Wertschöpfung statt Beschäftigung: Warum Krankenhäuser nicht zu wenig Personal, sondern zu viel Verschwendung haben

Wertschöpfung statt Beschäftigung: Warum Krankenhäuser nicht zu wenig Personal, sondern zu viel Verschwendung haben

Personalmangel, Arbeitsverdichtung und steigende Belastungen gehören inzwischen zum Alltag vieler Krankenhäuser. Die naheliegende Schlussfolgerung lautet häufig: Es braucht mehr Personal. Doch was wäre, wenn ein erheblicher Teil der vermeintlich fehlenden Zeit gar nicht durch den Personalmangel entsteht, sondern durch die Art und Weise, wie Arbeit organisiert ist?

Genau dieser Frage widmet sich Jörg Gottschalk in seiner Podcasts Krankenhausführung neu denken. Im Mittelpunkt steht dabei ein Begriff, der im Lean Management seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle spielt: Verschwendung.

LeanHospital
10. August 2026 um 04:30 Uhr in LeanHospital von LKB Redaktion


Die nachfolgende Zusammenfassung basiert auf einer Podcastfolge von Jörg Gottschalk mit dem Titel "Wofür wir Ärzt:innen und Pflegende heute wirklich bezahlen". Sie fasst die wesentlichen Inhalte und Argumentationslinien sinngemäß zusammen und erhebt keinen Anspruch auf eine wortgetreue Wiedergabe des gesprochenen Wortes.

Wertschöpfung beginnt beim Patienten

Um den Unterschied zwischen wertschöpfender Arbeit und Verschwendung greifbar zu machen, beginnt Gottschalk mit einem alltäglichen Beispiel: der Steuererklärung am heimischen Schreibtisch. Eigentlich wäre die Aufgabe in zwei Stunden erledigt. Doch fehlende Unterlagen, Unterbrechungen, technische Probleme und ständiges Suchen sorgen dafür, dass am Ende acht Stunden vergangen sind.

Das eigentliche Arbeiten machte nur einen Bruchteil der Zeit aus.

Überträgt man dieses Prinzip auf ein Krankenhaus, wird schnell deutlich, dass dort ähnliche Mechanismen wirken – allerdings mit deutlich gravierenderen Folgen. Wertschöpfung entsteht immer dann, wenn Patientinnen und Patienten unmittelbar versorgt werden: bei Diagnostik, Therapie, Operationen, Pflege oder im direkten Gespräch. Alles, was diese Tätigkeiten unnötig verlängert oder behindert, bindet wertvolle Ressourcen, ohne den Patienten einen direkten Nutzen zu bringen.

Verschwendung ist mehr als lange Wege

Viele verbinden Verschwendung zunächst mit langen Laufwegen, überflüssiger Dokumentation oder langsamer IT. Diese Formen existieren zweifellos und kosten jeden Tag wertvolle Arbeitszeit.

Doch Gottschalk unterscheidet zwischen einer statischen und einer deutlich gravierenderen dynamischen Verschwendung.

Statische Verschwendung beschreibt einzelne organisatorische Probleme, beispielsweise unnötige Wege oder Suchzeiten. Werden deren Ursachen beseitigt, verschwindet auch der Zeitverlust.

Wesentlich kritischer ist jedoch die dynamische Verschwendung. Hier löst eine scheinbar kleine Störung eine ganze Kette weiterer Probleme aus. Fehlt beispielsweise morgens auf einer Station ein Medikament, beginnt die Suche. Mitarbeitende werden unterbrochen, andere Prozesse verzögern sich, Patiententransporte verschieben sich, Operationen starten später und der gesamte Tagesablauf gerät ins Wanken.

Aus einer kleinen Ursache entsteht ein komplexes Systemproblem.

Das eigentliche Problem ist das Organisationschaos

Besonders eindrucksvoll wird dieses Prinzip am Beispiel der Pflege. Pflegekräfte legen auf einer Durchschnittsstation häufig mehrere Kilometer pro Schicht zurück. Ein großer Teil dieser Wege dient jedoch nicht der direkten Patientenversorgung, sondern entsteht durch organisatorische Defizite: fehlende Materialien, unvollständige Informationen, ungünstige Anordnungen oder ständige Unterbrechungen.

Nicht die Pflege selbst verursacht diese Laufleistung – sondern die Organisation.

Genau darin liegt eine der zentralen Botschaften des Podcasts: Mitarbeitende arbeiten keineswegs zu wenig oder ineffizient. Vielmehr verbringen sie einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit damit, die Folgen eines instabilen Systems auszugleichen.

Die eigentliche Arbeit wird dadurch immer wieder unterbrochen.

Mehr Personal löst nicht automatisch das Problem

Besonders provokant erscheint Gottschalks Aussage, dass der vielfach beklagte Personalmangel häufig in Wahrheit ein Mangel an wertschöpfender Zeit ist.

Wenn täglich ein erheblicher Anteil der Arbeitszeit durch vermeidbare Verschwendung verloren geht, entsteht zwangsläufig der Eindruck permanenter Überlastung. Neue Mitarbeitende werden dann in ein System integriert, das seine vorhandenen Ressourcen bereits nicht effizient nutzt.

Das Problem bleibt bestehen.

Deshalb lautet seine Schlussfolgerung:

Nicht mehr Personal beseitigt die Überlastung – sondern weniger Verschwendung schafft mehr Zeit für Patienten.

Diese Aussage stellt viele gewohnte Denkmuster infrage. Sie bedeutet keineswegs, dass Krankenhäuser grundsätzlich ausreichend Personal besitzen. Vielmehr macht sie deutlich, dass organisatorische Verbesserungen häufig einen wesentlich größeren Hebel darstellen, als zusätzliche Kapazitäten allein.

Auch unterstützende Bereiche tragen Verantwortung

Ein weiterer interessanter Gedanke betrifft die indirekten Bereiche eines Krankenhauses. Verwaltung, Einkauf, IT, Logistik oder Führung arbeiten zwar nicht unmittelbar am Patienten und erzeugen damit nach der engen Lean-Definition keine direkte Wertschöpfung.

Dennoch sind sie unverzichtbar.

Ihre Aufgabe besteht darin, die eigentliche Wertschöpfung optimal zu unterstützen. Jede organisatorische Entscheidung sollte deshalb daran gemessen werden, ob sie die Arbeit am Patienten erleichtert oder zusätzlich erschwert.

Je einfacher die wertschöpfenden Prozesse funktionieren, desto wirksamer kann das gesamte Krankenhaus arbeiten.

Verschwendung ist kein Naturgesetz

Der vielleicht wichtigste Gedanke des Podcasts lautet, dass Verschwendung häufig als normal akzeptiert wird. Unterbrechungen, Suchzeiten, fehlende Materialien oder permanente Improvisation erscheinen vielerorts inzwischen selbstverständlich.

Genau darin liegt jedoch das eigentliche Problem.

Solange Organisationen diese Zustände als unvermeidbar betrachten, werden sie dauerhaft unter Personalmangel, Zeitdruck und wirtschaftlichen Schwierigkeiten leiden. Wer lediglich zusätzliche Ressourcen in ein ineffizientes System gibt, behandelt letztlich nur die Symptome.

Nach Auffassung von Jörg Gottschalk muss deshalb nicht das Chaos besser organisiert werden – vielmehr gilt es, dessen Ursachen systematisch zu beseitigen.

Fazit

Die dritte Podcastfolge macht deutlich, dass die Diskussion um Personalmangel häufig zu kurz greift. Nicht jede fehlende Minute entsteht durch zu wenig Personal. Ein erheblicher Teil geht durch organisatorische Verschwendung verloren.

Wer Krankenhäuser nachhaltig entlasten möchte, sollte deshalb nicht ausschließlich über zusätzliche Stellen sprechen. Ebenso wichtig ist die Frage, wie Arbeitsabläufe so gestaltet werden können, dass Mitarbeitende ihre Zeit dort einsetzen können, wo sie den größten Nutzen stiftet – bei den Patientinnen und Patienten.

Genau darin liegt der Kern des Lean-Gedankens: Nicht härter arbeiten, sondern wirksamer arbeiten. Und dafür muss vor allem die Verschwendung reduziert werden.



Kommentare

Bisher hat niemand einen Kommentar hinterlassen.

Kommentar schreiben

Melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Teilen

Lean Hospital
Lean Hospital

Krankenhäuser bauen keine Autos - oder warum Patienten auf kein Fließband passen!