
Quick Response Manufacturing - das Zusammenspiel zwischen ZEIT und VARIABILIÄT
Dieser 2teilige Artikel geht den Unwägbarkeiten der aktuellen Entwicklung aus Sicht des Quick Response Manufacturing (QRM) auf den Grund. QRM ist eine zeitbasierte Wachstumsstrategie, die im gesamten Unternehmen wirkt und so einfach ist, dass jeder Beschäftigte sie verstehen und anwenden kann.
Neben dem Zeit-Faktor ist Variabilität in ihren verschiedenen Formen von grundlegender Bedeutung für QRM und damit eine zentrale Größe überall dort, wo hochspezialisiert in kleinen Chargen oder individuellen Arbeitsvorgängen gearbeitet wird - anders gesagt: wo massenhafte Standardabfertigung nicht länger sinnvoll ist.
Dieser Beitrags fokussiert die strategisch bedeutsame Formen der Variabilität:
> Variabilität der Produkte in der High-Mix-Low-Volume-Produktion
> Variabilität - Strategisch vs. Dysfunktional
> Variabilität in der VUCA-Welt
Willkommen in der VUCA-Welt
Akronyme wie VUCA oder BANI beschreiben, warum traditionelle Effizienzlogiken in dieser Welt versagen. Die Zeit langfristiger Planbarkeit ist vorbei – ebenso das Vertrauen in stabile globale Beziehungen und Lieferketten. Auch wenn solche Wortschöpfungen an sich keine Lösungen aufzeigen, so weisen sie doch darauf hin, wo man ansetzen kann.
Dieser Artikel geht den Unwägbarkeiten der aktuellen Entwicklung aus Sicht des Quick Response Manufacturing (QRM) auf den Grund. QRM ist eine zeitbasierte Wachstumsstrategie, die im gesamten Unternehmen wirkt und so einfach ist, dass jeder Beschäftigte sie verstehen und anwenden kann.
Neben dem Zeit-Faktor ist Variabilität in ihren verschiedenen Formen von grundlegender Bedeutung für QRM und damit eine zentrale Größe überall dort, wo hochspezialisiert in kleinen Chargen oder individuellen Arbeitsvorgängen gearbeitet wird - anders gesagt: wo massenhafte Standardabfertigung nicht länger sinnvoll ist.
Der Fokus auf Zeit und Variabilität ist deswegen so interessant, weil sie in einer Welt voller Unwägbarkeiten verlässliche und berechenbare Größen sind:
- Zeit lässt sich abbilden in Minuten, Stunden und Tagen sowie in Wochen, Monaten und Jahren.
- Variabilität ist eine statistische Größe, die sich auf das Ausmass bezieht, in dem sich einzelne Elemente einer Menge voneinander unterscheiden oder von einem Durchschnittswert abweichen.
Die Messung von Zeit und Variabilität fokussiert diejenigen Einflussfaktoren, die es erlauben, sich in dynamischen Marktumfeldern erfolgreich zu behaupten. Variabilität drückt sowohl die sich ausdifferenzierenden Ansprüche der Kunden als auch die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Lieferanten oder Mitarbeiter aus. Zeit spiegelt die Anpassungsfähigkeit des Unternehmens an die sich immer schneller verändernden Rahmenbedingungen wieder und kann gemessen werden, z.B. in Durchlaufzeit und Liefertreue.
Zeit und Variablität orientieren die strategische Ausrichtung des Unternehmens und erlauben eine verbesserte Steuerung der Abläufe ebenso wie die genauere Planung von Ressourcen.
Aus diesem Grunde erhebt QRM den Anspruch auf die Transformation des gesamten Unternehmens. Die konsequente Ausrichtung auf Zeit basiertes Denken unter Berücksichtigung verschiedener Formen der Variabilität erlaubt es, eine Organisation durch die aktuell unruhigen Zeiten zu steuern und führt zu höherer Produktivität bei gleichzeitig kürzeren Durchlaufzeiten - Unternehmen werden schneller UND erfolgreicher.
Warum also nicht mehr QRM wagen?
Das Zusammenspiel von Variabilität und Zeit
Ganz grundsätzlich lässt sich zunächst einmal feststellen:
Je höher die Variabilität,
- desto weniger planbar sind Produktion, Abläufe und Prozesse,
- desto weniger Standardisierung ist möglich,
- desto mehr Aufwand für Organisation, Produktion und Abwicklung,
- desto mehr Steuerung ist nötig.
- In der Folge: desto mehr Zeit wird aufgewendet!
Je mehr Zeitaufwand, wie oben skizziert,
- desto länger die Durchlaufzeiten
- desto unsicherer die zugesagten Liefertermine
- desto unzufriedener die Kunden
- desto schwächer die Stellung am Markt
- desto höher die Kosten durch gebundene Ressourcen (z.B. für Personal, Lagerbestand, Flächen, Finanzierung)
- desto unzuverlässigere Arbeitszeiten und Personaleinsatzpläne
- desto mehr Überstunden
- desto mehr Fehlzeiten
- desto größer die Unzufriedenheit der Beschäftigten
(... ohne Gewähr auf Vollständigkeit)
Variabilität
Aufgrund des technologischen Fortschritts und der allgemeinen Marktentwicklung differenzieren sich die Produktpaletten von Unternehmen immer weiter aus. Dementsprechend sind die Ansprüche auf der Kundenseite gestiegen: Man erwartet individuell passgenaue Lösungen und möglichst kurze Lieferzeiten, inklusive verlässlichen Service entlang des gesamten Bestell- und Lieferprozesses.
In vielen Unternehmen hat diese Entwicklung dazu geführt, dass ursprüngliche Standardprodukte in immer kleineren Mengen produziert und customized werden. Man produziert und liefert in „high mix - low volume“.
Diese hohe Variabilität kommt überall dort zum Tragen, wo eben keine massenhafte Standardware oder -abfertigung möglich ist, sondern hochspezialisiert in kleinen Chargen oder individuellen Arbeitsvorgängen gearbeitet wird. Im globalen Wettbewerb können diese Unternehmen dann bestehen, wenn sie schneller als der Markt agieren und kurze Lieferzeiten verlässlich einhalten.
Zeit
wird in diesem Kontext eine strategische Ressource, die nur begrenzt zur Verfügung steht. Zeit kann nicht dazu gekauft werden wie andere Betriebsmittel. Allein schon aus diesem Grund ist sie es wert, sie wie eine kostbare Ressource zu betrachten, mit ihr zu haushalten und „in der Zeit zu bleiben“.
Wenn wir die zur Verfügung stehende Zeit optimal nutzen wollen, verbietet sich jede Verschwendung.
Wer Zeit als kritische Größe zum Maßstab der Arbeitsorganisation macht, kommt automatisch zu bedeutsamen Fragen, die den Geschäftszweck und die Unternehmensstrategie betreffen:
- WAS tun wir: Welche Dinge sind nützlich, welche Produkte sind es wert, dass wir unsere Zeit und andere Ressourcen in sie investieren? Sind es die, die uns als Unternehmen wirklich voran bringen?
- WIE tun wir es: Welche Abläufe und Prozesse werden der zur Verfügung stehenden Zeit gerecht?
- Mit WEM tun wir es: für welche Kunden/Zielgruppen bieten wir Lösungen an? Welche Lieferanten, welche Mitarbeitenden werden unseren Anforderungen gerecht?
QRM liefert Antworten auf diese Fragen. Es geht darum, die Arbeit produktiv und effizient zu gestalten, und zwar mit Hilfe der 4 tragenden QRM-Säulen: 1. Zeitorientierung, 2. Systemdynamik, 3. zellulare Organisation und 4. unternehmensweite Anwendung.
Vordergründig rücken hierbei Arbeitsorganisation, Abläufe und Prozesse in den Blick. Eine erfolgreiche Implementierung von QRM ist jedoch nur möglich, wenn es eine klare Strategie im Unternehmen gibt und sich die handelnden Menschen dementsprechend engagieren. Deswegen spielen in QRM auch Themen wie Leadership, Visual Management, Upskilling und kooperative Zusammenarbeit wichtige Rollen.
Über die vier Säulen von QRM haben wir schon an anderer Stelle ausführlich berichtet, die Links finden sich am Ende dieses Artikels. Im Folgenden fokussieren wir uns auf strategisch bedeutsame Formen der Variabilität:
- Variabilität der Produkte in der High-Mix-Low-Volume-Produktion
- Variabilität - Strategisch vs. Dysfunktional
- Variabilität in der VUCA-Welt
Variabilität der Produkte in der High-Mix-Low-Volume-Produktion (HMLV)
Eine hohe Produktvariabilität ist eine bedeutsame strategische Frage, da sie dem Unternehmen ermöglicht, unterschiedliche Marktsegmente anzusprechen, Wettbewerbsvorteile zu erzielen und das Umsatzpotenzial zu erhöhen. Zugleich ist die Produktvariabilität eine der größten Herausforderungen für die Organisation und Produktivität.
Variabilität führt in HMLV-Umgebungen zu folgenden Herausforderungen:
- Höherer Planungsaufwand: Produktionspläne müssen oft kurzfristig angepasst werden. Klassische langfristige Planung stößt an ihre Grenzen.
- Häufiges Umrüsten von Maschinen und Umstellen von Arbeitsplätzen: beeinträchtigt den Auftragsfluss und verlängert die Durchlaufzeiten.
- Komplexere Lager- und Materiallogistik: Die große Vielfalt an Bauteilen, Werkzeugen und Materialien erfordert ein ausgeklügeltes Supply Chain Management.
- Schwierige Standardisierung: Viele Prozesse lassen sich nur begrenzt automatisieren oder standardisieren, was zu mehr manueller Arbeit und höheren Fehleranfälligkeiten führen kann.
In einem HMLV-Produktionsumfeld – also bei einer großen Produktvariabilität (high mix) bei gleichzeitig geringen Stückzahlen (low volume) – ist Variabilität ein zentrales Strukturmerkmal.
Variabilität als Grundcharakteristik
In HMLV-Unternehmen ist Variabilität kein Ausnahmefall, sondern ein strategisch gewollter, normaler Betriebszustand. Sie zeigt sich unter anderem in:
- stark variierenden Kundenanforderungen und Auftragsinhalten,
- wechselnden Produktionsabläufen je nach Produktvariante,
- unterschiedlichen Materialien und Fertigungszeiten,
- stark unterschiedliche und schwankende Stückzahlen.
Diese Variabilität erfordert eine sehr hohe Flexibilität und eine anpassungsfähige Produktionsorganisation.
Variabilität - Strategisch vs. Dysfunktional
QRM unterscheidet klar zwischen strategischer Variabilität, die Wettbewerbsvorteile schafft, und dysfunktionaler Variabilität, die Kosten verursacht und die Effizienz beeinträchtigt:
Strategische Variabilität setzt ein Unternehmen dafür ein, um seinen Wettbewerbsvorteil am Markt aufrechtzuerhalten.
Kennzeichnend hierfür ist Produktvaribilität im weitesten Sinne:
- große Optionsvielfalt für Kunden
- kundenspezifische Anpassungen
- maßgeschneiderte Produkte für individuelle Anwendungen
- sowie die Fähigkeit, unerwarteten Nachfrageänderungen ohne Serviceverschlechterung gerecht zu werden.
Dysfunktionale, schädliche Variabilität zeigt sich beispielsweise durch:
- Nacharbeit,
- ungeplante Ausfälle,
- Qualitätsprobleme,
- Produkte, die entweder überhaupt nicht ins Portfolio passen, oder an denen man kein Geld verdienen kann, auch nicht in der Mischkalkulation (Dazu können auch Märkte oder Kundengruppen gehören!),
- ständig wechselnde Prioritäten oder Fälligkeitstermine und „schubweise" Nachfrage aufgrund schlechter Kommunikation zwischen Vertrieb und Kunden.
Die Schlüsseltechniken von Lean sind darauf ausgerichtet, alle Variabilität in der Fertigung auszumerzen. Dies ist an sich gut, solange es sich um das Ausmerzen der schädlichen Variabilität handelt.
QRM hebt die Lean-Strategie auf eine höhere Ebene, indem es das Unternehmen entlang der strategischen Variabilität ausrichtet. Der Fokus liegt darauf, die Organisation und unterstützende Systeme so auszulegen , dass die Variabilität bei gleichzeitiger Verkürzung der Bearbeitungs- und Lieferzeiten aufrecht erhalten wird.
Damit ermöglicht QRM Unternehmen, ihre Stärken (z.B. Produktvariabilität, individuelle Kundenlösungen, schnelle Reaktion auf Nachfrageänderungen) voll auszuspielen, ohne von Ineffizienzen ausgebremst zu werden.
Indem sie ihre Prozesse so gestalten, dass sie strategische Variabilität optimal unterstützen, können Unternehmen sich von der Konkurrenz abheben und auf die sich ständig ändernden Anforderungen des Marktes schneller reagieren.
Variabilität in der VUCA-Welt
Aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive bezeichnet Variabilität:
Konjunkturelle Schwankungen (z. B. Nachfrage, Beschäftigung, Investitionen)
Marktdynamik durch technologische Veränderungen, Globalisierung oder politische Einflüsse
Preisschwankungen auf Rohstoff-, Finanz- oder Arbeitsmärkten
Das Akronym VUCA steht für:
| V | OLATILITY | Volatilität |
| U | NCERTAINTY | Ungewissheit, Unsicherheit |
| C | OMPLEXITY | Komplexität |
| A | MBIGUITY | Mehrdeutigkeit |
VUCA beschreibt die Vielfalt und Unvorhersehbarkeit von Einflüssen, die auf Produktionsprozesse, unternehmerisches Handeln und die Wirtschaft insgesamt wirken. Sie stellen eine zentrale Herausforderung dar, da sie Planbarkeit und Effizienz gefährden. Gleichzeitig eröffnen sich aber auch Chancen für Anpassungsfähigkeit, Innovation und kundenspezifische Lösungen.
In diesem Umfeld brauchen insbesondere High-mix-low-volume-Unternehmen eine systematische und passgenaue Strategie, um den vielzähligen Variabilitäten wirksam zu begegnen.
QRM ist eine solche Strategie, die gleichermaßen auf Wachstum und Transformation angelegt ist. Sie liefert keine Schablonen, sondern berücksichtigt die individuelle Situation und Organisationsstruktur des Unternehmens. Der konsequente Fokus auf den limitierten Faktor „ZEIT“ erhöht die Reaktionsfähigkeit über das gesamte Unternehmen hinweg, was zu kürzeren Lieferzeiten, effizienterer Arbeitsorganisation und einer nachweislichen Reduktion von Kosten führt.
Was das im Einzelnen bedeutet und was sich hinter den 4 QRM-Säulen verbirgt, erläutern wir in verschiedenen Fachartikeln auf Lean Base:
10.01.2026, Autorin: Ulrike Reiche
Weitere Inhalte
Kennst Du schon LeanNetwork?
-
Vernetze Dich mit LeanExpert:innen
-
Mach‘ Dein Lean-Portfolio sichtbar
-
Erfahre Neues aus der LeanCommunity

MX Award
Das MX-Netzwerk (MX = Manufacturing eXcellence) ist ein führendes Kompetenznetzwerk für Produktionsmanagement und Lean Manufacturing, das Exzellenz in der Produktion fördert und den Austausch von Best Practices und innovativen Lösungen unterstützt. Durch die Einbindung von Experten, Preisträgern und Führungskräften wurde eine Plattform geschaffen, die Wissenstransfer und die Verbesserung von...

QRM Institut
Wir, das QRM Institut GmbH, sind die deutsche Dachorganisation für Quick Response Manufacturing (QRM) und verbinden nationale Unternehmen mit der internationalen QRM-Gemeinschaft. QRM, entwickelt von Prof. Rajan Suri, ist eine Strategie zur radikalen Reduktion von Durchlaufzeiten in Unternehmen mit hoher Variantenvielfalt und kleinen Losgrößen. Als Partner von Unternehmensberatungen und...
Weitere Inhalte auf LeanPublishing

Formen der Variabilität mit QRM effizient managen
Der 2teilige Artikel geht den Unwägbarkeiten der aktuellen Entwicklung aus Sicht des Quick Response Manufacturing (QRM) auf den Grund. Neben dem Zeit-Faktor ist Variabilität in ihren …

Vergesst die Digitalisierung!
Wir haben wichtigeres zu tun, als hinter Technik herzulaufen. Wenn wir die schon jetzt überforderten Systeme und Menschen aus dem Nichts zusätzlich mit der Digitalen (und damit auch sozialen) …

Business Systemics
Der Value Proposition Canvas (VPC)

Teil 1: Aus der Hexenküche eines Interimmanagers
Ich hatte vor wenigen Wochen eine Anfrage eines Mandanten, ob ich denn helfen könne, denn Umsatz und Gewinn waren rückläufig. Alte Produkte unterlagen einer Preiserosion und die Kunden wollten …




Kommentare
Bisher hat niemand einen Kommentar hinterlassen.
Kommentar schreiben
Melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.
Teilen