Die Schlange am Kaffeeautomaten gab es auf einmal nicht mehr

Die Schlange am Kaffeeautomaten gab es auf einmal nicht mehr

Am 13. Januar 2022 haben wir mit Max Meister, CEO bei Ludwig Meister & Jacqueline Rahemipour, Scrum Master bei Sipgate über gute Zusammenarbeit in Zeiten von Abstand diskutiert. Wir haben über die Herausforderungen gesprochen, die das Arbeiten auf Distanz in den letzten Monaten mit sich brachten, was die beiden und ihre Organisationen daraus gelernt haben und wie Kollaboration auch mit Abstand funktionieren kann.

am 21. 01. 2022 um 10:24 Uhr

Jacqueline Rahemipour habe ich 2016 als Moderatorin eines offenen Workshops im Hause ihres Arbeitgebers Sipgate kennengelernt. Jacqueline ist Scrum Masterin & Agile Coach bei dem Anbieter von Telefonanlagen in der Cloud. Sie und eine Kollegin zeigten uns an diesem Tag Sipgates damals noch sehr neue Formen der (Zusammen)Arbeit.


Zusammenarbeit bedeutete vor Corona vor allem das zweistöckige Bürogebäude mit seinen großen Metaplanwänden voller Post-its, den vielen kleinen und großen Meetingecken und das großzügige Firmenrestaurant gemeinsam und in Präsenz zu nutzen. Vor Corona führte Sipgate ein sehr offenes Haus und das Wort „Home Office“ war ein Fremdwort.


Was die Düsseldorfer anders machen, erfuhren Interessierte nicht nur in den Workshops, sondern auch in den gut besuchten monatlichen Veranstaltungen und Führungen durch das Haus. Zusätzlich haben die Vorreiter und Umsetzer von „New Work“ In dem Buch „24 Work Hacks - auf die wir bei sipgate gerne früher gekommen wären.“ die Summe ihrer Erfahrungen während ihrer Organisationsentwicklung zusammengefasst.  

Max Meister, CEO von Ludwig Meister und Podcasthost der supplychainhelden.de habe ich vor einem halben Jahr auf LinkedIn und über Empfehlungen kennengelernt. 
 
Max ist Familienunternehmer im Technischen Handel in der 3. Generation. In den letzten fünf Jahren haben er und sein Team die Ludwig Meister GmbH & Co. KG, ein Vollsortiment-Anbieter für Antriebstechnik, Werkzeugtechnik und Fluidtechnik, fit für die Herausforderungen der Digitalisierung in Industrie und Handel gemacht. Max berichtet in regelmäßigen Abständen auf LinkedIn sehr offen über die Methoden, die er und sein Team anwenden, um besser zu werden.


Außerdem spricht er in seinem Unternehmer Podcast Supplychainhelden mit erfahrenen Supply Chain Helden aus Wirtschaft und Wissenschaft, teilt Ideen, zeigt Perspektiven auf und möchte generell Mut machen, immer weiter dazuzulernen.
 
Wie immer haben wir den Abend gemeinsam gestaltet. Es gab zwei Break-out Sessions, in denen die Teilnehmenden sich untereinander kennenlernen konnten und außerdem sich außerdem gemeinsam die Fragen für Jacqueline und Max überlegen konnten.
In dieser Nachlese gebe ich die einige Fragen und Antworten von Jacqueline und Max wieder.

Wie sieht das neue Arbeiten aus?
Jacquline:
Das war eine große Umstellung für uns. Wir haben vor Corona gar kein Home Office zugelassen und sehr viel Wert auf Präsenz gelegt. Wir hätten nicht für möglich gehalten, was digital alles funktioniert.
Über Slack bleiben wir in Kontakt. Und wir nehmen die digitalen Treffen auf Video auf, damit keiner etwas verpasst. Die wichtigen Meetings kann man sich dann später auch mal im Schnelldurchlauf anschauen.
Max:
Wir haben schon vor Corona mit OKRs gearbeitet. Dieses Führen nach Ergebnissen hat uns in der Corona-Zeit geholfen. Seit Corona kommunizieren wir noch transparenter. Alles ist öffentlich. Das ist ganz klar ein Führungsthema. Und wir gehen immer mehr weg von der Produkt- zur Kundenorientierung. Das war schon vor Corona eine wichtige Entwicklung bei Ludwig Meister.

Wie macht ihr digital Beobachtungen?
Max:
Ich führe das Unternehmen zusammen mit meiner Schwester. Die Kachelansicht in Zoom schätzen wir, da wir darüber die Reaktionen der Menschen im Meeting sehen können. In einem digitalen Meeting achtet immer einer von uns explizit darauf, wie die Teilnehmenden reagieren.
Wer zu Wort kommen will, hebt die Hand.
Jacqueline:
Gerade für uns Scrum Master war das eine große Umstellung, weil wir nicht mehr alles im Teamraum automatisch mitbekommen, sondern alle Kontakte plötzlich geplante Meetings sind. Wir moderieren mittlerweile oftmals zu zweit, dadurch fällt das Beobachten der Teilnehmenden leichter.
 
Wie können wir remote Gelegenheiten für zufällige Begegnungen schaffen?
Jacqueline:
Die Schlange am Kaffeeautomaten war früher gewünscht, um den Austausch zu fördern. Die gab es auf einmal nicht mehr. Das war eine große Umstellung. Wir haben dann „zufällige“ Begegnungen von jeweils zwei Mitarbeitern eingeführt, die sich noch nicht kannten und sich digital auf einen Kaffee getroffen haben. Das hat ganz gut funktioniert. 
Wir bleiben über Slack in Kontakt, machen in den Teams “Socialising-Termine” und auch remote Teamevents. Das ist zwar nicht zufällig, aber kommunikativ.
Max:
Leichtigkeit in digitale Meetings reinzubringen, fiel uns nicht leicht. Wir treffen uns oft einfach früher (20 min.), damit sich die Leute auch mal ungezwungen unterhalten können. Das hat ganz gut geklappt.
 
Wie stellt ihr euch hybrid auf (z. B. Meetingplanung)?
Jacqueline:
Wir müssen schon aufpassen, dass keine 2-Klasse-Gesellschaft entsteht: die, die vor Ort sind und die, die remote dazugeschaltet sind. In hybriden Meetings ist es schwierig für die digital Zugeschalteten, weil über den digitalen Kanal immer alles etwas verzögert ankommt. Dadurch wird im Raum vor Ort eine Bemerkungen gemacht und so schnell kann ich digital darauf gar nicht reagieren. Das macht es schwieriger mit der Kommunikation.
Viele Annehmlichkeiten, wie unser Firmenrestaurant haben wir nach Hause zu den Mitarbeitern gebracht. Das Restaurantteam hat Rezepte ausgearbeitet und mit den entsprechenden Zutaten per Post geliefert.
Oder wir haben jeden Mitarbeiter einen Blumenstrauß gesandt - statt den schönen Blumengestecken, die wir früher im Büro hatten.
Max:
Wir haben für uns entschieden, dass wir machen keine hybriden Besprechungen mehr machen. Die haben sich nicht bewährt.
Da wir gerade in 2020 Umsatzeinbußen hinnehmen mussten, hatten wir leider kein Geld für Geschenke oder andere Besonderheiten für unsere Mitarbeiter.


Was hat sich digital nicht bewährt? Strategievermittlung möglich oder nur face to face?
Jacqueline:
Wie schon erwähnt, war das digitale Arbeiten eine große Umstellung für uns. Aber gemeinsam haben wir es geschafft, auch digital in Verbindung zu bleiben. Wir haben sehr engagierte Kolleg:innen, die alles versucht haben, um unsere Unternehmenskultur auch digital am Leben zu erhalten.
Max:
Wir mussten auch viele unangenehme Dinge digital erledigen. Standortschließungen z. B., wobei die Kollegen woanders einen Job bekommen haben. Das ging alles auch digital.
 
Wie sieht das neue NORMAL aus?
Jacqueline:
Ich habe neulich mein Team gefragt, was sie aus der Corona-Zeit mitnehmen wollen und wa nicht. Da ist mir aufgefallen, dass fast alle erst in der Corona-Zeit dazugekommen waren. Die haben unser davor gar nicht erlebt. Wir sind in der Coronazeit um 50 Prozent auf 300 Mitarbeiter gewachsen. Wir hätten also in unseren Büroräumen gar nicht genug Platz für alle Mitarbeiter. Somit wird es unterschiedliche Anwesenheiten geben.
Max:
Auch nach Corona werden wir jedem Mitarbeiter einen festen Arbeitsplatz bieten. Das ist uns sehr wichtig.


Mein Dank geht an Jacqueline und Max, die beide sehr offen ihre Erfahrungen und Erkenntnisse und die eine oder andere Anekdote mit uns geteilt haben! Es war sehr spannend und inspirierend, die letzten zwei Jahre aus zwei so unterschiedlichen Perspektiven zu erleben. Danke dafür! Außerdem bedanke ich mich bei den interessierten Teilnehmenden für die vielen Fragen und das Interesse an diesem Dialog! Schön, dass ihr dabei wart!


Der nächste LeanStammtisch Rheinland findet am 3.3.2022 von 17:30 – 19:15 Uhr statt. Es wird um das Thema Morgentreffen bzw. Morning Meeting gehen. Alles weitere folgt demnächst. Hier könnt ihr euch schon mal anmelden. 


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