Gescheiter Scheitern…

Gescheiter Scheitern…

Eine Kündigung, ein Konkurs – wer verliert, muss oft genug noch Hohn ertragen. Dabei gehören Fehler und Scheitern zum Leben. Doch wie kommt es, dass manche Steherqualitäten haben, während andere angesichts der vielen Steine auf ihrem Lebensweg kapitulieren?

#leanmagazin
am 15. 01. 2016 um 17:12 Uhr in LeanMagazin von Angela Fuhr


Die Herkunft ist ein mögliches Kriterium

In den USA ist nicht Scheitern das Tabu, sondern Aufgeben. Man zollt jenen Anerkennung, die sich wieder aufrappeln. Bei uns wird oft übersehen, dass viele, die es weit gebracht haben, erst einmal scheiterten. Wir werden sozialisiert mit dem Anspruch: Erfolg ist alles. Scheitern hingegen ist immer noch ein Stigma, ein verwirrender, schlecht einzuordnender Bruch in der Biografie.

Bemerkbar macht sich das auch in der Gründungsfreudigkeit. In den USA hängen viele dem Ideal des Selfmade-Man an; Deutschland ist nach wie vor ein Land der Arbeiter und Angestellten. Laut Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2010 zum Gründerklima in den wichtigsten Industrienationen planen nur vier Prozent aller deutschen Erwerbstätigen, ein Unternehmen zu gründen – Platz 15 von 20 im OECD-Ranking. 43 Prozent der Befragten nannten Angst vor dem Scheitern als Hauptgrund.

Die Ursachen sind wohl auch in einer veränderten Arbeitswelt zu suchen. Die Kontinuität, die noch vor einer Generation im Erwerbsleben herrschte, ist passé. Berufsbilder in der Arbeitswelt 2.0 haben eine Halbwertszeit von wenigen Jahren. Wo früher eine geradlinige Laufbahn vor uns lag, zweigen heute viele Weggabelungen ab: Praktikum statt Anstellung, lebenslanges Lernen statt solider Ausbildung, Job-Nomadentum statt goldener Uhr zum Dienstjubiläum nach 25 Jahren – die Unsicherheitsfaktoren wachsen.

Mit einer Bauchlandung ist man in bester Gesellschaft

Was wir brauchen: gute Beispiele in Sachen Scheitern, Role Models. Sie sollen zeigen, wie es in dieser veränderten Arbeitswelt funktionieren kann – dass nach dem Tief ein Hoch kommen kann, dass etwa eine Zeit der Arbeitslosigkeit nicht unweigerlich das Ende bedeutet. Die Basis für einen positiven Umgang mit dem Scheitern liegt gerade darin, Fehler machen zu dürfen. Wer einkalkuliert, dass auch einmal etwas in die Hose gehen kann, geht die Sache gleich viel entspannter an.

Wer doch einmal eine Bauchlandung hinlegt, befindet sich zumindest in guter Gesellschaft. Henry Ford schaffte es erst im dritten Anlauf, seine Ford Motor Company zu gründen. Thomas Edison probierte um die 9000 Glühfäden aus, bis er jenen fand, der die Glühbirne erstmals dauerhaft zum Leuchten brachte.

Fehler sind Quell und Motor des Fortschritts

Einen Fehler zu erkennen, verlangt danach, etwas zu verändern, anzupassen, neu zu ordnen. Routinen müssen überdacht, alte Strukturen geknackt werden. Wer sich über Schema F nicht hinaustraut und immer am Bestehenden entlangdenkt, wird ewig im eigenen Saft weiterköcheln.

Beim japanischen Automobilhersteller Toyota hat man die Bedeutung einer funktionierenden Fehlerkultur längst verinnerlicht. Seit den siebziger Jahren setzt der Konzern auf die Optimierungsmethode Kaizen, ein Modell zur kontinuierlichen Prozessverbesserung in allen Unternehmensbereichen. Herzstück des Denkansatzes: Man nutzt das Wissen über Fehler und Irrtümer, um Abläufe schrittweise zu verbessern. Mitreden darf vom Personaldirektor bis zum Fließbandmonteur jeder, dem eine noch so kleine Schwachstelle im System aufgefallen ist.

Wer arbeitet, macht auch Fehler

Fehler passieren tagtäglich und werden zum Riesenproblem, wenn man über sie nicht diskutiert, sondern sofort Konsequenzen einfordert – ohne jeden Moment der Reflektion.

Durch das Verdrängen und Verschweigen des eigenen Scheiterns entgeht uns die Chance, es besser zu machen. Mehr noch: Das Nicht-Eingestehen von Fehlern führt dazu, dass Unternehmenskapital vernichtet wird. Hier können wir von der Fehlerkultur der Asiaten lernen. Etwa: die Sinne zu schärfen für das, was um uns herum geschieht, um negative Tendenzen rechtzeitig zu erkennen – denn Scheitern passiert selten von heute auf morgen. Oder gedanklich einen Schritt zurückzugehen und sich zu fragen: Wie konnte es dazu kommen?

Eine Regel, die jeder befolgen sollte: Einmal öfter aufstehen als man hinfällt – so haben wir alle als Kinder das Gehen geübt. Laufen lernt man durch Hinfallen, und eine gescheiterte Idee muss nicht das Ende aller Bemühungen sein.
Gestehen wir uns selbst und anderen Fehler zu, leben wir eine Kultur der Fehler und der zweiten Chance!


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