Sollte Talent eine Erweiterung der Technologie sein oder umgekehrt?
Den menschlichen Faktor aus dem täglichen Prozess zu entfernen, funktioniert perfekt – zumindest in der Theorie.
Teil II einer vierteiligen Serie.
Die Fragen, die mich beschäftigen, sind folgende:
- Fabriken gehören zu den komplexesten technischen und sozialen Systemen unserer Gesellschaften. Ist es möglich, solch komplexe Systeme mit noch komplexeren Algorithmen zu steuern?
- Wird die Einführung komplexer Technologien die Probleme lösen, die wir in den letzten 50 Jahren nicht bewältigen konnten?
Bereits zur Zeit von Industrie 3.0 wurde uns der Konflikt zwischen zwei Weltanschauungen schmerzlich bewusst:
Als Handwerker durch Anlagen ersetzt wurden:
Wir haben Werkzeuge als Erweiterungen des Menschen gegen Menschen als Erweiterungen der Werkzeuge ausgetauscht.
Die Realität, die wir derzeit sehen (und schaffen), hängt von der industriellen Weltanschauung ab, der man anhängt:
Sollte der Mensch zu einer Erweiterung der Technologie werden? Oder sollte die Technologie zu einer Erweiterung des Menschen werden?
Moderne Flugzeuge, die komplexesten Anlagen, die ich kenne, können heute vollautomatisch starten, zu einem Ziel fliegen und landen. Es wird kein Pilot im Cockpit benötigt. Wenden wir also die oben gestellte Frage an: Ist der Pilot nun eine Erweiterung seines Flugzeugs, „nur für den Fall der Fälle“? Und könnten wir ihn nicht durch eine Stewardess oder sogar einen beliebigen Passagier ersetzen? (Das sind echte Fragen!)
Oder ist das Flugzeug für den Piloten ein wunderbares Instrument, das ihm in den allermeisten Fällen ein sehr einfaches und sicheres Fliegen ermöglicht und ihm erlaubt, in unerwarteten Situationen das zu tun, wofür er ausgebildet ist – und den Konstrukteuren beizubringen, wie sie die Anlage noch weiter verbessern können?
Mit anderen Worten: Respektieren und fördern wir das handwerkliche Können der Anlagebediener, oder glauben wir, dass wir ohne sie auskommen können?
Menschen wachsen lassen oder eliminieren…?
Die Erfinder von 3.0 nutzen nach wie vor jeden Mitarbeiter, um darüber nachzudenken, wie die Umstellung, die Wertschöpfung, noch besser, schneller, einfacher und effizienter erfolgen kann; dabei wird großer Wert auf die Entwicklung von Menschen („hitozukuri”) und die größtmögliche Vereinfachung der Technologie gelegt.
Sie legen eine hohe Fokussierung auf Prozesssteuerung mit selbstregulierenden Mechanismen, wobei die menschliche Dimension niemals aus den Augen verloren wird und die Problemlösungsfähigkeiten der Menschen optimal genutzt werden.
Die Erfinder von 4.0 scheinen daran wenig Vertrauen zu haben: Im Gegenteil, sie gehen davon aus, dass man den menschlichen Faktor aus dem täglichen Prozess entfernen, die Gestaltung der Systeme hochqualifizierten Spezialisten überlassen und alles automatisieren und zentral steuern muss.
MRP probleme lössen mit IoT?
Die Annahme ist, dass die Zeitverzögerungen und Peitschen-Effekte, unter denen MRP-Systeme so sehr leiden, dadurch gelöst werden, dass alles über das IoT miteinander kommuniziert.
Theoretisch ist dies durchaus denkbar. Da ich jedoch jahrelang in Fabriken in vielen Branchen auf der ganzen Welt gearbeitet habe, neige ich stark zur gegenteiligen Meinung.
Mit den Worten von Henry Ford: „Ob Sie glauben, es geht oder es geht nicht: Sie haben Recht!“
In der nächsten Folge werde ich näher auf die Voraussetzungen eingehen, die erfüllt sein müssen, damit das 4.0-Konzept in Ihrem Werk umgesetzt werden kann.
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