"Wir müssen uns aus der Normalitätstrance befreien." Prof. Dr. Andreas Syska und Jörg Gottschalk über Lean Health

"Wir müssen uns aus der Normalitätstrance befreien." Prof. Dr. Andreas Syska und Jörg Gottschalk über Lean Health

Lean Health - inwieweit Toyotas Produktions-Prinzipien das Gesundheitswesen verbessern (können) –mit Prof. Dr. Andreas Syska hatte ich zu diesem Thema einen Vertreter aus der Industrie und mit Jörg Gottschalk einen Experten aus dem Gesundheitssystem eingeladen. Zusammen sind wir der Frage nachgegangen, wie sich die beiden Bereiche befruchten und voneinander lernen können.

Über 30 Teilnehmer:innen haben sich auf dem LeanStammtisch am 6. Mai 2021 mit Fragen über den Chat an der Diskussion beteiligt. Wir haben wohl einen Nerv getroffen.

am 16. 05. 2021 um 13:57 Uhr

Prof. Dr. Andreas Syska unterstützt seit ein paar Wochen das Impfzentrums im Rhein-Kreis Neuss darin, seine Leistungsfähigkeit zu steigern und Engpässe aufzuspüren. Jörg Gottschalk setzt sich seit Jahren für eine digitale, strukturierte, mitarbeiter- und patientenfreundliche Arbeit in unseren Krankenhäusern ein.
 
Beide sind leidenschaftliche Autoren und geben Denkanstöße für ein besseres und leanes Miteinander in ihren verschiedenen Arbeitswelten.
 
Mit den folgenden Themenanregungen sind die Teilnehmer:innen in acht Break-out Rooms zu viert zusammengekommen und haben sich Fragen für die beiden Experten überlegt:

  • Wie Lean Thinking hilft die Corona-Pandemie zu bekämpfen - Notizen aus dem Impfzentrum in Neuss
  • Verschwendung, wo man hinschaut: Zwischen Verwaltungswahnsinn, unsinnigen Diagnosen und der Illusion, dass Privatisierung das Gesundheitswesen effizienter macht.
  • Pflegeschlüssel ändern versus Reduzierung von Verschwendung: der gute Weg zu mehr Qualität im Gesundheitswesen und der Pflege.
     

Anbei ein Auszug aus der anschließenden Diskussion:
Frage: „Wie reagieren die Menschen im Gesundheitsbereich auf das Thema Lean und dessen Begriffe?“
Jörg Gottschalk: „Ich spare mir meinen eigenen Arbeitsplatz weg“ – diese Angst gibt es nicht mehr. Es herrscht ein Mangel an Arbeitskräften in Krankenhäusern. Stattdessen steigt der Druck: „Wir schaffen es nicht mehr." Hilfe ist dringend nötig."
 
Frage: „Mehr Pfleger oder effizienteres Pflegesystem?“
Jörg Gottschalk: „Patienten und die Abläufe um sie herum sind deutlich planbarer als man gemeinhin glaubt. Mehr Personal bedeutet nicht gleichzeitig mehr Zeit. Das Chaos in den meisten Krankenhäusern schluckt die Arbeitszeit. Es ist schwer, die Leute aus ihrer Normalitätstrance herauszuholen. Die Menschen im Krankenhaus tun sich mit Standards schwer. Jeder soll zu 100 Prozent flexibel sein.“
Andreas Syska: „Dabei gibt es bereits viele Standards. Der standardisierteste Prozess im gesamten Impfvorgang ist die Impfung selber.“
 
Frage: „Um wieviel Prozent wurde der Durchsatz im Impfzentrum Neuss verbessert?“
Andreas Syska: „Ein Immunisierungsvorgang dauert im Impfzentrum Neuss jetzt maximal 2,5 Minuten. Deutlich schneller als der Bundesdurchschnitt, der laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) bei fünf Minuten pro Impfung liegt. Wir haben mit dem Team in Neuss fast für eine Verdoppelung auf 22 Impfungen pro Stunde und Kabine gesorgt.“
 
Frage: „Welche Lean-Methoden haben Sie zur Analyse des Ist-Zustandes und zur Optimierung der Abläufe im Impfzentrum Neuss angewendet?“
Andreas Syska: „Die Frage wurde mir neulich auch von einem Journalisten gestellt. Ich musste mich tatsächlich erst einmal hinsetzen und nachdenken. Ich bin da einfach rein und wir haben an den Aufgaben entlang Anpassungen vorgenommen. Ich habe mich da auch nicht als Experten hingestellt, schließlich hat das Team rund um Barbara Edelhagen in kürzester Zeit ein Impfzentrum aufgebaut. Wir haben einfach gemeinsam die Verbesserungen vorgenommen. U. a. kamen folgende Lean-Tools zur Anwendung: Wertstrommapping, Line Balancing, Verschwendungsanalyse, Kreidekreis.
Mehr dazu hier.
 
Frage: „Wie schaffen Sie es, die Mitarbeiter mitzunehmen, um ein Mindset zu schaffen des Vertrauens, dass Lean nicht zu Reduzierung von Ressourcen führt, sondern zu mehr sinnvoller und wertschöpfender Zeit?“
Jörg Gottschalk: „Mindset“ gibt es im Krankenhaus gar nicht. Es gibt Hierarchie und Prozesse.
 
Auf die Fragen hin, wie den die anderen Impfzentrum über die Lessons Learned aus Neuss informiert würden, meldeten sich im Chat gleich einige Freiwillige, um die Erkenntnisse in andere Impfzentren in Deutschland zu tragen. Das wäre doch mal ein tolles Ergebnis eines LeanStammtisches: Lean Botschafter, die das Lean Wissen aus dem einen Impfzentrum in die anderen tragen. 
 
Ich denke, das Thema Lean im Gesundheitssystem habe ich nicht zum letzten Mal aufgegriffen. Es birgt viel Stoff für weitere Diskussionsrunden.
 
Ich bedanke mich ganz herzlich bei Prof. Dr. Andreas Syska und Jörg Gottschalk für ihren Besuch und ihre Lust an der Diskussion mit den engagierten LeanInteressent:innen. Es hat mir total viel Spaß gemacht, diese angeregte Runde mit der Unterstützung von Julian Glaser zu moderieren!
 
Der nächste LeanStammtisch findet am 1. Juli 2021 statt. Hier könnt ihr euch jetzt schon mal anmelden, auch wenn das Thema noch nicht steht.
 
Bis bald!

Hier weiterführende Informationen zu den Verbesserungen im Impfzentrum Neuss. Teilweise liegen die Artikel hinter einer Bezahlschranke:

Welt
RP-Online
WiWo

„Denk- und Arbeitsweisen müssen dahingehend reflektiert werden, ob sie geeignet sind, Mitarbeiter zu befähigen, eigenständig wirksame Lösungen zu erzeugen. Die Organisation muss die Kraft haben, Unklarheiten zu akzeptieren.“
 
Prof. Dr. Andreas Syska ist Forscher, Autor und Speaker
Die Faszination für Technologie und ihre Möglichkeiten für ein besseres Miteinander begleitet Prof. Dr. Andreas Syska sein gesamtes Berufsleben. Nach seinem Maschinenbaustudium an der RWTH Aachen war er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Aachener Forschungsinstitut für Rationalisierung tätig. Dort hat er sich mit Fragen des IT-Einsatzes in der Produktion beschäftigt und dabei auch eine Reihe von Industrieprojekten durchgeführt. Nach seiner Promotion zum Dr.-Ing. ist er in die Industrie gewechselt, und zwar zur Robert Bosch GmbH nach Stuttgart. Dort war er zunächst Assistent in der Werkleitung und wurde Produktionsleiter bei einer Tochtergesellschaft des Konzerns. Danach ist er in seine alte Heimat, das Rheinland, zurückgekehrt und hat sich dort als Berater für Fabrikorganisation selbständig gemacht. Kurze Zeit später hat er einen Ruf an die Hochschule Niederrhein nach Mönchengladbach erhalten. Dort vertritt er seitdem das Lehr- und Forschungsgebiet Produktionsmanagement und versucht seinen Studenten sowie seinen Kooperationspartnern in der Industrie ein größtmögliches Stück dieser Faszination weiterzugeben. Aktuell forscht Prof. Syska an der Produktion der Zukunft und entwirft ebenso radikale, wie optimistische Szenarien für ein zukünftiges Wirtschaftssystem.

„Man kann unglaublich viel arbeiten und trotzdem nichts schaffen. Stattdessen konzentrieren wir uns darauf, unsere Patienten möglichst schnell, ohne Wartezeiten und ohne Verschwendung durch ihre Behandlungsprozesse zu steuern. Diese Sichtweise zieht einen Rattenschwanz an Umdenken nach sich.“
 
Jörg Gottschalk ist Diplom-Kaufmann und systemischer Coach. 
 Er war fünfzehn Jahre als Partner und Geschäftsführer in der Strategie-, Organisations- und Sanierungsberatung für Wibera Management Consult, KPMG, PriceWaterhouseCoopers und AOK Consult tätig, bevor er zehn Jahre in Berlin zwei Krankenhäuser und medizinische Versorgungszentren sowie dazugehörige Servicegesellschaften führte. 


2012 wurde er zum Landesvorsitzenden Berlin und Brandenburg des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands e. V. und Mitglied des Bundesvorstandes gewählt und nahm diese Funktion bis zur Beendigung seiner Tätigkeit als Krankenhausgeschäftsführer im Jahr 2014 wahr.

Heute arbeitet er als Autor, Führungs- und Prozesscoach und Organisationslehrer. In dieser Funktion engagiert er sich in der Fortbildung von Führungskräften. Als Führungs- und Prozesscoach begleitet er Gesundheitsunternehmen und ihre Führungskräfte in ihren Veränderungsprozessen.


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