
Warum Fluss wichtiger ist als Produktivität
Produktivität genießt in Unternehmen einen nahezu unantastbaren Ruf. Führungskräfte wollen produktiver werden, Teams sollen ihre Produktivität steigern, Prozesse effizienter gestaltet werden. Produktivität gilt als Ausdruck von Leistungsfähigkeit und wirtschaftlichem Erfolg.
Doch aus Sicht des Kunden ist Produktivität weitgehend irrelevant.
Sie (die Kunden) erleben, wie schnell eine Anfrage beantwortet wird, wie zuverlässig ein Produkt geliefert wird oder wie unkompliziert ein Problem gelöst werden kann. Ob die beteiligten Mitarbeitenden ausgelastet sind, wie viele Kennzahlen intern erfüllt werden oder wie produktiv einzelne Abteilungen arbeiten, bleibt für sie unsichtbar. Entscheidend ist allein, ob ihr Anliegen ohne Verzögerungen durch die Organisation fließt.
Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Warum steuern so viele Unternehmen ihre Organisation primär über Produktivitätskennzahlen?
Die Antwort liegt in der Geschichte des Managements. Produktivität lässt sich vergleichsweise einfach messen. Wie viele Vorgänge wurden bearbeitet? Wie viele Stunden geleistet? Wie viele Einheiten produziert? Solche Kennzahlen vermitteln Kontrolle und suggerieren Objektivität. Doch sie beschreiben lediglich, wie intensiv Ressourcen genutzt werden. Sie sagen wenig darüber aus, ob für den Kunden tatsächlich mehr Wert entsteht. Genau hier beginnt der Denkfehler!
Eine Organisation kann ihre Produktivität steigern und gleichzeitig ihre Leistungsfähigkeit aus Kundensicht verschlechtern. Sie kann mehr Vorgänge bearbeiten, während die Durchlaufzeiten steigen. Sie kann die Auslastung ihrer Mitarbeitenden erhöhen, während Kunden länger auf Antworten warten. Sie kann Prozesse effizienter gestalten und dennoch langsamer werden. Der Grund dafür liegt in der Verwechslung von Aktivität und Wertschöpfung.
Beschäftigung ist nicht gleich Wertschöpfung. Wert entsteht nicht dadurch, dass Menschen arbeiten. Wert entsteht dann, wenn ein Bedürfnis erfüllt wird. Entscheidend ist daher nicht, wie beschäftigt eine Organisation ist, sondern wie schnell und störungsfrei sie Bedürfnisse in Ergebnisse verwandelt.

Fluss statt Auslastung
Die meisten Unternehmen steuern ihre Organisation über Produktivität. Sie messen Auslastung, Stückzahlen, Bearbeitungsmengen oder Ressourceneffizienz. Diese Kennzahlen beantworten die Frage, wie intensiv gearbeitet wird. Sie beantworten jedoch nicht die entscheidende Frage: Wie schnell entsteht Wert? Und genau hier liegt der Unterschied zwischen Produktivität und Fluss.
Produktivität betrachtet einzelne Ressourcen oder Bereiche. Fluss betrachtet den Weg eines Kundenbedürfnisses durch das gesamte System – von der Anfrage bis zur Erfüllung. Während Produktivität lokale Effizienz misst, beschreibt Fluss die Leistungsfähigkeit der gesamten Organisation.
Für den Kunden ist nicht entscheidend, wie effizient einzelne Teile eines Unternehmens arbeiten. Entscheidend ist, wie schnell und zuverlässig sein Anliegen bearbeitet wird.
Diese Unterscheidung wird in vielen Unternehmen durch ein weiteres Problem verschärft: Produktivität wird selten für das Gesamtsystem gemessen, sondern fast immer für einzelne Bereiche.
Vertrieb, Einkauf, Produktion, Entwicklung, Logistik oder Service verfolgen jeweils eigene Ziele und Kennzahlen. Jede Abteilung versucht, ihre Produktivität zu maximieren. Der Vertrieb soll möglichst viele Aufträge generieren, die Produktion eine möglichst hohe Auslastung erreichen, der Einkauf Kosten senken und die Logistik Transporte bündeln.
Für den jeweiligen Bereich erscheinen diese Ziele sinnvoll. Für das Gesamtsystem können sie jedoch erhebliche Nebenwirkungen erzeugen.
Denn lokale Produktivitätssteigerungen führen nicht automatisch zu einem besseren Fluss. Häufig geschieht sogar das Gegenteil. Arbeit wird schneller in das System hineingeschoben, als sie an anderer Stelle verarbeitet werden kann. Es entstehen Warteschlangen, Rückstände und Überlastungen. Arbeit wartet auf Entscheidungen, Freigaben oder Kapazitäten. Die Durchlaufzeit steigt, obwohl jede einzelne Einheit ihre Ziele erreicht.
Das Ergebnis ist ein bemerkenswertes Paradox: Alle Bereiche werden produktiver, während das Gesamtsystem langsamer wird.
Man kann dieses Phänomen mit dem Verkehr auf einer Autobahn vergleichen. Solange die Anzahl der Fahrzeuge zur verfügbaren Kapazität passt, fließt der Verkehr. Optimiert jedoch jede Auffahrt ausschließlich ihren eigenen Durchsatz, gelangt irgendwann mehr Verkehr auf die Straße, als verarbeitet werden kann. Die Folge ist nicht mehr Geschwindigkeit, sondern Stau.
In Unternehmen verhält es sich ähnlich. Nicht mangelnde Leistung erzeugt die größten Verzögerungen, sondern die unkoordinierte Optimierung einzelner Teilbereiche.
Der Kunde erlebt das Ganze
Die entscheidende Größe ist deshalb nicht die Produktivität einer Abteilung, sondern die Leistungsfähigkeit des gesamten Wertstroms.
Kunden erleben keine Abteilungen. Sie erleben das Gesamtsystem. Sie nehmen wahr, wie lange etwas dauert, wie zuverlässig ein Anliegen bearbeitet wird und wie einfach der Weg zur Lösung ist. Jede Wartezeit, jede Übergabe und jede Abstimmungsschleife wird aus Kundensicht als Verzögerung wahrgenommen – unabhängig davon, wie produktiv die beteiligten Bereiche intern arbeiten.
Viele Unternehmen leiden deshalb nicht unter mangelnder Produktivität. Sie leiden unter mangelndem Fluss.
Ihre Mitarbeitenden arbeiten engagiert, ihre Abteilungen erreichen ihre Ziele und ihre Kennzahlen entwickeln sich positiv. Gleichzeitig entstehen Wartezeiten, Rückstände und wachsender Koordinationsaufwand. Arbeit bewegt sich langsamer durch die Organisation, obwohl überall Aktivität herrscht.
Eine andere Sicht auf Leistung
Das bedeutet keineswegs, dass Produktivität bedeutungslos wäre. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen bleibt selbstverständlich notwendig. Problematisch wird Produktivität jedoch dann, wenn sie vom Mittel zum Zweck wird. Wenn Organisationen beginnen, Kennzahlen zu optimieren, anstatt Kundennutzen zu schaffen.
Unternehmen wurden nicht gegründet, um produktiv zu sein. Sie wurden gegründet, um Probleme zu lösen, Bedürfnisse zu erfüllen und Wert zu schaffen. Produktivität kann dazu beitragen. Sie ist jedoch nicht das Ziel.
Das Ziel ist Wertschöpfung. Und Wertschöpfung entsteht dort, wo Kundenbedürfnisse schnell, zuverlässig und ohne unnötige Reibungsverluste erfüllt werden. Produktivität optimiert Teile. Fluss optimiert das Ganze.
Organisationen die zunehmend von Geschwindigkeit, Anpassungsfähigkeit und Kundenerlebnis geprägt werden, könnte genau darin der entscheidende Unterschied liegen.
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