Warum alte Eliten offene Netzwerke hassen

Warum alte Eliten offene Netzwerke hassen

Es ist zum Verzweifeln: In den Führungsetagen von vielen Unternehmen und in Beraterkreisen gibt es die Mitmach-Kultur des Netzes höchstens als Schlagwort. Statt Innovationen zu nutzen, ergötzen sich Manager an Powerpoint-Monologen in exklusiven Kreisen, damit die Nichtigkeit des Gesagten nicht sofort bemerkt wird.

#leanmagazin
am 16. 07. 2016 um 15:36 Uhr in LeanMagazin von Gunnar Sohn


Da labern Führungskräfte und sogenannte Keynote-Speaker auf öligen Kongressen ihre Kalenderweisheiten ins Publikum und ergötzen sich an irgendwelchen Statistiken über die Digitale Transformation. Veredelt wird das Gesagte mit bunten Präsentationen. „Die sind reserviert für bullet points – kurze, knappe Statements (‚Sätze‘). Gut so, denkt sich der abendländisch geschulte Mensch: Da muss der Autor sich auf das Wesentliche beschränken und prägnant formulieren. Tut er aber nicht, sondern produziert generische Sätze, die zu allem passen und nichts sagen“, kritisiert „Zeit“-Herausgeber Josef Joffe.

Es fehlt alles, was gute Kommunikation ausmacht.

Egal, ob es nun um soziale Netzwerke oder andere Themen geht: Es ist Fließband-Ware von einschlägigen Veranstaltern, die für schlappe 2.000 Euro pro Teilnehmer über Hochglanz-Broschüren und Newsletter verkauft wird. In hoher Taktung präsentiert man die Propaganda wie Schweinebauch-Reklame in Anzeigenblättern. Eine Kultur des offenen Austauschs und Dialogs sieht anders aus. Hat das noch etwas mit der Kommunikationsphilosophie der verknöcherten Netzwerke der Deutschland AG zu tun? Natürlich nicht. Das wird deutlich, wenn man sich mit den Prominenten-Interviews auseinandersetzt, die der Berater Alexander Wolf für sein Buch „Geheimnisse des Netzwerkens“ geführt hat.

Alle jene Diskussionen, die über Transparenz geführt werden, seien eine Illusion. „So wird es nie sein. Wer in der Politik tätig ist, hat ein Unterstützer-Netzwerk von Leuten, die einem in schwierigen Situationen helfen und denen man auch ab und zu helfen muss. Das läuft immer diskret und kann nicht offengelegt werden“, so Wolf. Der Journalist Dieter Kronzucker habe es sehr schön ausgedrückt: Social Networks werden alle so schnell wieder vergehen, wie sie gekommen sind. „Damit meint er nicht, dass es Facebook nicht mehr geben wird, aber er meint die Wichtigkeit, die wir Facebook momentan geben, wird abnehmen. Xing, LinkedIn oder Facebook sind nichts anderes als Online-Adressverzeichnisse und Online-Fotodatenbanken, wo man anderen die Möglichkeit gibt, Dinge schnell zu erfahren. Es sind keine belastbaren Netzwerke. Sie können keine Freundschaften und belastbaren Beziehungen über Xing aufbauen, weil sie kein Vertrauen im Internet aufbauen können. Wir wissen ja noch nicht mal, ob der Facebook-Freund überhaupt existiert“, erläutert Buchautor Wolf.

Seilschaften lieben Abhängigkeiten.

Letztlich geht es den Netzwerkern des Establishments um gegenseitige Abhängigkeiten. Es sind Seilschaften, Kartelle, Klüngel und Cliquen, die ihre Macht nur hinter verschlossenen Türen entfalten können. Die Struktur und Logik des Social Webs erschwert die Arbeit der Pseudo-Elite in Politik, Wirtschaft und Medien. Offene, freie und anarchische Systeme sind Gift für die Kontroll-Freaks der alten Management-Schule. „Wenn das Wesen der Digitalisierung darin besteht, Wissen allen verfügbar zu machen, Hierarchien aufzubrechen und kollaborativ den Wandel zu gestalten, und eben dieser Wandel doch an der Elfenbeinturm-Executive-Denke krankt, wie kann man dann im Jahre 2016 allen ernstes noch so Elfenbeinturm-Executive-Formate bringen? Das ist doch Meta-Banane“, kritisiert der Kölner Mittelstandsexperte Marco Petracca.

Wir brauchen Zugänge zu Wissen, Technologie, Diensten und Ideen in offenen und vernetzten Strukturen – ohne verkrustete Hierarchien und Hinterzimmer-Seilschaften.

Das haben die alten Eliten immer noch nicht begriffen. Sie verbinden sich zur Absicherung ihrer Herrschaft bei gleichzeitiger Desorganisation der Gesellschaft.
Je stärker das Internet die Vernetzung vorantreibt und jeder nicht nur Empfänger von Botschaften ist, sondern auch Sender, desto stärker versuchen sich die Old Boys im Generaldirektorenmodus abzusetzen, damit es nicht zu einem übermäßigen Vordringen von “gewöhnlichen” Leuten in die innere Welt der Cliquen und Klüngel kommt.
Der Zugang zu den Netzwerken der Herrschenden bleibt versperrt. Nachzulesen im Standardwerk von Manuel Castells “Das Informationszeitalter I – Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft”.

Viele Organisationen funktionieren weiterhin wie Klöster.

Weltabgewandt und den eigenen Regeln folgend, schreibt der Publizist Mark Terkessidis in seinem neuen Opus “Kollaboration”, erschienen in der edition suhrkamp. Er meint dabei vor allem Behörden und Beamtentum. Ähnliches lässt sich in fast allen Machtblöcken beobachten: Konzerne, Kirchen, Gewerkschaften, Stiftungen, Verbände, Xing-Gruppen und sonstige Zirkel agieren als geschlossene Systeme. Das Feedback und das Belohnungsszenario – Aufstieg, Ruhm, Kohle – funktionieren primär intern. Einmal etablierte Routinen werden aufrechterhalten unabhängig von den Veränderungen der äußeren Bedingungen.

Patronage und Ochsentour sind wichtiger als echte Partizipation und Transparenz.

Wer diese Statik infrage stellt, wird als naiv, primitiv oder esoterisch abqualifiziert. Herrschaft in kleinen Zirkeln funktioniert nur durch das Ausschlussprinzip. Angebote zu einer Kultur des Teilens entspringen eher einer folgenlosen Rhetorik, um die traditionellen Hierarchien nicht zu gefährden. “Wer Freiräume gewähren will, der muss Kontrolle abgeben, ansonsten wird Freiheit nur simuliert”, so Terkessidis. Um auch in der digitalen Welt im vertrauten Klüngel-Kreis zu bleiben, gibt es ein paar nette Selfies, Aktivitäten auf Facebook, Twitter und in irgendwelchen Xing-Grüppchen – mehr nicht. Rein taktisch haben die etablierten Kräfte im Netz kräftig zugelegt – ihre digitale Kompetenz ist dennoch überschaubar. An dieser Schwachstelle kann man ansetzen.

Wir sollten die Digitalisierung und Vernetzung nutzen, um Plattformen und Formate für kollaborative Kritik zu etablieren, damit sich die Mächtigen vor lauter Kontrollverlust-Ängsten ins Höschen machen. Wenn sich nichts tut, herrschen halt die alten Eliten weiter.


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