Kennzahlen, OKRs und Digitalisierung

„Wir haben unheimliche viele Daten, aber keine Informationen.“ Beim 2. LeanStammtisch in Meerbusch ging u. a. um den Zusammenhang von Kennzahlen und Unternehmenskultur. 

Am 6. September 2018 fand der 2. LeanStammtisch in Meerbusch in den Räumen der ISEKI-Maschinen GmbH statt. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde teilten sich die 20 Teilnehmer in drei Gruppen auf, um die folgenden Themen zu diskutieren:
 
Thema 1: Kennzahlen spannend machen und damit den Boden für eine neue Unternehmenskultur bereiten. Impuls: Kurt Bühler, CMC Technologies GmbH & Co. KG


Thema 2: Austausch zur Einführung von OKRs Objectives and Key Results. Impuls: Peter Pries, B2B Academy


Thema 3: Wie können wir die Kompetenzen für die neuen Anforderungen im Rahmen der Digitalisierung bei Mitarbeitern & Führungskräften entwickeln und wie kann Geschäftsprozessorganisation dabei helfen? Impuls: Projektentwickler Peter Flesch
 
Die jeweiligen Impulsgeber berichteten von ihren Erfahrungen und luden die Teilnehmer zu einer 60minütige Diskussion ein. Danach fanden sich wieder alle zusammen und die einzelnen Gruppen präsentierten ihre diskutierten Kernpunkte.

Thema 1:
„Wir haben unheimliche viele Daten, aber keine Informationen.“ Das ist die typische Situation, wie sie sich in vielen Unternehmen darstellt. Es ist besser, lediglich ein paar aussagekräftige Kennzahlen zu errechnen und anzuwenden, als jede Woche Unmengen von Zahlenmaterial zu produzieren, welches die meisten Mitarbeiter weder verstehen noch anzuwenden wissen. Die Diskussionsgruppe war sich einig: Kennzahlen müssen akzeptiert, verständlich und BEEINFLUSSBAR sein. Sprüche wie „Ich würde ja, aber der Lastwagen kommt immer so spät“ oder „Unser Lieferant sendet die falschen Teile“ zeugen davon, dass Mitarbeiter noch nicht erkannt haben, welchen Einfluss sie persönlich auf die Unternehmenszahlen haben.
 
Auch macht es wenig Sinn, die vom Hersteller ausgegebenen Maschinenkennzahlen als Sollzahlen anzusetzen. Wenn für eine Maschine eine 95%ige Verfügbarkeit und 300 Takte angegeben sind, heißt das noch lange nicht, dass diese im Werk realistisch erreicht werden können. Um ein Gespür für angemessene Sollzahlen zu bekommen, sollten über einen längeren Zeitraum reale Zahlen ermittelt und aus den besten Schichten eine Sollzahl errechnet werden, an der sich das Team ausrichten kann. „Kennzahlen sollen im besten Fall stolz machen und positive Anreize bilden.“ meinte Kurt Bühler. Um das zu erreichen, müssen sie erreichbar, aber auch herausfordernd sein.
 
Für jede Ebene im Unternehmen muss die entsprechende Detailzahl ermittelt und besprochen werden. Die Geschäftsführung ist zweifelsohne an der Overall Equipment Effectiveness (OEE), welche die Gesamtanlageneffektivität aus Verfügbarkeit, Qualität und Leistung misst, interessiert. Der Mitarbeiter auf dem Shopfloor will die Zahlen kennen, die er ganz konkret an seinem Arbeitsplatz jeden Tag beeinflussen kann.
 
Gute Kennzahlen sollten im Team gefeiert werden. Aber Vorsicht: Das Belohnungssystem muss mit viel Fingerspitzengefühl ausgewählt werden. Monetäre Belohnungen können auch schnell falsche Signale setze. Es ist besser, dem ganzen Team eine Pizza auszugeben, als eine bestimmte Person zu feiern.
 
Abschließend lässt sich feststellen: Es sollten so wenig Kennzahlen wie nötig diskutiert werden und sie sollten einfach zu verstehen sein.

Thema 2:
Die Teilnehmer rund um Peter Pries von der B2B Academy befassten sich mit dem OKR Modell – Führen mit Objektives and Key Results (OKRS). Es handelt sich dabei um eine Führungsmethode, die besonders in agilen Unternehmen Anwendung findet. Google, Twitter und LinkedIn sind die bekanntesten Aushängeschilder. Zwei Fragen stehen im Mittelpunkt dieser Methode: „ Wo will ich hin?“ und „In welcher Geschwindigkeit will ich mein Ziel erreichen?“. Dabei werden die Unternehmensziele mit jedem einzelnen Mitarbeiter verbunden und ein klarer Fokus für die nächsten drei Monate gesetzt. Die Unternehmenssteuerung soll dadurch vereinfacht und jeder Mitarbeiter in die Verantwortung genommen werden. Die „Objektives“ sind herausfordernde Ziele, die nicht immer vollständig erreicht werden können. Abgeleitet davon werden sehr konkrete Meilensteine, die „Key Objektives“.
 
In vielen Unternehmen werden die Ziele am Anfang des Jahres ausgegeben und bis jeder einzelne Mitarbeiter sein konkretes Teilziel kennt, kann ein halbes Jahr vergehen. Mit OKRs passiert das nicht, alles ist auf Schnelligkeit ausgerichtet. Auch können die Ziele alle drei Monate angepasst und an der aktuellen Marktsituation neu ausgerichtet werden.
 
Neben der allgemeinen Herangehensweise wurde in der Gruppe die Sinnhaftigkeit von individuellen Zielen in Frage gestellt – gerade im agilen Kontext. Wären Teamziele nicht wesentlich zielführender und teamfördernder?

Thema 3:
In der 3. Gesprächsrunde rund um Projektentwickler Peter Flesch wurde das unfassbar große Themenfeld der Digitalisierung aufgegriffen. Konkret ging es darum, wie Geschäftsprozessorganisation dabei helfen kann, die neuen bzw. veränderten Anforderungen an Mitarbeitern & Führungskräften im Rahmen der Digitalisierung zu entwickeln.
 
„Wir müssen alleine deshalb digitalisieren, weil wir zu wenig Fachkräfte haben.“ lautete eine Aussage gleich zu Anfang. Schnell wurde klar, dass eine Begriffsklärung von Nöten ist: Was meint überhaupt Digitalisierung und wann reden wir von Automatisierung? Beide Schlagwörter werden gerne durcheinandergewürfelt bzw. synonym verwendet. Wir sollten aber wohl eher sagen, dass wir durch die Digitalisierung automatisieren können. So können bestehende Prozesse digital abgebildet oder diese automatisiert werden, um Arbeitsschritte zu sparen. Generell gilt, dass es um eine stärkere Vernetzung von Prozessen, Abteilungen und letztendlich von Menschen geht.
 
In den Köpfen der meisten Mitarbeiter entsteht schnell die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, wenn sie das Stichwort „Digitalisierung“ hören. Das ein Job durch das Wegfallen von langweiliger Routinearbeit auch aufgewertet werden kann, steht nicht im Vordergrund. Führungskräfte sind also erst einmal gefragt, Vertrauen aufzubauen und eine digitalisierungsoffene Haltung im Betrieb vorzuleben.
 
Wie die Führungskraft im Zeitalter der Digitalisierung auszusehen hat, wurde ebenfalls umfassend diskutiert. Das neue Kompetenzen nicht ohne entsprechenden Wertewandel vermittelt werden können, war eine klare Erkenntnis des Abends.
 
Es geht eben nicht nur darum, Mitarbeiter neu bzw. anders zu qualifizieren, sondern es besteht die Herausforderung, temporäre Teams mit einer ganz bestimmten Aufgabe zu betreuen und schnell miteinander zu vernetzen. Ganze Unternehmen werden zu flexiblen Netzwerken. Da braucht es eine andere Art von Halt, eine andere Art von Mitarbeitergefüge.
 
Außerdem: Was wird aus dem Gut der menschlichen Erfahrung? Maschinen können komplizierte Sachen sehr viel besser ausführen, komplexe Thematiken brauchen weiterhin den menschlichen Geist.
 
Digitalisierung und die dafür erforderlichen Kompetenzen sind ein weites Feld und an diesem Abend konnte die Gruppe lediglich einige Themen anreißen. Peter Flesch gab den Hinweis, dass eine Vertiefung der Thematik über ein gemeinsames Google Doc möglich wäre. Der Link hierzu folgt.
 
Um 21:30 Uhr war der offizielle Teil des Stammtisches zu Ende, die Themen wurde aber in kleiner Runde noch bis 22:15 Uhr weiterdiskutiert.
  
Ich bedanke mich ganz herzlich bei allen Teilnehmern für ihre Offenheit und die anregenden Diskussionen. Bei unserem Gastgeber, der ISEKI-Maschinen GmbH, vertreten durch Steve Nehring, bedanke ich mich im Namen aller LeanStammtisch Teilnehmer für die Gastfreundschaft.
 
Beim  3. LeanStammtisch am 8. November 2018 wird unser Gastgeber, die ISEKI-Maschinen GmbH, eine große Rolle spielen und über die Einführung von Geschäftsprozessorganisation in ihren Reihen berichten. Besonders anschaulich wird die Reise anhand einer Führung durch das Unternehmen.
 
Wo: Schulungszentrum der ISEKI-Maschinen GmbH, Rudolf-Diesel-Str. 12, 40670 Meerbusch
Wann: 8. November 2018, 19:00 - 21:30 Uhr
Wer: LeanVerantwortliche, LeanEnthusiasten und alle, die sich mit Lean, Kaizen, KVP und generell Geschäftsprozessorganisation beschäftigen, unabhängig von der hierarchischen Herkunft und Branche. Anmeldung hier.
 
 

Kommentare

  1. Dirk Rosenkranz
    vor 2 Monate
    Liebe Janine,

    danke für Deinen tollen Nachbericht - spannende Themen die Ihr da diskutiert habt. Echt schade, dass Meerbusch was weit weg von Offenburg ist...

    Viele Grüße
    Dirk
    1. Ralf Volkmer
      vor 2 Monate
      ... ich bin mir sicher, dass ihr das in Offenburg auch hinbekommt, Dirk ;-)