
Je komplexer die Medizin, desto einfacher muss die Organisation sein
Krankenhäuser gehören zu den komplexesten Organisationen überhaupt. Jeder Patient bringt eine individuelle Krankengeschichte mit, Krankheitsverläufe verändern sich oft innerhalb weniger Stunden und Notfälle lassen sich weder planen noch terminieren. Kaum ein Arbeitsumfeld ist von so vielen Unwägbarkeiten geprägt wie die stationäre Versorgung. Daraus wird häufig der Schluss gezogen, dass auch die Organisation zwangsläufig komplex, unübersichtlich und von permanenter Improvisation geprägt sein müsse.
Diese Sichtweise hinterfragt Jörg Gottschalk in einer Folge seines Podcasts Krankenhausführung neu denken. Seine zentrale Botschaft lautet: Je komplexer die Medizin ist, desto einfacher muss die Organisation werden.
Die nachfolgende Zusammenfassung basiert auf einer Podcastfolge von Jörg Gottschalk mit dem Titel "Die schöne Welt der Schwester Philin". Sie fasst die wesentlichen Inhalte und Argumentationslinien sinngemäß zusammen und erhebt keinen Anspruch auf eine wortgetreue Wiedergabe des gesprochenen Wortes.
Um diesen Gedanken greifbar zu machen, beschreibt Gottschalk den Arbeitstag einer fiktiven Pflegekraft namens Philin. Auf ihrer Station sind die Abläufe klar strukturiert. Materialien befinden sich am richtigen Ort, Informationen liegen vollständig vor, Untersuchungen und Visiten sind abgestimmt, Verantwortlichkeiten eindeutig geregelt. Philin muss nicht suchen, improvisieren oder ständig auf organisatorische Störungen reagieren. Sie kann sich nahezu vollständig auf das konzentrieren, weshalb sie ihren Beruf ausübt: die Versorgung ihrer Patientinnen und Patienten.
Das Gedankenexperiment beschreibt keine perfekte Welt ohne Notfälle oder unvorhersehbare Ereignisse. Im Gegenteil: Gerade weil Medizin niemals vollständig planbar ist, müssen die alltäglichen Routinen zuverlässig funktionieren. Nur wenn die Organisation Stabilität schafft, bleibt genügend Aufmerksamkeit für Situationen, die tatsächlich außergewöhnlich sind.
Damit widerspricht Gottschalk einer tief verwurzelten Annahme im Gesundheitswesen. Allzu häufig wird organisatorisches Chaos mit der Komplexität der Medizin erklärt. Unterschiedliche Patienten, spontane Veränderungen oder akute Notfälle dienen als Begründung dafür, warum Prozesse zwangsläufig unübersichtlich sein müssten. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Viele der täglichen Belastungen entstehen nicht durch medizinische Entscheidungen, sondern durch Suchzeiten, Unterbrechungen, unklare Abläufe, fehlende Informationen und mangelnde Abstimmung zwischen den beteiligten Bereichen.

Ordnung erhält dadurch eine völlig andere Bedeutung. Sie dient nicht dazu, Mitarbeitende stärker zu kontrollieren oder ihre Arbeit zu reglementieren. Ihr eigentlicher Zweck besteht darin, Orientierung zu schaffen. Wer jederzeit weiß, was zu tun ist, wann es zu tun ist, wie es erledigt werden soll und welche Hilfsmittel dafür benötigt werden, kann seine Aufmerksamkeit dort einsetzen, wo sie den größten Nutzen stiftet – beim Patienten.
Philin ist deshalb weniger eine Idealfigur als vielmehr ein Sinnbild für eine Organisation, die ihre Mitarbeitenden unterstützt, statt sie täglich mit vermeidbaren Problemen zu beschäftigen. Sie steht für einen Zustand, in dem Verschwendung reduziert wird, ohne die notwendige Flexibilität medizinischer Entscheidungen einzuschränken.
Die eigentliche Stärke des Gedankenexperiments liegt darin, den Blick auf die Ursachen vieler Probleme zu verändern. Nicht die Medizin produziert das organisatorische Chaos. Vielmehr verhindert organisatorisches Chaos, dass medizinische Kompetenz ihr volles Potenzial entfalten kann. Gerade weil Krankenhäuser mit einer kaum beherrschbaren medizinischen Komplexität umgehen müssen, benötigen sie Prozesse, die einfach, stabil und verlässlich funktionieren.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Podcastfolge: Exzellente Medizin beginnt nicht erst am Patientenbett. Sie beginnt mit einer Organisation, die den Menschen ermöglicht, ihre eigentliche Arbeit ohne unnötige Hindernisse zu erledigen.
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