Was wissen Sie über die Ideengeschichte von Lean Thinking und Agilität?

Was wissen Sie über die Ideengeschichte von Lean Thinking und Agilität?

Wir benutzen Tools, von denen wir nicht wissen, welches Problem ursprünglich damit gelöst wurde. Wir überladen Rollen von Führungskräften und Mitarbeitenden, weil wir nicht wissen, was eigentlich der Auftrag war. Etwas Ideengeschichte hilft dabei, wesentliche Begriffe im Kopf zu sortieren.

#leanmagazin
am 16. 07. 2021 um 04:30 Uhr in LeanMagazin von Jan Fischbach


Ein Zitat macht neugierig

Im September 2015 saß ich in einem Scrum-Training bei Jeff Sutherland, in dem er ein Buch von Al Ward über die Produktentwicklung bei Toyota empfahl. Eine Stelle im Buch erregte meine Aufmerksamkeit: „Nach dem Krieg entdeckte die Luftfahrtindustrie den Computer. Mit Computern wurde erst konstruiert, dann simuliert, dann neu konstruiert, dann neu simuliert, usw. Die Kunst, Trade-Off-Kurven zu erfassen, ging verloren."

Nun war ich neugierig geworden: Was sind Trade-Off-Kurven? Wie erstellt man sie? Wer hat sie erfunden? Wie kam diese Technik nach Japan? Warum sind diese Kurven für einen Chief Engineer wichtig? Mit diesen Fragen begann meine Reise in die Ideengeschichte von Scrum. Inzwischen enthält meine Literaturdatenbank dazu über 80 Bücher und Artikel. Ich habe Netzwerke mit mehr als 40 Personen rekonstruiert, um herauszufinden, wer wen und wie beeinflusst hat. Es gibt viele Autor:innen, die Teile dieser Ideengeschichte sehr gut dokumentiert haben. Aber mir fehlte ein Gesamtüberblick.

Wozu braucht man Ideengeschichte?

Wir wenden heute in Beratung und Training Tools, Techniken und Methoden an, über deren Hintergründe wir nichts mehr wissen. Wenn wir die ursprünglichen Probleme dahinter kennen, können wir unsere Kunden besser anleiten. Wir können bestimmte Dinge vereinfacht erklären, bevor wir es kompliziert machen.

Das Wissen aus der Vergangenheit, hilft uns beim Einschätzen. Wie viel Ausbildung braucht zum Beispiel ein Scrum Master? Welche Techniken sind für einen Product Owner wesentlich, welche kann ich später einführen?

Zudem hilft uns das Wissen dabei, selbst Wissen weiterzugeben. Wie können wir eine internationale Community für den Fortschritt aufbauen und verhindern, in alte Managementsichtweise zurückzufallen?

Eine Ideengeschichte unterscheidet sich von einer Chronologie. Sie versucht darzustellen, wie Ideen entstanden sind und an neue Gegebenheiten angepasst wurden. Es ist eine Geschichte der Zusammenarbeit von Menschen über die Zeit und über Kontinente hinweg

Welche Ideen kommen in Scrum zusammen?

Scrum und Lean Production/Lean Product Development fassen Ideen aus mehreren Bereichen zusammen:

  • Empirische Produktentwicklung
  • Stetige Verbesserungen mit Leuten, die vorher keine Experten dafür waren.
  • Führung in komplexen Organisationen
  • Verbreiten von Wissen

Empirische Produktentwicklung

Die empirische Produktentwicklung beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Systematisierung des Maschinenbaus. Maschinen werden nicht mehr als Summe ihrer Einzelteile sondern als Ganzes betrachtet. Da die Maschinen größer und komplexer werden, muss man, wenn man neue Apparate braucht, empirisch arbeiten. Dies bedarf eine vernünftigen Vorbereitung. Aber die endgültigen Maße der Einzelteile findet man nur durch Experimentieren heraus.

Die Engineering Community geht mit den neuen Mitteln des Maschinenbaus daran, Flugzeuge zu entwickeln. Zum Beispiel werden Flugprofile und ihre Eigenschaften grafisch festgehalten. Das sind die Ursprünge der Trade-Off-Kurven. Toyota und Nissan stellen nach dem 2. Weltkrieg Flugzeugbauer ein. Das wirkt sich auf die Entwicklung der Fahrzeuge aus.

Scientific Management und TPS

Mit der Entwicklung von Maschinen, Autos und Flugzeugen ist eine Frage eng verbunden: wie organisieren wir eine massenhafte Produktion dieser Maschinen? Hier verbindet sich die Arbeit der Maschinenbauer mit der der Psychologen. Die Elementarpsychologie untersucht seit ca. 1880 Bewegungs- und Wahrnehmungsabläufe. Menschen, die später Scientific Management beeinflusst haben, waren Psychologiestudenten.

Aus dem Scientific Management gibt es eine klare Linie zu Training Within Industry, einem Ausbildungsprogramm in den USA zu Zeiten des 2. Weltkriegs. Dieses Programm gelangte in den 1950er Jahren nach Japan und legte eine Grundlage für das Toyota Production System.

Führung

Die Vorstellungen von Führung und Zusammenarbeit entwickelt sich Ende des 18. Jahrhunderts. Dies ist sehr deutlich in der Preußischen Armee sichtbar. Ein neues Wertesystem wird populär: Würde statt Ehre.

Die bekannten Leute im Scientific Management betonten stets eine ganzheitliche Führung eines Betriebs, und zwar in Kooperation mit den Mitarbeitenden, nicht über ihre Köpfe hinweg. Zudem war ihnen wichtig, Dinge zu ändern, wenn sie nicht mehr funktionierten.

Produktentwicklung, Fabrikorganisation und Führung waren immer schon über die gleichen Leute verbunden. Zum Beispiel haben sich Maschinenbauer aus der ASME zu Führungsfragen getroffen und dafür einen eigenen Verein, die Taylor-Society gegründet.

Verbreiten von Wissen

Die zentralen Personen in dieser Ideengeschichte haben immer darauf geachtet, dass Wissen festgehalten, kritisch diskutiert und geteilt wurde. Sie haben Bücher, Artikel und Bulletins geschrieben. Sie sind in andere Kontinente gereist, um zu lernen oder um Wissen weiterzugeben. Sie haben Vereine gegründet und Konferenzen organisiert. Sie haben Ausbildungsprogramme gestaltet und stets ein höheres Ziel im Sinn: eine fortschrittliche Gesellschaft.

Wenn Sie mehr wissen wollen, kommen Sie zu meinem interaktiven Vortrag am 22.07.2021 oder nehmen Sie Kontakt (https://www.scrum-events.de/referenten-und-coaches/articles/jan-fischbach.html) mit mir auf.


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