In your eyes only - Folge 85

Viele reden vom Erfolg. Nur wenige haben ihn, den großen Erfolg, von dem alle träumen. Einer von diesen ist der CEO von WMIA Incorporated des größten Unternehmens der Welt, Herr Dr. Nemo, der Gesprächspartner in unseren Interviews.

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Nemo antwortete letzte Woche auf die Frage nach den Hintergründen seines Erfolgs, metapherartig dargestellt an einem Skatspiel, dass nicht die Karten, die man hat, entscheidend sind, sondern die Kenntnis über die Mitspieler.

Bevor wir nun alte Bärte wieder aufwickeln, also ihm Recht geben wie in etwa mit der Bemerkung ‘Ja genau, trau schau wem und ähnliche Rezepte aus dem Küchenkalender‘, fragen wir ihn selbst, was er damit meinte.

Interviewer: „Herr Dr. Nemo, kennen sie ihre Mitspieler, kennen Sie die Menschen?“

Der Hintergrund der Frage rührt übrigens auch daher, dass Elvira bemerkte, dass Nemo noch nicht einmal seine Frau genau kenne, was wohl auf etliche Ehemänner zutrifft und seine Behauptung, seine Mitspieler zu kennen, ist angesichts dessen wohl etwas weit aus dem geistigen Fenster gelehnt.

Eine zumindest provokative Aussage Elviras, auf deren Beschreibung ihrer Anmut heute zugunsten schwerwiegender Überlegungen verzichtet wird … aber wir werden sehen …

Nemo: „Nein, ich kenne die Menschen, meine Mitspieler nicht wirklich, jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Aber, um es vorwegzunehmen, die klassische Sichtweise interessiert mich auch nicht.“

Interviewer: „Mmmh…! Was meinen Sie mit „im klassischen Sinne“?“

Nemo: „Damit meine ich, dass wir dieses Kennen von Menschen auf die Grundlage von Psychologie, Bauchgefühl, Anmutung oder was auch immer setzen. Aber, das kann jeder halten wie er will. Das Entscheidende für mich jedenfalls ist, dass man gemeinhin glaubt, mit dieser Denke einen Menschen irgendwie zu kennen. Das ist ein Irrtum.“

Interviewer: „Wie kommen Sie darauf. Immerhin sägen Sie damit an dem Ast, auf dem die Psychologen sitzen und Sie sponsern ja einige davon.“

Nemo: „Das Sponsern ist nur Marketing.“

Interviewer: „Ach was …“

Nemo: „Waren Sie mal verheiratet oder hatten eine launige Affäre?“

Interviewer: „Ja, wieso?“

Nemo: „Der Irrtum, der dann als Grund für die Trennung angegeben wird, ist nicht der Irrtum über die Erkenntnis über den Partner, der sich als unpassend herausgestellt hat, sondern der Irrtum darüber, man könne überhaupt eine Erkenntnis über Menschen, also über diesen Menschen haben.“

Dem Interviewer graust es ein wenig.

Interviewer: „Ist aber nicht die Erkenntnis über einen Menschen, sei es der Partner oder der Mitspieler das, weshalb wir mit ihm wie auch immer zusammen sind. „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“, hat schon Goethe gesagt und in Ihrem Unternehmen führen Sie doch auch AssessmentCenter eben aus diesem Grunde durch.“

Elvira serviert einen Kaffee. Das Licht der Morgensonne wirft ihren Schatten an die Wand des Vorstandsbüros, er gleicht dem einer schwebenden Fee … und sieht so aus, als trüge sie Aladins Wunderlampe in der Hand …

Jedenfalls, und um sich nicht in Platons Höhlengleichnis zu verirren und auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen, der sich ja bekanntlich und ohne Zweifel im 126. Stockwerk des Verwaltungsgebäudes von WMIA Incorporated, Vorstandsbüro befindet … Elviras Kaffee ist schwarz wie die Nacht, süß wie die Sünde und heiß wie …

Elvira: „Noch ein Stück Zucker, der Herr?“

Interviewer zu Dr. Nemo: „Wenn es denn nicht die Psychologie ist, wie denken Sie denn über Menschen?“

Nemo: „Menschen und damit meine ich meine Kollegen und meine Konkurrenten verhalten sich entsprechend den Umständen, entsprechend den Signalen, die sie bekommen. Ihre sogenannte Persönlichkeit ist nebensächlich.“

Interviewer: „Na, na … wie kommen Sie darauf? Der Gedanke ist doch gewagt.“

Nemo: „Nicht ganz. WMIA hat zum Beispiel das Idealgewicht erfunden und wenn Sie so wollen, ein Signal, eine Message dazu verbreitet … war und ist ein toller Erfolg … unsere Low-Carb Nahrung läuft wie der Teufel. Unsere Pharmaabteilung hat Krankheiten erfunden, die es gar nicht gibt. Klasse Geschäft mit den Pillen.“

Interviewer: „Mmmh …? Dann wären Menschen nicht auf Eigenschaften festgelegt, mit denen man nur umzugehen lernen muss?“

Nemo: „Ja! Wir verbreiten Informationen, die uns nutzen und bestimmen damit da Verhalten.“

Interviewer: „Wo bleibt die Wahrheit?“

Nemo: „Die Wahrheit ist kein qualitatives Thema, sondern ein quantitatives. Je mehr eine Fake News verbreitet wird, umso mehr wird sie wahr. The truth is only in your eyes.“

Dr. Nemo muss wie immer zum Termin. Nach so hartem Tobak ist das auch gut.

Elvira und der Interviewer gehen zum Fahrstuhl.

Interviewer: „Das klingt alles sehr kalt und manipulativ. Gibt es nicht doch das Menschliche, die Liebe? Liebt Dr. Nemo überhaupt einen Menschen als solchen, seine Frau Fotunata zum Beispiel?“

Elvira: „Das fragen Sie ihn mal … am nächsten Dienstag.“

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