Führen am Ort der Wertschöpfung – geht das auch digital?

Führen am Ort der Wertschöpfung – geht das auch digital?

Beim LeanStammtisch am 9. Januar 2020 ging es um das „Führen am Ort der Wertschöpfung“, also um Shopfloor Management. Shopfloor Management entstand im produktionsnahen Umfeld, um direkt in der Fertigung gemeinsam mit der Mannschaft vorher bestimmte Ziele zu kontrollieren und bei Abweichungen den Handlungsbedarf festzulegen. „Regelmäßig“, „austauschen“ „handschriftlich“ und „ohne EDV“ sind für die Umsetzung wichtige Schlüsselwörter. Der eine oder andere mag jetzt fragen, wieso gerade die letzten beiden Punkte, also „handschriftlich“ und „ohne EDV“, noch in unsere vernetzte bzw. digitalisierte Zeit passen? Genau darüber haben wir auf dem LeanStammtisch gesprochen.

am 17. 01. 2020 um 18:32 Uhr

Am 7. November 2019 hatten wir mit 29 Teilnehmern in großer Runde über die Zukunft des Managements der Anlagenproduktivität (OEE) in Deutschland diskutiert (zur Nachlese). Thematisch wollte ich beim ersten Treffen im neuen Jahr auf dem Shopfloor bleiben und habe deshalb zu einer Diskussion rund um Shopfloor Management geladen – diesmal aber bewusst im kleinen Rahmen mit nur 15 Teilnehmern.
 
Werden in den sozialen Medien „Shopfloor Management“ und „Digitalisierung“ in einem Atemzug genannt, kann man sicher sein, dass sich ein leidenschaftlicher Schlagabtausch um das Für und Wider ergibt. Und so war es auch an diesem Abend. Kurze Anmerkung zum Begriff "Digitalisierung": Wenn ich in diesem Artikel von digital bzw. von Digitalisierung rede, beziehe ich mich auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes: nämlich die Umwandlung von analogen in digitale Datenformate. 

Um der Gesprächsrunde eine Prise Digitalisierungserfahrung beizufügen, hatte ich Christian Hertle aus Darmstadt eingeladen. Er hat zusammen mit Jens Hambach das Lean & Industrie 4.0 Startup, die Shopfloor Management Systems GmbH (SFM Systems), gegründet. Mit ihrer Shopfloor Management Software „Digital Teamboard“ haben sie bereits einige Digitalisierungsprojekte in der Fertigung begleitet.
 
Wir starteten den Abend mit einer kleinen Exkursion in die Welt der Innovation durch unseren Gastgeber Jørn Rings, einer der beiden Geschäftsführer von NEU – Gesellschaft für Innovation. NEU entwickelt und implementiert sämtliche Bausteine, um eine Unternehmenskultur zu einer Ideenkultur aus- oder umzubauen. Jørns Ausführungen fanden Anklang und die Teilnehmer stellten Fragen zur Nutzung von Kreativräumen und welche Werkzeuge Firmen einsetzen, um überhaupt innovativer zu werden.

Danach wurden die Themen der nächsten beiden LeanStammtische am 5. März 2020 und 23. April 2020 vorgestellt und es gab eine kleine Einführung in die Thementiefen der LeanBase.de, der digitalen Anlaufstelle rund um Lean, Kaizen, KVP, Agil, Scrum, Leadership, Industrie 4.0 & Co.

Anschließend stiegen wir in die Fragen des Abends ein:

  • Welche Bereiche vom Shopfloor Management kann man überhaupt sinnvoll digitalisieren und was sollte "analog" bleiben?
  • Wie analysiert man gemeinsam mit den Mitarbeitern die Daten?
  • Wie schafft man eine anregende Datentransparenz?
  • Wie werden aus den gewonnenen Erkenntnissen Maßnahmen und wie setzt man diese gemeinsam mit der Mannschaft um?

Christian Hertle gab einen kleinen Impulsvortrag zur Vorgehensweise von SFM Systems. Er führte aus, mit welchen Fragestellungen er und seine Kollegen Digitalisierungsprojekte bei ihren Kunden starten:  u. a. „Auf was für Probleme stoßen Sie in Ihrem täglichen Shopfloor Management?", "Welche Probleme haben Ihre Mitarbeiter in der Produktion?" Er erklärte, dass es in vielen Projekten keinesfalls darum geht, gemeinsame Treffen auf dem Shopfloor zu ersetzen, sondern um die Digitalisierung der visuellen Elemente dieser Zusammenkünfte. Für ihn liegen die Vorteile klar auf der Hand: durch die Digitalisierung der täglichen Kennzahlen können Abweichungen unkomplizierter aufgegriffen und anderen Abteilungen oder Hierarchiestufen automatisch zur Verfügung gestellt werden. Außerdem können die Daten direkt mit gemeinsam besprochenen Maßnahmen verknüpft und dann von jedermann nachgehalten werden. „Dadurch ist eine Transparenz gegeben, die viele Mitarbeiter in der Fertigung oft vermissen.“

Ruckzuck wurde aus dem Vortrag eine Diskussionsrunde und anhand der Beiträge wurde schnell klar, dass „Digitalisierung“ und „Shopfloor Management“ für viele LeanStammtisch Teilnehmer nicht zusammengeht. Es wurde eifrig und teilweise auch hitzig darüber philosophiert, ob digitale Visualisierung beim täglichen Austausch in der Fertigung wirklich unterstützen kann.

Hier ein paar Zitate, die unsere Diskussion ganz gut wiedergeben:

  • „In unserer täglichen Morgenrunde haben die Kollegen gelernt, dass miteinander kommunizieren auch heißt, sich verständlich und ohne Sauklaue auszudrücken. Bei digitaler Visualisierung würde das wegfallen.“
  • „Ich vermisse bei den digitalen Shopfloor Management Lösungen die Möglichkeit, das Kundenfeedback einzubringen und die Auswirkung von Maßnahmen auf den Kunden nachzuhalten.“
  • „Shopfloor Management sollte immer erst einmal analog eingeführt werden und funktionieren. Dann können einige Teile sicher auch erfolgreich digital gesteuert werden.“
  • „Die körperliche Ausführung, also das Schreiben am Bord, halte ich für essentiell wichtig für die Einführung und die Anwendung von Shopfloor Management.“
  • „Wir nutzen auf unseren Baustellen ein Spracherkennungssystem, damit die Verantwortlichen ihre täglichen Protokolle unkomplizierter erledigen können. Die Akzeptanz ist groß und wir bekommen dadurch viel ausführlichere Berichte.“
  • „Tägliches Rumlaufen auf dem Shopfloor von Bord zu Bord, um Maßnahmen abzuschreiben, entfällt, wenn diese direkt digital festgehalten werden können. Das entlastet die Lean Manager.“
  • „Mit spielerischen Elementen, sprich: Gamification, lässt sich ein Team auch von digitalen Shopfloor Management überzeugen.“
  • „Das physische vor-dem-Board-stehen und aktuelle Entwicklungen gemeinsam zu notieren und dann Lösungen dafür zu diskutieren, ist durch nichts zu ersetzen.“
  • „Die Führungskräfte in meiner Firma würden gerne die (analogen) Schritte in der Einführung von Shopfloor Management überspringen und sofort so viel wie möglich digital darstellen.“

Nach der Einführung in die Arbeitsweise von Christian Hertle und seinem Team starteten wir eine nachgelagerte Vorstellungsrunde und jeder LeanStammtisch Teilnehmer erzählte von seinen Erlebnissen rund um Shopfloor Management im Allgemeinen und ob und wer an einer Digitalisierung von Teilbereichen arbeitet und wie diese Projekte laufen.
 
Um 21:45 Uhr fand der offizielle Teil des ersten LeanStammtisches in 2020 ein Ende. Bis 23 Uhr wurde aber noch munter in kleinen Grüppchen weiterdiskutiert.
 
Fazit: Fast alle Teilnehmer waren sich einig, dass Shopfloor Management erst einmal etabliert sein sollte, bevor mit der Digitalisierung - also der Umwandlung einzelner analoger Daten in digitale Formate -  gestartet werden kann. Dann kann die digitale Erfassung, Auswertung & Visualisierung von Zielabweichungen und darauf aufbauender Maßnahmen durchaus einen Mehrwert für alle Beteiligte darstellen – z. B. durch schnellere Eskalationsmöglichkeiten und mehr Transparenz für alle Mitarbeiter.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei dir, Christian, für deinen Besuch im Rheinland und deine Ausführungen rund um Shopfloor Management! Wie versprochen, waren die rheinischen LeanStammtisch Teilnehmer lebhaft und leidenschaftlich am Theme dran, gell?
 
Außerdem bedanke ich mich bei NEU - Gesellschaft für Innovation mbH für die Räume und die Gastfreundschaft. Schön, dass du den ganzen Abend dabei warst, Jørn Rings!
 
Für alle Interessierten hier noch der Link zu einem kurzen Erfahrungsbericht über die Einführung von digitalem Shopfloor Management bei Voith Turbo in Crailsheim.
 
Mehr zum Thema Shopfloor Management findet ihr im entsprechenden Lernmodul auf der LeanBase.

Und wer beim nächsten LeanStammtisch dabei sein möchte, hier könnt ihr euch für den 5. März 2020 anmelden. Ihr werdet erfahren, wie Mitarbeiter von Produktion und Technik der Ornua Deutschland GmbH – ihr kennt die Firma eher unter dem (Butter)Markennamen Kerrygold - Arbeitsabläufe aus der Perspektive ihrer eigenen Abteilungen und aus Sicht ihrer Kollegen analysiert haben. Ihr erlebt, wie anhand von Kollegen-Personas Prozesse visuell dargestellt und besprochen werden und wie die Mitarbeiter daraus gemeinsame Aufgaben abgeleitet haben, um die Zusammenarbeit kontinuierlich zu verbessern. 

Ich habe dafür Customer Journey Mapping mit leanem Gedankengut zusammengebracht: Um Kundenerfahrungen für Mitarbeiter emotional greifbar zu machen und gleichzeitig visuell zu erfassen, wird gerne Customer Journey Mapping eingesetzt. In der Geschäftsprozessorganisation bzw. im Lean-Management wird hingegen vom internen Kunden gesprochen. Kundenorientierung bezieht sich hier auf die organisatorischen Schnittstellen entlang von Arbeitsabläufen in einer Organisation. Customer Experience Management und Geschäftsprozessorganisation haben das gleiche Ziel: interdisziplinäre Teams und interne Prozesse an den Kundenwünschen auszurichten. Was passiert, wenn beides zusammengebracht wird, also Customer Journey Mapping auf den internen Kunden trifft, erfahrt ihr an diesem LeanStammtisch in den Räumen der Ornua Deutschland GmbH in Neukirchen-Vluyn. 
 
Bis dahin, alles Gute, eure Janine!


Kommentare

Johann Anders
Johann Anders, vor 11 Monate
Hi Janine,

klasse Beitrag und sicherlich eines der momentan heißesten Themen im Bereich Lean.
Wäre gerne dabei gewesen, da auch für mich das Thema gerade ansteht. Wie können wir ein SFM digitalisieren. Dank deines Beitrages hatte ich das Gefühl auch etwas aus eurem Stammtisch mitgenommen zu haben und werde es bestimmt auch beim Lean Stammtisch in Stuttgart andiskutieren.

Ganz herzlichen Dank für diesen ausführlichen Beitrag!

Gruß
Johann Anders
Janine Kreienbrink
Janine Kreienbrink, vor 11 Monate
Hallo Johann,
ha, endlich antwortet mal jemand auf meine Nachlese mit einem Kommentar :-) Da freue ich mich!
Und schön, dass die Nachlese euch/dir weiterhilft!
Viel Spaß bei euer Diskussion in Stuttgart und erzähl gerne mal, was ihr so beim Austausch erlebt.
Viele Grüße
Janine

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