
LEAN wirkt – oder es bleibt ein Schauspiel
„Fabrik des Jahres gewinnst du nicht mit einem Strohfeuer. Wer diesen Preis holt, hat über Jahre hinweg Wirkung gezeigt – quantitativ und qualitativ.“, sagt Jörg Cwojdzinski
Alexander Ruderisch im Gespräch mit Jörg Cwojdzinski über Fabrik des Jahres, echten Wandel und Fake-Lean
Alexander Ruderisch:
Liebe LEAN-Begeisterte und alle, die es noch werden wollen:
Mein Name ist Alexander Ruderisch, und ich freue mich, euch als Teil des Programmplanungsteams des Jubiläums-LATC2026 heute einen der spannenden Vortragenden der Veranstaltung vorstellen zu dürfen.
Ich habe die Freude, mit Jörg Cwojdzinski über seinen Programm-Block „LEAN wirkt – oder es bleibt ein Schauspiel. Fabrik-des-Jahres-Preisträger berichten darüber, was nach dem Pokal wirklich zählt“ zu sprechen.
Herzlich willkommen, Jörg.
Jörg Cwojdzinski:
Vielen Dank für die Einladung, Alexander.
Wer ist Jörg Cwojdzinski?
Alexander Ruderisch:
Bevor wir in das spannende Thema einsteigen und Appetit auf deinen Vortragsblock beim LATC2026 machen: Was sollten die Menschen, die deinen Vortrag besuchen, über dich wissen?
Jörg Cwojdzinski:
Mein Name ist Jörg Cwojdzinski. Vielleicht kurz zu meinem Hintergrund: Ich war bis Mai dieses Jahres weltweit verantwortlich für die Fabriken der ASMPT im SMT-Solutions-Segment – mit Zuständigkeit für Produktion, Einkauf und Logistik.
Insgesamt habe ich über 40 Jahre Industrieerfahrung, davon 30 Jahre Führungserfahrung, rund 20 Jahre auf Executive Level. Und ich habe mehr als 20 Jahre Lean-Transformation begleitet und gestaltet.
Heute bin ich im „aktiven Ruhestand“ unterwegs und biete unter anderem Mentoring und Coaching, aber auch Quick-Scans von Fabriken oder ganzen Produktionsnetzwerken an. Da sammelt sich über die Jahre eine Menge Erfahrung an – insbesondere die Frage:
Wie führt man Lean wirklich richtig ein, sodass es wirkt?
Genau darauf möchte ich in diesem Veranstaltungszeitfenster beim LATC2026 ganz bewusst eingehen.
Fabrik des Jahres – was macht sie besonders?
Alexander Ruderisch:
Dein Block auf dem LATC ist ja quasi eine „Veranstaltung in der Veranstaltung“. Und du machst das nicht alleine, sondern gemeinsam mit mehreren Preisträgern des „Fabrik des Jahres“-Awards.
Was ist aus deiner Sicht das Besondere an einer Fabrik des Jahres?
Jörg Cwojdzinski:
Der Wettbewerb „Fabrik des Jahres“ ist aus meiner Sicht der renommierteste Industriepreis, den man in Europa gewinnen kann.
Das hat einen guten Grund: Der Wettbewerb ist sehr anspruchsvoll – sowohl quantitativ als auch qualitativ. Man muss über einen längeren Zeitraum belastbare Ergebnisse vorlegen.
Das gelingt nur, wenn es einer Organisation wirklich gelungen ist, nachhaltige Wirkung zu erzeugen – nicht nur ein kurzfristiges Strohfeuer.
Darum ist es so spannend, Gewinner dieser Auszeichnung in eine Veranstaltung einzubinden: Das ist eine Art Testat dafür, dass dort tatsächlich etwas funktioniert hat und erfolgreich war.
Alexander Ruderisch:
Es geht also um langfristige Effekte in den Unternehmen?
Jörg Cwojdzinski:
Ganz genau. Und damit sind wir schon beim Kern.
Mir ist wichtig – und darauf gehe ich in meinem Intro-Vortrag ein –, dass Lean eben nicht zur reinen Methodenshow verkommt.
Du kennst das sicher auch: Da werden Methoden „wegen der Methode“ eingeführt. Es werden Aluprofile hingestellt, aber kein Wertstrom aufgenommen, kein Spaghetti-Diagramm erstellt, kein Cardboard-Engineering gemacht. Es bleibt eine Inszenierung.
Es werden Lean-Tempel und -Häuser gemalt, man nennt es „Produktionssystem“. Oder man spricht von „Lean-Philosophie“, versteht zwar, dass es mehr als Methoden sind, lädt das Ganze aber mit so viel „Chakra“ auf, dass es fast esoterisch wird.
Dann kommen noch allerlei Japonismen dazu – und am Ende wird eine dogmatische Lehre daraus. Manche sprechen von „Haltung“, aber am Ende bleibt es oft eine leere Worthülse.
Mit dem gesamten Veranstaltungsblock möchte ich genau damit aufräumen.
Und das gelingt am besten, wenn man authentische Geschichten der eigenen Lean-Reise erzählt ohne Buzzwords, ohne Hochglanz-Folien, stattdessen echte Erfahrungen:
Wie sind wir zu belastbaren Ergebnissen gekommen?
- Was waren Erfolge?
- Welche Fehler haben wir gemacht?
- Wie ist der Kulturwandel gelungen?
Zusammen mit den Unternehmensvertretern, die ich eingeladen habe, sprechen wir über die Erfahrungen von fünf Unternehmen, die in Summe 16 Mal „Fabrik des Jahres“ gewonnen haben. Ich denke, das ist ein ganz guter Hinweis darauf, dass dort wirklich Erfahrung vorhanden ist.
Die Dramaturgie des LATC-Blocks

Alexander Ruderisch:
Ich hatte ja schon gesagt: Das Ganze ist eine Art „Veranstaltung in der Veranstaltung“. Du hast für deinen Block eine sehr schöne Dramaturgie geplant. Magst du kurz skizzieren, was du dir gedacht hast – und wie diese Dramaturgie wirkt?
Jörg Cwojdzinski:
Gerne. Der Zeitblock findet am zweiten Veranstaltungstag, also am 12. März 2026, von 10:00 bis 12:15 Uhr statt – also zwei Stunden und 15 Minuten.
Der Ablauf sieht so aus:
- Intro: „Fake-Lean kann jeder – Theater ist einfacher als Veränderung“
Ich starte mit einem eigenen Vortrag, der genau das thematisiert: Wo hört Theater auf und wo fängt echte Veränderung an? - „Reality-Battle“ – Fabrik-des-Jahres-Preisträger im direkten Erfahrungsbericht
Danach folgt das, was ich „Reality-Battle“ nenne.
Vier Preisträger der „Fabrik des Jahres“ kommen zu Wort und berichten, was sie als Preisträger erlebt haben – und vor allem, was nach dem Pokal wirklich zählt.
Eingeladen habe ich: Steffen Krippendorff, Senior Vice President Operations Commercial Vehicles, Voith Group, Michaela Hammer, Head of Global Operations, Festool, Bernd Häußler, CEO Central Europe, Assa Abloy und Johann Kraus, Senior Vice President Production Division Operations, Rohde & Schwarz.
Die vier werden ohne Unternehmensvorstellung, ohne Präsentationsfolien sprechen – also keine PR-Show, sondern authentische Geschichten: Was haben sie auf ihrer Lean-Reise erlebt?, Was waren Wendepunkte? und Wann hatten sie das Gefühl: Jetzt ist Lean echt geworden?
Es ist ein „Battle“ in dem Sinne, dass sie auch ein Stück weit gegeneinander antreten: Am Ende vergeben wir – über das Voting des Plenums – eine „True Impact Trophy“. - Podiumsdiskussion mit Wettbewerbsmacher und Plenumsbeteiligung
Vor der Trophy gehen wir in einen dritten Block: eine Podiumsdiskussion. Dafür konnte ich Daniel Stengel, Partner bei Kearney und Organisator des Wettbewerbs „Fabrik des Jahres“, gewinnen. Zusammen mit ihm und den vier Preisträgern diskutieren wir auf dem Podium.Ich habe das zweigeteilt geplant. Zuerst geht es um den Wettbewerb selbst: Was bedeutet es, teilzunehmen?, Wie viel Aufwand ist es?, Wie laufen die Prozesse ab? und Welches Feedback bekommt man?
Zum Schluss verkünden wir das Voting aus dem Plenum und ich übergebe die True Impact Trophy.
Danach wechseln wir bewusst in eine Plenumsdiskussion: Welche Barrieren sehen die Teilnehmer in ihren Unternehmen, um Lean als gelebtes System zu etablieren?, Welche Ratschläge können die Preisträger geben, um diese Barrieren zu überwinden?
Warum das Publikum aktiv mitgestalten soll
Alexander Ruderisch:
Das klingt sehr spannend – vor allem, weil du das Publikum über das Voting aktiv einbindest.
Was ist dir beim Fokus aufs Publikum wichtig? Geht es dir eher darum, welche Geschichte die Leute am meisten beeindruckt – oder steckt noch etwas anderes dahinter?
Jörg Cwojdzinski:
Natürlich ist das Voting logischerweise eine Abstimmung – wir wollen ja zu einer Trophy kommen.
Aber mir geht es vor allem darum, die Bühne für Interaktion zu öffnen. Es soll nicht dabei bleiben, dass Fabrik-des-Jahres-Gewinner von sich berichten und alle anderen nur zuhören.
Spannend ist: Jeder im Raum ist in einem anderen Stadium unterwegs, hat andere Erfahrungen – gute wie schlechte.
Der Weg von einer eher klassischen Methodenimplementierung hin zu einem gelebten System ist anspruchsvoll. Methoden einzuführen ist nicht falsch – im Gegenteil, sie haben ihren Sinn, und sie funktionieren am Anfang oft auch. Aber:
Der echte Sprung besteht darin, Lean so zu verankern, dass es Teil des Systems, der Kultur, des Alltags wird.
Und da möchte ich:
- einsammeln, wo die Leute gerade stehen,
- welche Hürden sie erleben,
- und gemeinsam mit den Preisträgern konkrete Tipps und Ideen geben.
Das wirkt dann in die Breite des Plenums: Auch jemand, der sich nicht traut, seine eigene Fragestellung öffentlich zu formulieren, kann aus den Fragen der anderen und den Antworten der Experten lernen.
„Da kommen wir nie hin“ – oder doch?
Alexander Ruderisch:
Ich kann mir vorstellen, dass manche im Publikum staunend auf die Bühne schauen und denken: „Wow, was da alles möglich ist…“ und dann innerlich vergleichen: „Zu Hause sieht es ganz anders aus – da kommen wir ja nie hin.“
Was können diese Menschen ganz konkret aus den Erfahrungen der Preisträger mitnehmen?
Jörg Cwojdzinski:
Genau deswegen soll es kein abgehobener Hochglanz-Event werden.
Im Reality-Battle wird es – wie gesagt – keine Folien geben. Ich möchte gerade nicht dieses Gefühl erzeugen von: „Oh je, diesen Reifegrad erreichen wir nie, das ist ja JWD – ganz weit draußen und unerreichbar.“
Stattdessen geht es mir darum, Anregungen, Tipps und Mut zu geben, weil jeder von seiner Reise berichtet – nicht nur vom Endstatus nach zehn Jahren.
Wichtig ist: Wir holen die Leute dort ab, wo sie gerade stehen. Niemand ist ohne Barrieren durch so eine Transformation gegangen. Wir alle haben Probleme erlebt – und wir haben viele davon überwunden.
Deshalb bin ich sicher: Für jeden im Raum wird etwas dabei sein. Und wenn jemand ganz konkret irgendwo feststeckt, wäre es ideal, wenn er oder sie aufsteht und sagt: „Hier hakt es bei uns – habt ihr einen Tipp?“
Wer sollte den Block auf keinen Fall verpassen?
Alexander Ruderisch:
Wer sollte sich nach all dem deinen Vortragsblock unbedingt nicht entgehen lassen?
Jörg Cwojdzinski:
Da bin ich ganz uneitel: Jeder, der da ist.
Das eigentliche Dilemma ist ja eher anders herum: Die Menschen, die zum LATC kommen, sind in der Regel ohnehin Feuer und Flamme für das Thema Lean. Die brauche ich nicht erst zu überzeugen.
Die Unternehmen, die es am nötigsten hätten, Lean ernsthaft als System zu etablieren – die sind dort meistens gar nicht vertreten. Das ist aber ein generelles Thema und weniger eines dieser Veranstaltung.
Für alle, die kommen, bin ich überzeugt: Jede und jeder kann etwas für sich mitnehmen.
Ausblick auf das LATC 2026
Alexander Ruderisch:
Das ist ein sehr schönes Schlusswort. Ich wünsche dir extrem viele Menschen, die extrem viel mitnehmen – und die auch dein Angebot annehmen, mit ihren Problemen direkt in den Austausch zu gehen.
Vielen, vielen Dank für das inspirierende Gespräch.
Jörg Cwojdzinski:
Ich danke dir auch.
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