
Wenn es digital brennt – warum Cyber Security alle betrifft
Digitale Risiken sind allgegenwärtig – und dennoch werden sie oft verdrängt. Der Vortrag von Tobias Glemser auf dem #LATC2026 beleuchtet, warum Software und IT-Systeme besonders anfällig sind, weshalb klassische Sicherheitsmechanismen im Digitalen fehlen und was Unternehmen vom Brandschutz lernen können. Mit praxisnahen Beispielen aus IT und Produktion wird gezeigt, warum Cyber Security kein Spezialthema ist, sondern eine unternehmerische Verantwortung, die bereits im Einkauf und in der Führung beginnt.
Im Interview mit Prof. Dr. Regina Reuk erläutert Tobias Glämser, Geschäftsführer der Secuvera GmbH und seit über 25 Jahren in der Cyber Security tätig, die Hintergründe und Inhalte seines Vortrags „Digitaler Brandschutz – warum brennt eigentlich alles?“, den er beim LeanAroundTheClock 2026 in Mannheim halten wird. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Beobachtung, dass Cyber Security für viele Unternehmen ein abstraktes und schwer verständliches Thema ist. Begriffe wie Ransomware, Virenschutz, Passwörter oder Mehrfaktor-Authentifizierung sind zwar bekannt, ihr tatsächlicher Nutzen und ihr Zusammenspiel bleiben jedoch häufig unklar.
Ein zentrales Problem sieht Glämser in den lange Zeit fehlenden verbindlichen Vorgaben für Software und IT-Produkte. Während in nahezu allen anderen Industrien klare regulatorische Anforderungen an Qualität und Sicherheit gelten, konnten Softwareprodukte über Jahre ohne vergleichbare Auflagen entwickelt und verkauft werden. Diese fehlende Reife und Standardisierung erklärt aus seiner Sicht, warum digitale Systeme besonders anfällig für Störungen, Sicherheitslücken und Angriffe sind. Software sei damit eine der wenigen Produktklassen, bei denen mangelhafte Qualität lange gesellschaftlich akzeptiert wurde.

Um diese Zusammenhänge verständlicher zu machen, greift Glämser auf die Analogie des klassischen Brandschutzes zurück. Maßnahmen wie Feuerlöscher, Rauchmelder, Fluchtwege oder Sammelstellen werden in Unternehmen selbstverständlich umgesetzt, weil die Risiken bekannt, sichtbar und gesetzlich geregelt sind. Im Digitalen fehle dieses Verständnis häufig noch. Mit dem Begriff des „digitalen Brandschutzes“ beschreibt Glämser daher die Notwendigkeit, Cyber Security als präventive Schutzmaßnahme zu begreifen, die nicht erst nach einem Vorfall relevant wird, sondern fester Bestandteil unternehmerischer Verantwortung sein sollte.
Einen besonderen Schwerpunkt legt der Vortrag auf die Cyber Security in der Produktion und im Shopfloor. Dort gelten andere Prioritäten als in der klassischen Office-IT: Während in der IT vor allem Vertraulichkeit und Integrität im Fokus stehen, ist in der Produktion die Verfügbarkeit der Systeme entscheidend. Glämser verweist in diesem Zusammenhang auf den internationalen Standard IEC 62443, der speziell für industrielle Cyber Security entwickelt wurde und die besonderen Anforderungen von Produktionsumgebungen berücksichtigt. Gleichzeitig beschreibt er die Herausforderungen, die entstehen, wenn IT- und OT-Welten mit unterschiedlichen Lebenszyklen, Denkweisen und Risikobewertungen aufeinandertreffen.
Besonders eindrücklich seien Cybervorfälle im Shopfloor, da ihre Auswirkungen unmittelbar physisch und sichtbar werden können – etwa durch Produktionsausfälle oder unkontrollierte Maschinenbewegungen. Diese greifbaren Folgen machen digitale Risiken verständlicher als abstrakte IT-Schäden und verdeutlichen, warum Cyber Security in der Industrie nicht nur ein technisches, sondern auch ein organisatorisches und strategisches Thema ist.
Der Vortrag richtet sich bewusst nicht ausschließlich an Cyber-Security- oder OT-Expert:innen. Glämser möchte insbesondere Entscheider:innen, Einkäufer:innen sowie Verantwortliche aus Produktion und Automatisierung ansprechen. Sein Ziel ist es, Verständnis für digitale Risiken zu schaffen, Verantwortlichkeiten klarer zu verorten und aufzuzeigen, warum Cyber Security bereits im Einkaufs- und Entscheidungsprozess eine zentrale Rolle spielt. Besonders diejenigen, die Cyber Security bislang für nebensächlich halten oder die Verantwortung vollständig bei Herstellern sehen, sollen zum Umdenken angeregt werden.
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