Deutschland, was ist los mit Dir? 5 Fragen an Uta Kapp

Deutschland, was ist los mit Dir? 5 Fragen an Uta Kapp

Deutschland ist im Problemlösungsmodus gefangen – aber wo bleibt die Vision?
Uta Kapp fordert Mut, Entbürokratisierung und den Blick nach Osten: Estland & Co. zeigen uns, wie radikale digitale Erneuerung geht. Hoffnung macht ihr der Pioniergeist junger Menschen und die Chance, dass wir durch kleine, konkrete Schritte im Unternehmensalltag Bewegung schaffen können. Ein Gespräch über Sorgen, Hoffnungen und verpasste Chancen – und warum es Zeit ist, Brücken in die Zukunft zu bauen.

#leanmagazin
29. September 2025 um 04:30 Uhr in LeanMagazin von LKB Redaktion
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Wenn Du an Deutschland heute denkst – was macht Dir am meisten Sorgen?

Mich beunruhigt zutiefst, dass wir in Deutschland in einer Haltung der Problemlösung verharren, ohne eine kohärente, inspirierende Vision für die Zukunft zu entwickeln. Wir sind Meister darin geworden, Probleme zu benennen, zu analysieren und zu verwalten, aber wir scheinen die Fähigkeit verloren zu haben, eine positive und gemeinsame Vorstellung davon zu kreieren, wo wir in 10, 20 oder 50 Jahren stehen wollen. 

Als Visionärin sehe ich ein Land, das sich in der Defensive befindet. Wir reagieren auf Krisen – sei es der Klimawandel, der demografische Wandel oder die technologische Disruption – anstatt proaktiv die Richtung vorzugeben. Wir verbringen unsere Energie damit, Mauern gegen die Probleme von morgen zu errichten, anstatt Brücken zu einer besseren Zukunft zu bauen. 

Wo ist die Vision eines Landes, das nicht nur nachhaltig, sondern auch innovationsführend ist? Wo ist die Vorstellung von einer Gesellschaft, die nicht nur digital, sondern auch menschlich und sozial vernetzt ist? Wo ist der Traum von einer Kultur, die nicht nur Tradition bewahrt, sondern auch mutig Neues wagt? 

Diese Fixierung auf Probleme lähmt uns. Sie erzeugt eine Atmosphäre der Angst und des Pessimismus, die den Mut zu radikalen, kreativen Lösungen erstickt. Eine Vision würde uns eine gemeinsame Richtung geben, einen Kompass, der uns durch die Stürme der Veränderung navigiert. Sie würde nicht nur Hoffnung schaffen, sondern auch die notwendige Energie freisetzen, um die großen Herausforderungen unserer Zeit wirklich zu meistern. 

Es ist Zeit, dass wir als Visionäre aufstehen und nicht nur auf die Probleme hinweisen, sondern auch die Bilder und Geschichten einer besseren Zukunft .

Und was macht Dir Hoffnung?

Mir gibt Hoffnung, die wachsende Erkenntnis, dass die Zukunft Europas nicht nur in Brüssel oder Berlin entschieden wird, sondern in einer dynamischen, digitalen Bewegung, die sich vor allem im Osten unseres Kontinents entfaltet. Anstatt nur auf die Herausforderungen zu blicken, sehe ich eine Vision, die von den Pioniergeistern in Ländern wie Estland, Litauen und Polen getragen wird – Nationen, die die Digitalisierung nicht nur als Trend, sondern als essenzielle Grundlage für ihre Zukunftsfähigkeit begriffen haben. 

Diese Länder haben uns gezeigt, dass es nicht um die Größe oder die Wirtschaftsleistung eines Staates geht, sondern um Mut und die Bereitschaft zur radikalen Innovation. Sie haben die Chance genutzt, ihre Systeme von Grund auf neu zu gestalten, ohne von alten Strukturen oder überholten Prozessen gebremst zu werden. Estland ist ein Paradebeispiel mit seiner e-Residency, die es Unternehmern aus aller Welt ermöglicht, ein EU-Unternehmen zu gründen, ohne jemals das Land betreten zu müssen. Das ist nicht nur eine digitale Dienstleistung, das ist eine Vision von einer offenen, globalen Wirtschaft. 

Die Hoffnung, die ich empfinde, ist nicht naiv. Sie beruht auf der Beobachtung, dass diese Länder in der Lage sind, ihre Erfahrungen zu teilen und als digitale Leuchttürme für ganz Europa zu fungieren. Sie zeigen uns, wie wir Bürokratie abbauen, öffentliche Dienstleistungen effizienter gestalten und neue Wege für wirtschaftliches Wachstum erschließen können. 

Diese Dynamik im Osten ist eine dringend benötigte Korrektur zu der oft zögerlichen Haltung Westeuropas. Sie fordert uns heraus, aus unserer Komfortzone zu treten und zu erkennen, dass die Zukunft der europäischen Einheit nicht nur in politischen Abkommen liegt, sondern in einer gemeinsamen digitalen Infrastruktur, in der der Informationsaustausch so nahtlos ist wie der Warentransport. 

Ich glaube, dass diese Länder uns den Weg weisen können. Die Zukunft Europas ist digital, dezentralisiert und voller Tatendrang – und ihre Architekten sind bereits am Werk.

Wo siehst Du die größten Chancen – wirtschaftlich, gesellschaftlich oder technologisch – die wir in Deutschland gerade verpassen?

Diese östlichen Staaten zeigen uns, dass Größe und Wirtschaftsleistung weniger zählen als Mut und der Wille zur radikalen Erneuerung. Sie haben ihre Systeme von Grund auf neu gedacht und gestaltet, unbeeindruckt von veralteten Strukturen. Estland mit seiner e-Residency ist dafür das beste Beispiel: Es ermöglicht Unternehmern aus aller Welt, ein EU-Unternehmen zu gründen, ohne je das Land zu betreten. Das ist mehr als eine digitale Dienstleistung – es ist eine Vision von einer offenen, globalen Wirtschaft.

Junge Menschen in Deutschland sind auch so.

Welche Veränderung würdest Du Dir am dringendsten wünschen – politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich?

Der größte Wunsch nach Veränderung in Deutschland betrifft für mich vor allem die Entbürokratisierung. Diese ist nicht nur eine politische oder wirtschaftliche Forderung, sondern eine zutiefst gesellschaftliche Notwendigkeit. Die Überregulierung lähmt unser Land in einem Maße, das kaum noch vorstellbar ist, und betrifft jeden Aspekt unseres Lebens – von der Unternehmensgründung über den Bau eines Hauses bis hin zur Beantragung einer einfachen Genehmigung. 

Die aktuelle Lähmung: Aktuell verbringen wir eine enorme Menge an Zeit, Energie und Ressourcen mit der Bewältigung von bürokratischen Prozessen. In der Wirtschaft erstickt dies die Innovationskraft und den Unternehmergeist. Kleine und mittelständische Unternehmen, das Rückgrat unserer Wirtschaft, kämpfen gegen ein Meer von Formularen, Vorschriften und langwierigen Genehmigungsverfahren. Statt sich auf ihre eigentliche Arbeit zu konzentrieren, müssen sie sich mit unnötigen administrativen Hürden auseinandersetzen, die sie oft daran hindern, zu wachsen und wettbewerbsfähig zu bleiben.

Politisch gesehen, verzögert die Bürokratie die Umsetzung von dringend notwendigen Projekten. Ob es sich um den Ausbau von Erneuerbaren, den Bau von Schulen oder die Digitalisierung der Verwaltung handelt – alles wird durch endlose Prüfungs- und Genehmigungsschleifen verlangsamt. Dies führt zu Frustration in der Bevölkerung und verringert das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates.

Was kann jeder Einzelne – und speziell Menschen im Unternehmensumfeld – konkret beitragen, damit sich etwas bewegt?

Um positive Veränderungen anzustoßen, kann jeder Einzelne, besonders im Unternehmensumfeld, konkret aktiv werden. Die Lösung liegt nicht in großen, abstrakten Gesten, sondern in kleinen, aber wirkungsvollen Schritten im Alltag. 

Im unternehmerischen Umfeld:
Denken in Lösungen, nicht in Problemen.  Fragen: „Was wäre ein erster Schritt?“ anstatt „Warum funktioniert das nicht?“ Das verschiebt den Fokus von der Kritik zur Gestaltung. So entstehen Rückkopplungsschleifen.

Status quo hinterfragen: Bei veralteten Prozessen beharrlich nach dem "Warum" fragen. „Warum machen wir das so?“ oder „Gibt es einen Grund, warum wir diesen Schritt nicht weglassen können?“ kann oft verborgene, ineffiziente Abläufe aufdecken.

Digitaler Vorreiter sein: Neue digitale Tools und agile Arbeitsweisen die Effizienz steigern können, aktivieren und den wiederstand aushalten.  

Aktiv den Austausch mit anderen Abteilungen oder mit Start-ups außerhalb des Unternehmens suchen. Häufig entstehen die besten Ideen an den Schnittstellen und durch den Blick über den Tellerrand.



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