
Sinn und Zweck im Management – ohne inneres Warum kein echter Change
„Für das Management ist Change oft nur eine technische Umstellung. Für Mitarbeitende ist es ein Eingriff in ihre gewohnte Arbeitsrealität – und genau dort entsteht der Widerstand.“, sagt Christian Steiner im Gespräch mit Götz Müller in Bezug auf seinen Vortrag beim #LATC2026
Ein Gespräch mit Christian Steiner über Sinnorientierung und Lean
Götz Müller:
Liebe Zuhörende, liebe Leanfreaks, ich bin Götz Müller und ich führe Sie und euch durch die Interviews mit den Präsentatoren auf dem Lean Around the Clock vom 11. bis 13. März 2026 in Mannheim. Heute unterhalte ich mich mit Christian Steiner über seinen Vortrag auf dem LATC: „Sinn- und Zweckorientierung im Management“.
Hallo Christian.
Christian Steiner:
Hallo Götz, freut mich sehr, hier zu sein – und noch mehr freue ich mich auf die Big Stage in Mannheim und auf alle, die dort zuhören werden.
Wer ist Christian Steiner – und was hat er mit Lean zu tun?
Götz Müller:
Zum Einstieg: Sag doch ein paar kurze Stichworte zu dir als Person, damit die Zuhörenden dich einordnen können. Den Bezug zu Lean sieht man ja schon, aber erzähl gern mit eigenen Worten.
Christian Steiner:
Ich komme ursprünglich aus einer Eisenfabrik, genauer gesagt aus einer Gießerei in meinem Heimatort. Dort war ich über 32 Jahre tätig und habe die IT geleitet.
Acht Jahre davon hatte ich zusätzlich die Freude, das Lean-Management-Team zu führen. In dieser Zeit haben wir digitale Lösungen für KVP und Ideenmanagement entwickelt.
Parallel dazu durfte ich ab 2008 – ich muss selbst kurz rechnen, das sind jetzt fast 18 Jahre – weltweit Trainings geben, vor allem zu den „Sieben Wegen zur Effektivität“ nach FranklinCovey, zu Leadership-Themen und zu 4DX.
In dieser Zeit habe ich gemerkt:
Ich möchte nicht mehr hauptsächlich mit „Blechkisten“, also IT-Systemen, arbeiten, sondern mit Menschen.
Heute begleite ich Menschen und Organisationen mit Coachings zu Sinnstiftung, Sinn- und Zweckorientierung, basierend auf den fünf Existenzebenen nach Viktor Frankl.
Warum stehe ich also auf einer Lean-Bühne?
Weil mein eigener Weg von Lean, IT und Führung hin zur Sinnfrage geführt hat. Mein persönlicher Sinn liegt darin, das Gelernte weiterzugeben. Das ist – wie ich es nenne – meine „Life Mission“.
Und genau darüber freue ich mich in Mannheim: eine volle Hütte, eine gute Audienz und hoffentlich viele Menschen, die sich mit ihrem eigenen „Warum“ beschäftigen möchten.
Management, Emotion und Lean-Veränderung
Götz Müller:
In deinem Vortragstitel kommt das Wort „Management“ vor. Da hat wahrscheinlich jeder sein eigenes Bild davon. Wie siehst du Management – und welche Elemente sind für dich wichtig, wenn es um Veränderung geht?
Gerade im Lean-Kontext gilt ja: Wenn ich etwas verbessern will, muss ich etwas verändern.
Christian Steiner:
Genau. Und ein Punkt wird nach meiner Erfahrung im Management immer noch stark unterschätzt: Emotion schlägt Rationalität.
In vielen Lean-Projekten läuft es so: Wir haben ein Konzept, ein Tool, einen klaren Business Case – alles rational logisch. Und trotzdem sind Widerstände da.
Ein Klassiker: 5S.
Wenn das nur als „Aufräumprojekt“ rüberkommt, hörst du Sätze wie: „Jetzt sollen wir auch noch zusammenräumen…“ – da ist 5S nicht verstanden, und die Leute fühlen sich eher belastet als beteiligt.

Der Widerstand entsteht, weil die Klarheit fehlt.
Klarheit darüber, warum wir etwas ändern, warum wir diesen Change machen und was das für die Menschen bedeutet.
Solange diese Klarheit fehlt, blockiert der Mensch innerlich. Das ist völlig normal – aber es wird von Führungskräften immer noch massiv unterschätzt.
Deshalb arbeiten wir in unseren Coachings bewusst top-down:
Wir beginnen beim Geschäftsführer, erarbeiten mit ihm Sinn und Zweck, und erst dann geht es mit den Führungskräften und Teams weiter. So entsteht eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Vision und ein gemeinsames Verständnis des „Warum“.
Wenn das vorhanden ist, „flutscht“ es – das kennt man aus vielen Lean-Projekten: KVP, 5S, Theory of Constraints, egal welches „Werkzeug“ man nimmt. Sobald die Menschen verstanden haben, worum es wirklich geht, und einige Meinungsführer mitziehen, kommt Bewegung hinein.
Wenn diese innere Barriere im Kopf aber nicht adressiert wird, scheitert der beste Ansatz an der Stabilitätsliebe des Gehirns. Der Mensch vermeidet Verlust viel stärker, als er Gewinn sucht. Wenn ich das weiß und in der Veränderung berücksichtige, habe ich eine echte Superpower.
Die zwei „Warums“ – für Mitarbeitende und Führungskräfte
Götz Müller:
Ich höre da zwei Ebenen raus, die auch meinem Weltbild entsprechen:
Es gibt ein „Warum“ für die Mitarbeitenden – und ein „Warum“ für die Führungskräfte. Am Ende fragen sich beide Seiten: „Was habe ich davon?“
Christian Steiner:
Ganz genau – und im Idealfall lautet die Frage: „Was haben wir beide davon?“
Oft ist es so: Eine Führungskraft bekommt von oben einen Konzernbeschluss vorgesetzt – „Jetzt machen wir Lean“, „Jetzt führen wir SAP ein“, „Jetzt ändern wir Methode X in Methode Y“.
Wenn die Führungskraft selbst innerlich Widerstand hat, spüren das die Mitarbeitenden sofort. Dann ist das Projekt im Grunde schon auf der Kippe, bevor es startet.
Für das Management ist ein Change oft „nur“ eine technische Umstellung: Wir arbeiten ab morgen mit einem neuen System, einem neuen Prozess, einer neuen Methode.
Für die Mitarbeitenden bedeutet das aber einen Eingriff in ihre gewohnte Arbeitsrealität. Routinen brechen auf, Sicherheit geht verloren.
Wenn ich dann nicht klarmache, was der konkrete Nutzen ist – also „What’s in it for me?“ – wächst der Widerstand.
Nehmen wir das Ideenmanagement, das ja auch stark in meiner Praxis verankert ist:
Ich kann sagen: „Wir brauchen eure Ideen, um besser zu werden.“
Ich kann aber auch sagen: „Schaut, wenn ihr hier gute Ideen einbringt, könnt ihr euch eure Arbeit erleichtern, sicherer machen, körperlich schonender gestalten. Vielleicht bückst du dich 50-mal am Tag und hebst etwas aus dem Kreuz – lass uns eine Lösung finden, die dich entlastet.“
Dann ist der Change nicht mehr nur ein Unternehmensprojekt, sondern ein persönlicher Vorteil. Und ja, eine Anerkennungsprämie darf es auch geben – aber der eigentliche Hebel ist: „Du hilfst uns, besser zu werden – und wir helfen dir, deinen Alltag besser und leichter zu gestalten.“
„Bei uns ist alles anders“ – oder doch nicht?
Götz Müller:
Ich glaube, das ist ein Element, das über alle Branchen hinweg gleich wirkt. Und an dieser Stelle kann man diesen uralten Satz „Bei uns ist alles ganz anders“ ziemlich gut relativieren: Zumindest das ist nicht anders.
Christian Steiner:
Genau.
Wenn man in die Literatur schaut – ob Simon Sinek, Stephen Covey, Napoleon Hill oder Bob Proctor – ganz viele Aussagen, die heute als „New Work“ oder „New Leadership“ verkauft werden, finden wir im Kern schon bei den alten Griechen.
Warum? Weil der Mensch sich im Kern nicht verändert hat. Wir haben heute Smartphones und KI, aber unser Gehirn funktioniert immer noch mit denselben Grundmechanismen wie vor Jahrtausenden.
Ein Teil davon ist unser „Reptilienhirn“: fight, freeze, flee.
Wir reagieren auf Unsicherheit mit Angriff, Erstarrung oder Flucht.
Wenn ein neuer Prozess eingeführt wird und das Team nicht wirklich eingebunden ist, greifen diese Muster. Ein Prozess wird dann nicht getragen, sondern „ertragen“.
Erfolgreich wird ein Prozess nur, wenn das Team ihn mitträgt – und nicht, wenn er nur befohlen wird.
Für wen ist der Vortrag gedacht – wer sollte kommen?
Götz Müller:
Das bringt mich zu meiner inzwischen fast schon Standard-Abschlussfrage: Was werden die Menschen, die deinen Vortrag hören, mitnehmen können? Und wen wünschst du dir im Publikum?
Christian Steiner:
Das Schöne an diesem Thema ist: Es ist wirklich universell.
Es richtet sich nicht nur an Führungskräfte. Es ist für jeden Menschen relevant, der sich mit seinem eigenen Leben, seinen Zielen und seiner Arbeit auseinandersetzt.
Ich arbeite mit ganz unterschiedlichen Menschen:
Pflegekräfte, Krankenschwestern, Erzieher, Fachkräfte in der Industrie, IT-Leiter, Geschäftsführer, Soloselbstständige, kleine Agenturinhaber, Führungskräfte in großen, auch verstaatlichten Unternehmen – und sogar Menschen, die schon in Rente sind.
Bei vielen meiner Coachees höre ich Sätze wie: „Das war das beste Investment meines Lebens – mich mit meinem eigenen Sinn, meinen Zielen und meinen Emotionen zu beschäftigen.“
Im Vortrag geht es genau darum:
Klarheit über mich selbst zu gewinnen, meine Ziele zu schärfen, meine „Life Mission“ greifbarer zu machen und zu verstehen, wie ich Ziele so formuliere, dass sie im Unterbewusstsein wirklich Kraft entfalten.
Ich beziehe mich dabei zum Beispiel auf eine Langzeitstudie aus Harvard, die gezeigt hat:
Absolventen, die mit klaren Zielen ins Berufsleben gestartet sind, haben im Schnitt ein Vielfaches dessen erreicht – auch finanziell –, verglichen mit denen ohne Ziele. Und diejenigen, die ihre Ziele sogar schriftlich formuliert hatten, lagen noch einmal deutlich darüber.
Das heißt: Sich mit Sinn, Klarheit und Zielen zu beschäftigen, ist kein „Nice to have“, sondern hat konkrete Wirkung – beruflich wie privat.
Selbstführung als Grundlage für Führung
Götz Müller:
Das erinnert mich an einen Satz von Boris Grundl: „Selbst wenn dich niemand führen muss, dich selbst musst du immer führen.“
Christian Steiner:
Absolut. Und du bist auch die wichtigste Person in deinem Leben.
Das ist eine Frage, die ich in Coachings gerne stelle: „Wer ist die wichtigste Person in deinem Leben?“
Viele nennen zuerst Partner, Kinder, Eltern, Kollegen.
Die ehrliche Antwort lautet: Du selbst.
Wenn du gut funktionierst, wenn du Klarheit hast, wenn du morgens mit Freude – ja, auch am Montag – aufstehst, dann kannst du ein großartiger Vater oder eine großartige Mutter sein, eine gute Kollegin, ein guter Chef.
Wenn du mit dir selbst im Reinen bist, strahlst du das aus. Dann entsteht Energie, dann macht Zusammenarbeit Freude, dann tragen Menschen auch Veränderung mit.
Goethe wird der Satz zugeschrieben: „Sobald du dich entschließt, kommen dir Dinge entgegen, die dich unterstützen.“ Oder anders gesagt: Wenn deine Ziele klar sind, fügen sich viele Dinge auf dem Weg.
Götz Müller:
Und dann klappt es auch mit Lean. Christian, ich freue mich sehr auf deinen Vortrag – wir hatten ja schon die eine oder andere Gelegenheit zum Austausch.
Christian Steiner:
Ich freue mich ebenfalls – und ich gebe mir Mühe, den Zeitplan einzuhalten, bevor mich jemand von der Bühne holt.
Wir sehen uns in Monnem.
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