"Warum wir wahrscheinlich sämtliche Aktivitäten in Sachen Lean in unseren Organisation vergessen können!"

"Warum wir wahrscheinlich sämtliche Aktivitäten in Sachen Lean in unseren Organisation vergessen können!"

Darüber sprachen wir beim 4. LeanStammtisch Rheinland am 10. Januar 2019 mit Ralf Volkmer, Moderator & Coach bei der Learning Factory.  

am 18. 01. 2019 um 15:56 Uhr

Ralf Volkmer beschäftigt sich seit rund 30 Jahren mit Geschäftsprozessorganisation. Seine Schwerpunkte liegen hierbei im Aufbau eines ganzheitlichen Managementsystems sowie in der Integration und Entwicklung einer operativen und kontinuierlichen Verbesserungs- & Coaching-KATA in der Produktion und allen produktionsnahen Bereichen. Ralf Volkmer ist außerdem Initiator des größten deutschsprachigen LeanEvent LeanAroundTheClock, sowie der Plattform LeanBase, welchen allen unabhängig ihrer hierarchischen Stellung und Herkunft einen niedrigschwelligen Zugang zu Wissen und Informationen rund um die Themen Lean, Kaizen, KVP, Agile & Co. ermöglicht.

Ralf Volkmer hat eine ganz eigene Haltung zu leanen Methoden. Es fängt schon mal damit an, dass er den Begriff nicht mag. Lean ist ein Kunstwort – geprägt von den Autoren des Buches „Die 2. Revolution in der Autoindustrie“ James P. Womack, Daniel T. Jones und Daniel Roos.“ „Wenn westliche Unternehmen und ihre Manager und ihre Mitarbeiter […] überleben wollen, müssen sie schlanke Produktion kennen und übernehmen.“ So zitierte er aus dem Buch. Schlanke Produktion, also Lean Production, wurde – und wird bis heute – als Zauberformel gesehen, mit deren Hilfe japanische Produktivität, Flexibilität und Fehlerfreiheit erreicht werden kann. Nunmehr drei Jahrzehnte später ist nicht mehr nur von Lean Production die Rede, alles scheint Lean zu sein: Krankenhäuser, öffentliche Verwaltungen, Konstruktionsabteilunge etc. Damit müssten alle Organisationen so erfolgreich wie Toyota sein. Aber ist das wirklich so? Und wenn nein, warum nicht?

Die vorgenannten MIT-Wissenschaftler haben in ihrem Buch das beschrieben, was sie bei ihrer Forschungsarbeit in den Werken von Toyota gesehen haben. Das waren überwiegend methodische Ansätze, wie beispielsweise Muda, Muri, Mura, 5S, Kanban usw., welche meist auf dem Shopfloor wiederzufinden sind. 

Ralf Volkmer leitete her, warum der japanische Begriff „Kaizen“ viel eher beschreibt, um was es eigentlich geht, wenn wir von leanem Gedankengut reden. „Kaizen“ setzt sich zusammen aus „Kai“ (Wandel/Veränderung) und „Zen“ (zum Besseren) und meint damit das Streben nach Perfektion. Dabei geht es um viel mehr als um ein Produktionssystem, es geht um eine Lebens- und Arbeitsphilosophie

Wenn Lean aber als ganzheitliches Managementsystem verstanden werden und über alle Hierarchieebenen gelebt werden will, so ist die Einführung nicht nur kompliziert, nein, sie ist gar komplex. Schließlich reden wir davon, Menschen im System „Unternehmen“ neue Arten des Miteinander beizubringen. Das lässt sich weder mathematisch ableiten, noch durch die schiere Anwendung von Methoden umsetzen.

Gemeinsam mit den Stammtisch Teilnehmern diskutierte Ralf Volkmer fünf kritische Erfolgsfaktoren für die Einführung von leaner Haltung:
1.    Commitment des Managements
2.    Vorbildfunktion der Führungsmannschaft
3.    Durchdringung im Unternehmen
4.    Ganzheitlicher Ansatz
5.    Messen von Erfolgen

Für Ralf Volkmer geht es zuallererst um Führung. Warum? Weil „Veränderungen im Geschäftsprozess immer auch eine Veränderung bei den Menschen bewirkt, die mit den Prozess zu tun haben. Sie müssen Fehler machen dürfen.“ Die in diesem Zusammenhang viel zitierte Fehlerkultur ist für ihn aber kein Garant für den Erfolg. Denn „wer Menschen von Kind an einbläut, dass sie keine Fehler machen sollen, der darf sich auch nicht wundern, dass die tolle neue Fehlerkultur dann nicht gut funktioniert.“

Mit Hilfe des Entwicklungsstufenmodells von Jean Piaget, dem „Übervater der Entwicklungspsychologie“ macht er deutlich, warum es wichtig ist, Mitarbeiter ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Auch wenn das länger dauert. „Quickwins sind schnell zu erreichen, aber die Menschen sind dann nicht mitgenommen worden“. Der Faktor Zeit ist deshalb auf jeden Fall auch ein wichtiges Erfolgskriterium. „Führungskräfte, die meinen, ihren Mitarbeitern mehr Freiheit geben zu wollen, werden vor die Wand fahren, wenn sie sie nicht auf das Mehr an Freiheit vorbereiten.“ Dafür braucht es Geduld. Außerdem darf die Einführung von leanen Methoden keinen Projektcharakter haben. „Irgendwann muss Lean erwachsen werden und den Projektstatus verlassen“.

Nach dem einstündigen Vortrag war wohl allen Stammtisch-Teilnehmern klar, warum aus Ralf Volkmers Sicht gängige Lean-Aktivitäten selten von Erfolg gekrönt sind. Darüber wurde anschließend auch noch lange diskutiert.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Ralf Volkmer für seinen Besuch und die spannende Herleitung seiner Lebens- und Arbeitsphilosophie. Bei allen Stammtisch-Teilnehmern bedanke ich mich für die engagierten Diskussionen und bei unserem Gastgeber, der ISEKI-Maschinen GmbH bedanke ich mich für die wunderbare Gastfreundschaft.


Am 7. März 2019 geht es weiter. Hier könnt ihr euch zum 5. LeanStammtisch anmelden.


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