
Lean als Lernreise: Wie die Haag-Streit GmbH vom Werkzeugkasten zur Haltung fand
Lean beginnt oft mit Methoden – und entwickelt seine volle Wirkung erst dann, wenn Menschen beginnen, ihren eigenen Weg zu finden. Genau davon berichten Oliver Menken und Robin Wagner im Gespräch mit Götz Müller. Ihr Vortrag beim LeanAroundTheClock 2026 erzählt keine Erfolgsgeschichte aus dem Lehrbuch, sondern eine ehrliche Reise mit Umwegen, Lernschleifen und wichtigen Erkenntnissen.
Der Startpunkt der Lean-Reise bei der Haag-Streit GmbH war ein klassischer: Die Übernahme des ehemaligen Spin-offs VRmagic durch die Schweizer Haag-Streit Gruppe im Jahr 2020. Mit ihr kam nicht nur ein neues organisatorisches Umfeld, sondern auch der direkte Einblick in eine Organisation mit über zehn Jahren Lean-Erfahrung. Diese Transparenz wirkte ansteckend – und weckte den Wunsch, Lean auch am Standort Mannheim zu verankern.
Wie so oft begann alles mit sichtbaren Veränderungen: neue Möbel, strukturierte Arbeitsplätze, 5S, Materialversorgung nach Zwei-Behälter-Prinzip. Methoden, die greifbar sind und schnell Ergebnisse zeigen. Erste Meilensteine waren erreicht, als Teile der Produktion umgebaut waren und die ersten Geräte in neuen Prozessen gefertigt wurden. Lean zeigte Wirkung – zumindest auf den ersten Blick.
Doch relativ schnell wurde klar: Methoden allein tragen nicht unbegrenzt. Konzepte, die auf dem Papier oder in kleinen Gruppen funktionieren, entfalten in der Praxis nicht automatisch ihre Wirkung. An diesem Punkt begann die eigentliche Lernreise. Statt Templates eins zu eins zu übernehmen, begann das Team, Dinge anzupassen, zu hinterfragen und kreativ weiterzuentwickeln. Lean wurde „customized“ – passend zur eigenen Organisation.

Ein entscheidender Wendepunkt war dabei, dass Verbesserungen nicht mehr als einmalige Aktionen verstanden wurden, sondern als tägliche Routine. Dass Fragen wie „Könnten wir das nicht besser machen?“ erlaubt – ja ausdrücklich erwünscht – sind. In dem Moment stiegen mehr Menschen ein. Lean wurde vom Projekt eines kleinen Teams zu einer gemeinsamen Aufgabe in einer überschaubaren, aber engagierten Organisation.
Der Weg dorthin war nicht frei von Reibung. Veränderungen fühlten sich ungewohnt an, erzeugten Unsicherheit und Widerstände. Oliver Menken spricht offen darüber, selbst zu schnell gewesen zu sein – getrieben von Begeisterung, aber nicht immer im Tempo des Teams. Besonders die Einführung einer täglichen Kaizen-Zeit von 30 Minuten für alle Mitarbeitenden war ein Einschnitt, der zunächst eher Augenrollen als Begeisterung auslöste. Begriffe, Erwartungen und Geschwindigkeit spielten eine größere Rolle, als zunächst gedacht.
Mit Robin Wagner bringt der Vortrag zudem eine besondere Perspektive ein. Als Werkstudent und Quereinsteiger aus dem Lehramtsstudium fand er seinen Weg in den Lean-Kontext. Seine Erfahrung zeigt: Lean ist keine exklusive Domäne von Black Belts oder Lean-Mastern. Fähigkeiten wie Visualisieren, Strukturieren, Wissen vermitteln und Veränderungen begleiten sind universell – und lassen sich aus ganz unterschiedlichen Hintergründen einbringen.
Genau diese Botschaft steht im Zentrum des Vortrags beim LATC2026. Angesprochen sind Menschen, die Interesse an Lean haben, aber noch zögern. Die konsumieren, lesen, hören – aber noch nicht angefangen haben. Menken und Wagner wollen ermutigen, den ersten Schritt zu gehen. Nicht radikal, nicht perfekt, sondern klein, bewusst und mit der Erlaubnis zu lernen.
Ihr Ziel ist klar formuliert: Wenn zehn Teilnehmende nach der Veranstaltung nach Hause fahren und beginnen, eine kleine Verbesserung umzusetzen – und dranbleiben –, dann war der Vortrag ein Erfolg. Lean als Haltung, nicht als Heldenreise. Einfach anfangen. Schritt für Schritt.
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