gemacht.“

Interviewer: „Dann treten Sie doch auf der Stelle?“

Nemo: „Ne, nicht wirklich. Ich gebe ihnen ein Beispiel.“

Er stand auf und ging zu einem mannshohen Glücksrad.

Nemo: „Wir sind gerade dabei, uns mit unseren Erfrischungsgetränken, auch da sind wir Weltmarktführer, zu beschäftigen.“

Auf dem Glücksrad waren rundherum die wesentlichen Eigenschaften dieser Brause abgebildet, also Farbe, Zuckergehalt, Etikett usw.

Nemo: “Wir drehen an dem Rad und da, wo es stehen bleibt, verändern wir etwas. Gerade neu ist die Veränderung der Farbe des Getränks. Aus Braun haben wir Grün gemacht. Sie werden das nicht kreativ nennen, wir stehen aber auf dem Boden wirtschaftlicher Anforderungen… und es funktioniert. Der Absatz steigt immens.“

Dann ging er zu seinem Schreibtisch zurück.

Nemo: “Schauen Sie mal!“ Er hob Teile von verschiedenen Modellautos hoch.
„Auch hier gilt für uns Weltmarktführer, dass wir das Bestehende bestehen lassen. Wir fügen die alten Komponenten nur neu zusammen und geben dem Modell einen modischen Namen…“

Elvira malte nebenbei auf ihrem Schreibblock Blumen, sie hatte gerade bei Dr. Feelgood einen Malkurs absolviert.

Interviewer: „Das alles würde ich aber nicht Kreativität nennen.“

Nemo: „Im ursprünglichen Sinne haben Sie recht. Kreativität, also die Erfindung des Neuen braucht einen Kontext. Mein Vater sagte immer „Not macht erfinderisch“. Das haben wir mal umgesetzt.“

Elvira zog ihre wundervoll geschwungenen Augenbrauen hoch, ein Ausdruck, der sich erklärt, wenn man den Ausführungen von Dr. Nemo weiter folgt.

Nemo: „Wir haben vor etlichen Jahren die Sache mit der Not, die erfinderisch macht, ausprobiert. Eines Tages drehten wir den Strom im Verwaltungsgebäude ab. Die Not brachte unsere Mitarbeiter darauf, Strom selber zu produzieren. Sie wissen schon, die Sonne scheint auf uns. Diese Erfindung war ein Meilenstein, der Meilenstein der Solarenergie.
Not macht erfinderisch…Leider hatten die Gewerkschaften etwas gegen unser Procedere und wir haben diese Methode nicht weiterverfolgt.“

„Bestimmt nicht der Markt, was zu erfinden ist?“

Nemo: „Wer bestimmt, sind immer noch wir, immerhin sind wir das mächtigste Unternehmen der Welt. Über allem, auch über der Kreativität steht das Management… was wir nicht kontrollieren, darf auch nicht sein.“

„Wer ist wir?“, fragte sich der Interviewer im Hinausgehen.
„Hat nicht das Zulassen von Kreativität etwas mit dem Menschenbild zu tun, geht es nicht über Techniken hinaus… und welche Rolle spielt Macht in Unternehmen dabei?“

Der Interviewer wurde aus seinen Gedanken gerissen, als ihn Elvira verabschiedete. Die Kreativität seiner Gedanken beim Anblick dieses zauberhaften Menschen sprengt hier den höflichen Rahmen.

Welches Thema am nächsten Dienstag mit Herrn Dr. Nemo besprochen wird, muss noch feinstens durchdacht werden.
Auf jeden Fall wird es spannend… nächsten Dienstag

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