A Fool with a Tool - Folge 64

Es ließ dem Interviewer keine Ruhe, was Dr. Nemo letzte Woche sagte, nämlich: „Ich habe etwas übersehen in meinem Managementleben.“ Das aus dem Munde eines Allgewaltigen zu hören, von jemandem, der an der Spitze eines Unternehmens steht, das Hunderttausende beschäftigt, eines Mannes, dem eine gewisse Unfehlbarkeit schon aufgrund seines Gehaltes zugeschrieben wird, ist bemerkenswert.

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Das allerdings Herausstechende dieser Bemerkung Nemos ist ein gewisser Grad an Ehrlichkeit oder sogar Demut. Wir wollen das mal so stehen lassen, vielleicht entspringt dieser Ausspruch ja ganz anderen Motiven. Wir werden sehen.

Jedenfalls bat der Interviewer Dr. Nemo um ein Treffen vor der nächsten Aufsichtsratssitzung.

Man traf sich im Ferienhaus Nemos, das am Meeresstrand liegt, auf dem man eine Stunde spazieren kann, ohne das Grundstück zu verlassen. Eine Stunde, das ist die Maßeinheit Nemos für Gespräche. Für Verträge bevorzugt er übrigens die Länge einer DIN A 4-Seite, er liebt es kurz und praktisch. Na ja.

Interviewer: „Was haben Sie übersehen in Ihrem Managementleben?“

Nemo bleibt stehen und zeigt auf den Horizont.

Nemo: „Sehen Sie den Horizont?“

Interviewer: „Ja klar, ja und?“

Nemo: „Gibt es den Horizont wirklich, ist das so, dass man wie die Menschen früher dachten, da hinunterfällt, wenn man ihn überschreitet?“

Interviewer: „Natürlich nicht.“

Nemo: „Sehen Sie junger Mann,“ so redet Nemo immer, wenn er Bedeutungsvolles von sich gibt, „sehen Sie, das, was wir als Menschen für wirklich hielten, ist vielleicht nur eine Idee. Wenn ich übermorgen zur Aufsichtsratssitzung gehe, höre ich nur Ideen. Der Clown hat mir diesen goldenen Satz geschenkt, die Frage „Ach, ist da so?“ Das gibt mir zu denken.“

Interviewer: „Und was ist die Box der Pandora?“

Nemo: „Was ich übersehen habe, ist, dass wir uns allzu sicher fühlen, in dem, was wir tun. Das Tabu des Managements ist das Hinterfragen seiner selbst, seiner Rolle und seiner vorgegebenen Wahrheiten und auch der Geschäftsmodelle mit dem ganzen Klamauk der Zahlen.“

Interviewer: „Sind Sie jetzt philosophisch angehaucht?“

Nemo: „Nein, ich bin ein Mann der Praxis, ich überlege wie ich diese Erkenntnis nutzen kann.“

Nun dachte der Interviewer, dass Dr. Nemo sich vom Saulus zum Paulus gewandelt hat. Das allerdings ist denn doch zu weit gegriffen.

Heute ist die Aufsichtsratssitzung und es kam wie es kommen musste. Schaun wir mal, was passiert.

Dr. No, der Finanzchef trägt seine Bemerkungen zur Kapitalerhöhung vor. Nemo hört so zu wie die meisten Menschen, er wartet nur auf seinen Einsatz, seine Gelegenheit, etwas sagen zu können.

Nemo: „Ach, ist das so?“

Dr. No stutzt, hält das aber für eine Phrase. Der Entwicklungschef, Herr Dr. Straightline trägt auch vor und wieder quittiert Nemo den Vortrag mit: „Ach, ist das so?“

Signora Antonia Battista-Nemo, die Aufsichtsratsvorsitzende, eine bekannte ehemalige argentinische Tangotänzerin und Ex-Gattin Nemos blickt verständnislos.

Antonia: „Was soll das, Nemo?“

Nemo: „Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass wir eben nicht sicher sein können mit unseren Strategien.“

In der Runde herrscht eine gewisse Mulmigkeit und eigentlich ist ordentlich Dampf unter dem Kessel.

Elvira rettet die Situation.

Elvira: „Dr. Nemo weist nur daraufhin, dass eine gewisse Restunsicherheit immer vorhanden ist, bei allem, was wir tun.“

Antonia sprach erleichtert aus, was alle in dem Moment denken: „Ja klar, wir sind ja keine Propheten.“

Die Situation ist gerettet, die Verabschiedung der Kapitalerhöhung läuft ungestört wie gehabt und man geht zum Buffet wie immer.

Elvira nimmt Nemo zur Seite.

„Nemo, Du benutzt die Worte des Clowns. Das hat er nicht gemeint mit seinem Geschenk.“

Nemo: „Was denn?“

Es würde zu lange dauern, was Elvira dem Nemo erklärt, hier ist die Kurzfassung. Auf jeden Fall hat Nemo irgendwie Feuer gefangen, auch wenn er sich wie ein Fool angestellt hat und nicht das erreichte, was er wollte. Eigentlich ein Klassiker, Nemo macht aus allem ein Rezept.

Über Elviras hinreißende Weiblichkeit ist an dieser Stelle ja schon viel berichtet worden. In diesem Moment macht sie überdies dem weiblichen Prinzip alle Ehre.

Das weibliche Prinzip, so sagt der Psychoanalytiker Erik Erickson, ist ein Doppelprinzip: Die Fähigkeit, sich zu öffnen, aufzunehmen und gleichzeitig durch Hinzugabe des eigenen Lebens eine neue Antwort zu geben. Diese „Antwort“, in der das Aufgenommene und das Eigene verschmolzen sind, ist etwas völlig Neues.

Elvira: „Das „Ach ist das so?“ ist kein Rezept, dahinter steht eine Philosophie. Wenn du es einfach nur nachplapperst, zerschlägst Du Porzellan.“

Auf jeden Fall beruhigt sie den CEO. Sie blinzelt ihm zu und muntert ihn auf.

Nemo: „Der Gedanke des Clowns leuchtet doch ein. Was soll ich denn tun …?“

Nemo wird das wohl nicht allein bewältigen können … Wie er vorgeht, erfahren wir an einem weiteren Dienstag.

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