Kultur frisst Lean zum Frühstück – und wird trotzdem zur DNA

Kultur frisst Lean zum Frühstück – und wird trotzdem zur DNA

„Von der Industrie können wir lernen, Daten und Prozesse konsequent zu analysieren. Aber im Krankenhaus leben wir tagtäglich mit Komplexität, Emotion und Unvorhersehbarkeit – daran kann die Industrie auch etwas lernen.“, sagt Angelika Wagner-Kronberger im Gespräch mit unserem Kollegen Götz Müller.

#leanmagazin
11. Dezember 2025 um 17:00 Uhr in LeanMagazin von LKB Redaktion
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Ein Gespräch mit Angelika Wagner-Kronberger über ihren Vortrag auf dem LATC2026 und Lean im Krankenhaus

Götz Müller:
Liebe Zuhörende ich bin Götz Müller und ich führe Sie und euch durch die Interviews mit den Vortragenden auf dem LeanAroundTheClock vom 11. bis 13. März 2026 in Mannheim.

Heute unterhalte ich mich mit Angelika Wagner-Kronberger, die Lean Management im Gesundheitswesen gestaltet.
Hallo, Angelika.

Angelika Wagner-Kronberger:
Hallo lieber Götz, danke für die Einladung zum Interview – ich freue mich schon auf den Austausch.

Wie kam Lean zu Euch ins Krankenhaus?

Götz Müller:
Zum Einstieg: Erzähl doch in ein paar Stichworten, wie euer Einstieg in das Thema Lean im Krankenhaus ausgesehen hat.

Angelika Wagner-Kronberger:
Unser Einstieg war so, dass wir zunächst bewusst in die Industrie geschaut haben. Relativ schnell haben wir festgestellt, dass es dort große Unterschiede gibt:

  • Die einen Unternehmen verstehen Lean vor allem als Effizienzprogramm.
  • Die anderen sehen Lean als Lernsystem mit Menschen.

Für uns war von Anfang an klar: Wenn wir Lean ins Krankenhaus holen, dann nicht nur auf der Ebene von Tools und Methoden, sondern als Arbeit am Menschen, als Lernen am Menschen und am System.

Und je tiefer wir eingetaucht sind, desto deutlicher wurde: Hoppla – das ist doch nicht so einfach.

Kultur frisst Lean zum Frühstück

Götz Müller:
Da höre ich heraus: Das ist nichts, was einem zufliegt, man muss sich richtig reingeben.

Angelika Wagner-Kronberger:
Genau. Und deshalb habe ich meinen Vortragstitel auch etwas sarkastisch gewählt: „Kultur frisst Lean zum Frühstück.

Das ist angelehnt an Peter Druckers Zitat „Culture eats strategy for breakfast“. Aus meiner Erfahrung gilt das nicht nur für Strategie, sondern genauso für Lean.

Wir können die besten Methoden kennen, die schönsten Wertströme zeichnen und die tollsten Tools einsetzen – wenn die Kultur nicht stimmt, bleibt alles an der Oberfläche.

Uns war wichtig, dass Lean dort ansetzt, wo es eine Lernhaltung, eine Fehlerkultur, Offenheit und vor allem eine Vertrauensbasis gibt.

Deshalb der Titel „Kultur frisst Lean zum Frühstück“.
Aber – und das ist mir genauso wichtig – Lean kann auch Teil unserer DNA werden. Das eine schließt das andere nicht aus, im Gegenteil.

DNA der Organisation: Nicht drüberstülpen, sondern verstehen

Götz Müller:
Mir kommt der Gedanke: Keine Kultur zu haben geht ja nicht. Und mit deinem Stichwort DNA – DNA existiert ja immer, ob man will oder nicht.

Angelika Wagner-Kronberger:
Genau. Die DNA ist immer da.

Die Kunst besteht darin, nicht von oben etwas überzustülpen, sondern zu verstehen:

  • Was ist die DNA unserer Organisation?
  • Wie können wir darauf eingehen?
  • Wie schaffen wir eine Basis, auf der Lernen, Wachstum und Entwicklung am Menschen möglich werden?

Lean im Krankenhaus bedeutet für mich, auf diese vorhandene DNA sensibel einzugehen.

Lean im Krankenhaus: Patientenflüsse statt Materialflüsse

Götz Müller:
Ich glaube – und das wird später auch noch meine Abschlussfrage sein –, dass man aus deinem Vortrag auch viel außerhalb der Gesundheitsbranche mitnehmen kann, weil diese Mechanismen sehr universell sind.

Angelika Wagner-Kronberger:
Ja, das glaube ich auch.

Wir sind kein klassischer Produktionsbetrieb, das stimmt. Aber wenn man genauer hinschaut, gibt es sehr viele Parallelen zur Industrie:

  • Wir haben Flüsse – bei uns sind das vor allem Patientenflüsse, nicht nur Materialflüsse.
  • Wir haben Engpässe und Schnittstellen.
  • Unsere Hauptthemen liegen in Übergaben, und dort sammeln sich auch viele Fehlerquellen.

Das „Produkt“ ist nicht ein Gegenstand, sondern die Arbeit am Menschen.

Was uns im Gesundheitswesen besonders auszeichnet, ist die Zusammenarbeit mit Patienten und Angehörigen. Da kommen viel Emotion, Angst, Erwartungshaltungen ins Spiel – von Patienten wie von Angehörigen.

Das macht unsere Arbeit extrem herausfordernd – aber auch sinnstiftend.

Wenn ich einen Prozess verbessere, geht es mir nicht nur um Durchlaufzeit oder Ressourceneinsatz, sondern um:

  • Sicherheit,
  • Würde,
  • Vertrauen

Jede Minute Verschwendung, die wir vermeiden, schenken wir dem Patienten: In Zeit, Aufmerksamkeit und Ruhe für den Genesungsprozess.

Das ist für mich Lean in einer seiner reinsten Formen.

Gnade des „späten Einstiegs“?

Götz Müller:
Ich könnte mir vorstellen, dass man durch deinen Vortrag – und auch durch die Themenfläche danach – gut sehen kann, wie ihr als „späte Einsteiger“ im Vergleich zur Industrie vielleicht auch eine Art Gnade der späten Geburt erlebt.

Angelika Wagner-Kronberger:
Ja, das passt ganz gut.

Die Industrie hat über viele Jahre gelernt, Prozesse sehr gut zu optimieren.

Das Krankenhaus hat in den letzten Jahren – nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie – gelernt,

  • sehr schnell,
  • sehr organisch,
  • und unter hoher Unsicherheit auf Umstände zu reagieren.

Wenn wir jetzt beides verbinden, wird es spannend:

  • Von der Industrie können wir lernen, Daten und Prozesse konsequent zu analysieren.
  • Der Industrie können wir wiederum etwas zurückgeben, z.B. unseren Umgang mit komplexen Situationen, Emotionen und Unvorhersehbarkeiten.

Im Krankenhaus können wir die Variable Mensch nicht „rausrechnen“. Wir arbeiten in einem Umfeld, in dem der Mensch immer eine Rolle spielt.

Das macht uns – im besten Sinne – zu kleinen „Pionieren“ einer lernenden Organisation.

Wie Lean praktisch gelebt wird

Götz Müller:
Vielleicht sagst du noch ein paar Stichworte dazu, wie ihr Dinge macht – gerade auch, um den „Industriemenschen“ etwas Greifbares zu geben.

Und dann noch die Doppel-Frage:

  • Wen möchtest du mit deinem Vortrag ansprechen?
  • Und wen wünschst du dir für die Fragerunde am Ende?

Angelika Wagner-Kronberger:
Zur ersten Frage: Wie arbeiten wir konkret?

Wir versuchen, situationselastisch mit Gruppen zu arbeiten – also nicht nach Schema F, sondern angepasst an die Menschen und Kontexte.

Ein zentrales Prinzip ist aber die Standardisierung.
Im Krankenhaus arbeiten wir ohnehin mit Standards – das ist für uns sehr natürlich.

Diese Standards sollen nicht als starre Grenzen erlebt werden, sondern als etwas, das Sicherheit schafft – im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig.

Aber Standards dürfen das Denken nicht ersetzen.

Deshalb ist uns wichtig, Fragen zu stellen wie:

  • Warum gibt es diesen Standard?
  • Was ist seine Intention?

Mitarbeitende und Führungskräfte sollen Standards kritisch hinterfragen dürfen. Aus dem, was man im schlechtesten Fall als „Gehorsam“ erleben könnte, soll Verantwortung entstehen.

Weitere zentrale Punkte sind:

  • Leadership, das Räume schafft, in denen Menschen lernen dürfen und nicht nur funktionieren müssen.
  • Die Einsicht: Unsere Experten sind die Menschen vor Ort, die täglich im System arbeiten.
  • Die Neugierde zu wecken: Wir wollen in eine echte kontinuierliche Verbesserung kommen. Lean soll die Kulturebene treffen, nicht nur als Methode „reingedrückt“ werden und wieder verschwinden.
  • Wissenschaftliches Denken in der Organisation verankern: Beobachten, reflektieren, Hypothesen bilden, ausprobieren, lernen.

Lean ist für mich nicht die Kunst, etwas einzuführen, das dann nur formal bleibt. Lean soll eine Kultur schaffen, die Menschen Vertrauen schenkt, aktiv mitzudenken – und zugleich Respekt und die Fähigkeit, immer wieder Neues zu lernen, erhält.

Wen wünschst du dir im Publikum?

Angelika Wagner-Kronberger:
Wen sehe ich im Publikum? Ganz ehrlich: alle Ebenen.

Alle, die Berührungspunkte mit dem Gesundheitssystem haben – denn jede und jeder von uns kann irgendwann auf beiden Seiten sitzen:

  • als Patientin oder Patient,
  • als Angehörige oder Angehöriger,
  • oder als Mitarbeitende im Gesundheitswesen.

Ich glaube, das Thema sollte jeden berühren. Und ich wünsche jedem Menschen, dass er im Krankenhaus jemandem gegenübersitzt, der empathisch ist, der auf ihn eingeht und der das Krankenhaus-Erlebnis zu etwas macht, bei dem er ein Gefühl von Sicherheit hat.

Götz Müller:
Ich denke, dass man selbst ohne Hintergrund im Gesundheitswesen aus dem, was du gerade beschrieben hast, schon sehr viel mitnehmen kann.

Ich freue mich auf deinen Vortrag – und sage: Bis März nächstes Jahr.

Angelika Wagner-Kronberger:
Ich freue mich auch, danke schön.



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