Wenn aus einer Tagung ein Netzwerk wird

Wenn aus einer Tagung ein Netzwerk wird

Die LeanHospital 2026 brachte 118 Teilnehmer vor Ort und im Livestream zusammen. Entscheidend war dabei nicht allein das Programm. In Schwetzingen zeigte sich vielmehr, dass sich rund um Lean Management und Krankenhausentwicklung ein Netzwerk zu formieren beginnt.

LeanHospital
01. Oktober 2026 um 04:30 Uhr in LeanHospital von Ralf Volkmer


Wer eine Fachveranstaltung organisiert, beschäftigt sich zunächst mit den Dingen, die sich organisieren lassen: mit Referenten, Zeitplänen, Technik, Räumen und Abläufen. Ob daraus jedoch mehr entsteht als die Summe einzelner Vorträge, lässt sich kaum planen.

Nach zwei Tagen LeanHospital 2026 im Schloss Schwetzingen war gerade dieser Eindruck bemerkenswert. 118 Teilnehmer verfolgten die Veranstaltung vor Ort oder im Livestream. Sie kamen aus unterschiedlichen Krankenhäusern, Berufsgruppen und Ländern. Ihre Ausgangssituationen waren verschieden, die Fragen jedoch vielfach ähnlich: Wie lassen sich klinische Abläufe verlässlicher gestalten? Wie können Beschäftigte entlastet werden? Welche Rolle spielen Führung und Steuerung? Und wie lässt sich eine Organisation verändern, deren Alltag durch hohe Komplexität, knappe Ressourcen und zahlreiche Abhängigkeiten geprägt ist?

Dass Lean Management dabei nicht auf eine Sammlung von Methoden reduziert werden kann, zog sich durch viele Beiträge. Es ging um Patientenflüsse und Daily Management, um die Gestaltung von Prozessen, aber ebenso um Führung, Qualifikation und die Beteiligung der Mitarbeiter.

Anja König, Akademieleitung an der Akademie für Gesundheitsberufe Heidelberg fasste einige der Fragen, die die beiden Tage prägten, später so zusammen:

Wie kann der Patient/die Patientin wieder in den Mittelpunkt aller Prozesse im Krankenhaus gelangen? Wie können wir unnötige Lauf- und Suchwege im klinischen Alltag verringern? Wie gelingt die ernsthafte Beteiligung von Mitarbeitenden in ihre Arbeitsprozesse? Haben Führende eine fragende Haltung, um Reflektionsprozesse aktiv zu fördern? 

Keine Patentrezepte

Eine Besonderheit solcher Veranstaltungen liegt in einem gewissen Widerspruch. Die Teilnehmer kommen, um von den Erfahrungen anderer zu lernen. Zugleich lassen sich diese Erfahrungen nur selten unmittelbar übertragen.

Krankenhäuser sind komplexe Organisationen. Unterschiedliche Versorgungsaufträge, Strukturen, Berufsgruppen und Rahmenbedingungen führen dazu, dass ein Ansatz, der in einem Haus erfolgreich ist, in einem anderen nicht zwangsläufig dieselbe Wirkung entfaltet.

Der Erkenntnisgewinn liegt deshalb weniger in vermeintlichen Blaupausen als in der Offenheit, mit der über Erfahrungen gesprochen wird. Interessant ist nicht nur, was funktioniert hat. Mindestens ebenso aufschlussreich ist, wo Veränderungen ins Stocken geraten, welche Voraussetzungen zunächst unterschätzt wurden und welche Korrekturen notwendig waren.

Genau darin lag eine Stärke der LeanHospital 2026. Die Beiträge reichten von konkreten Verbesserungen im klinischen Alltag über Daily Management und Patientenfluss bis zu Fragen der Führung und organisatorischen Weiterentwicklung.

Auch kurzfristige Änderungen im Programm wurden produktiv aufgefangen. Natasa Neuhold vom Kepler Universitätsklinikum Linz gab Einblicke in die dortigen Lean-Aktivitäten. Am zweiten Tag rückte mit dem Clinical Operations Framework die Frage stärker in den Vordergrund, wie Führung, operative Steuerung, kontinuierliche Verbesserung und Wertschöpfung in einem gemeinsamen Bezugsrahmen betrachtet werden können.

Dabei wurde ein Punkt immer wieder sichtbar: Einen allgemein gültigen Weg zu Lean Hospital gibt es nicht. Wohl aber gibt es Erfahrungen, aus denen andere lernen können.

Wissen entsteht auch in den Pausen

Fachkongresse werden meist über ihr Programm beschrieben. Wer ihnen beiwohnt, weiß allerdings, dass ein beträchtlicher Teil ihres Wertes zwischen den offiziellen Programmpunkten entsteht.

Beim Kaffee, beim Abendessen oder in einem Gespräch nach einem Vortrag werden Fragen gestellt, die im Plenum keinen Platz gefunden haben. Erfahrungen werden verglichen, Kontakte ausgetauscht, mitunter werden auch eigene Gewissheiten relativiert.

Patrick Ruf, Leiter Qualitätsmanagement bei den St. Vincenz-Kliniken beschrieb diesen Teil der Veranstaltung so:

Was mich außerdem begeistert hat: die Menschen. Offene Gespräche, ehrliche Einblicke und neue Kontakte. Genau dafür steht die LeanBase: explore and exchange expertise. 

Gerade für Krankenhäuser ist dieser Austausch von Bedeutung. Viele Einrichtungen beschäftigen sich mit vergleichbaren Problemen, häufig jedoch weitgehend unabhängig voneinander. Man entwickelt Lösungen innerhalb der eigenen Organisation, während andernorts bereits Erfahrungen mit ähnlichen Fragestellungen gesammelt wurden.

Was in solchen Gesprächen weitergegeben wird, ist deshalb mehr als Methodenwissen. Es ist Erfahrungswissen: Was hat sich bewährt? Unter welchen Bedingungen? Was wurde zunächst falsch eingeschätzt? Welche Widerstände traten auf? Und welche Fragen blieben trotz aller Anstrengungen ungelöst?

Dieses Wissen lässt sich nur bedingt standardisieren. Es lebt davon, dass Menschen bereit sind, es miteinander zu teilen.

Aus einer Veranstaltung wird ein Netzwerk

Als LeanHospital entstand, stand zunächst eine Fachveranstaltung im Mittelpunkt. Sie sollte Menschen zusammenbringen, die sich mit Lean Management und der Weiterentwicklung von Krankenhäusern beschäftigen.

Nach der zweiten Ausgabe zeichnet sich eine andere Entwicklung ab. Aus den wiederkehrenden Begegnungen und Kontakten beginnt ein Netzwerk zu entstehen. Das ist mehr als eine sprachliche Nuance.

Eine Veranstaltung endet mit dem letzten Programmpunkt. Ein Netzwerk lebt davon, dass Kontakte danach bestehen bleiben, Gespräche weitergeführt und Erfahrungen auch zwischen den jährlichen Treffen ausgetauscht werden.

Jörg Gottschalk formulierte diese Perspektive nach der Veranstaltung ungewöhnlich deutlich:

Ich wünsche mir sehr, dass sich sein Netzwerkgedanke durchsetzt: im Kontakt bleiben, Erfahrungen teilen, voneinander lernen – und #LeanHospital nicht als Projekt einzelner Häuser verstehen, sondern als gemeinsame Bewegung. 

Für die weitere Entwicklung von LeanHospital dürfte genau darin eine wesentliche Aufgabe liegen.

Nicht jedes Krankenhaus muss jede Erfahrung selbst machen. Nicht jede Einrichtung muss dieselben Umwege gehen. Und eine gute Lösung verliert ihren Wert nicht dadurch, dass auch andere von ihr lernen.

Diesen Gedanken soll künftig auch das Clinical Operations Netzwerk aufnehmen. Es schafft einen Rahmen für den Austausch über die jährliche LeanHospital hinaus und richtet sich an Menschen, die sich mit Führung, operativer Steuerung, Prozessgestaltung, kontinuierlicher Verbesserung und der Weiterentwicklung von Krankenhausorganisationen befassen.

Damit können Veranstaltung und Netzwerk unterschiedliche Funktionen übernehmen: Die LeanHospital bleibt der Ort der persönlichen Begegnung. Das Clinical Operations Netzwerk soll den Austausch dazwischen fortführen.

Mehr als Lean-Methoden

Dass sich damit auch das Verständnis von Lean Hospital erweitert, zeigte eine weitere Rückmeldung nach der Veranstaltung.

Jaqueline Fröhlich vom Universitätsklinikum Heidelberg schrieb:

Lean Management im Krankenhaus ist weit mehr als die Anwendung einzelner Methoden. Es ist eine Haltung, die Prozesse konsequent aus der Perspektive der Patient:innen und Mitarbeitenden betrachtet.

Tatsächlich scheint die Diskussion um Lean im Krankenhaus an einem Punkt angekommen zu sein, an dem die Einführung einzelner Instrumente allein kaum noch genügt.

Boards, Kennzahlen, Standards oder Verbesserungsworkshops können hilfreich sein. Ob sie dauerhaft Wirkung entfalten, hängt jedoch von den organisatorischen Bedingungen ab, in denen sie eingesetzt werden.

Damit verschiebt sich die Fragestellung. Nicht mehr allein: Welche Lean-Methode kann ein Krankenhaus zusätzlich einsetzen?

Sondern: Wie muss ein Krankenhaus organisiert, geführt und gesteuert werden, damit gute Arbeit unter den Bedingungen des klinischen Alltags zuverlässig möglich wird?

Diese Frage reicht weit über Lean Management im engeren Sinne hinaus. Sie berührt das Verständnis von Führung ebenso wie die Gestaltung von Prozessen, Zusammenarbeit und Entscheidungsstrukturen.

Was bleibt

Nach zwei Tagen LeanHospital 2026 bleiben zahlreiche fachliche Impulse. Vielleicht wichtiger ist jedoch eine Entwicklung, die sich nicht in einem Tagungsprogramm abbilden lässt.

Menschen, die zuvor nur lose oder gar nicht miteinander verbunden waren, sind ins Gespräch gekommen. Einige dieser Gespräche werden weitergeführt werden. Erfahrungen werden ihren Weg in andere Häuser finden. Neue Fragen werden entstehen.

Ob daraus dauerhaft ein tragfähiges Netzwerk wird, muss sich zeigen. Die Voraussetzungen dafür sind jedenfalls erkennbar.

Die LeanHospital 2026 ist beendet. Der Austausch, der dort begonnen hat, dürfte weitergehen.



Kommentare

Bisher hat niemand einen Kommentar hinterlassen.

Kommentar schreiben

Melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Teilen

Weitere Inhalte

Werbung
Mit Echtzeit-Daten zum Lean Hospital
Mit Echtzeit-Daten zum Lean Hospital

Durchgängige Transparenz statt Insellösungen – von Station über Ambulanz bis Daily Management.