Yannick Schilling: „Was das Leben einem bringt …“ – Das Porträt eines Shopfloor-Helds

Yannick Schilling: „Was das Leben einem bringt …“ – Das Porträt eines Shopfloor-Helds

24 Jahre alt und schon ein Shopfloor-Held? Das ist Yannick Schilling. „Mir haben die richtigen Leute die richtigen Chancen gegeben“, erklärt er bescheiden. Doch diese Chancen bekam er nicht ohne Grund. Ein Porträt im Rahmen unserer Initiative "Shopfloor-Held:innen".

#leanmagazin
am 13. 12. 2022 um 18:00 Uhr in LeanMagazin von Redaktion Lean Knowledge Base


Nach seinem Fachabitur absolvierte Yannick Schilling eigentlich eine Ausbildung zum Industriemechaniker in einem anderen Betrieb. Doch dann kam die Pandemie, die ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Folglich verlor er dort die Aussicht, nach erfolgreicher Ausbildung übernommen zu werden. Klar ist, dass seine Priorität auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle lag, die ihm eine nachhaltige Perspektive bietet. Diese Zeit nutzte er jedoch auch für seine andere Leidenschaft: seine Beziehung zu seiner damaligen Freundin, jetzt Verlobten, zu vertiefen.

Dass er bei der neuen Stelle so schnell und in jungen Jahren eine wichtige Rolle übernehmen wird, erwartete er zu dem Zeitpunkt nicht. Neue Arbeitsstätte bedeutet nun mal Ungewissheiten, die umso größer waren, da sein ursprünglicher Plan nicht aufging. Auch ist eine neue Arbeit mit zusätzlichem Aufwand verbunden, um sich zu etablieren und für die Zukunft zu empfehlen. Dass sich bald alles um 180 Grad ändern wird, empfindet Yannick als eine glückliche Fügung. Vielleicht ist er zu jung, um selbst zu erkennen, welche beeindruckende Leistung er vollbracht hat.

„Es ist viel passiert“

Im März 2021 landete er, wie er es selbst beschreibt, bei Rite-Hite. Denn der Hersteller für Laderampenausrüstung, Industrietore und Sicherheitsbarrieren, dessen Hauptsitz in Milwaukee in den USA liegt und eine Produktionsstätte im hessischen Volkmarsen betreibt, suchte nicht nach einem Industriemechaniker. Trotzdem wurde er eingeladen, schaffte es zu überzeugen, und wurde dann als Produktionshelfer im Brückenbau angestellt. Yannick selbst kannte Rite-Hite bereits. "Aus der Ferne", wenn er mit dem Auto am Produktionsbetrieb vorbeifuhr. Das Unternehmen stellte er sich als einen kleinen Familienbetrieb vor. Ob Rite-Hite zu seinen Zukunftsplänen passt?

Ihm war es nämlich sehr wichtig, dass er sein Wissen aus der Ausbildung einsetzen kann und die Tätigkeit ihn zufriedenstellt. "Die Arbeit erforderte eine große Menge an Geschicklichkeit", erklärte er. Was er so beiläufig zum Ausdruck bringt, scheint Yannick sich nicht bewusst zu sein: Er will Herausforderungen und er will herausgefordert werden. Wohl deshalb war Rite-Hite für ihn schlussendlich der perfekte Arbeitgeber. Seitdem er dort arbeitet, hat sich das Unternehmen gravierend verändert. Noch heute ist es ein Unternehmen in Aufbruchstimmung.

Vor einem Jahr fehlte es dem Unternehmen noch an Struktur, an klaren Zuständigkeiten und Richtlinien, erinnert sich Yannick. Beim Lager vermisste er ein System und funktionierende Informationsflüsse. "Wo sind die Produkte? Wann werden sie ausgeliefert? Inzwischen ist das Lagersystem computerisiert." Yannick, obwohl ganz neu im Unternehmen, hat sich aktiv an dieser Umstrukturierung beteiligt. Besser gesagt, durch seine verbindliche Art und seine Verlässlichkeit hat er sich selbst empfohlen. Sein damaliger Vorarbeiter gab den Anstoß, die bestehende Montagelinie zu überdenken. "So war das Design der Produktionslinie eigentlich seine Aufgabe. Ich durfte ihn vertreten."

Wenn andere an einen glauben

Doch sein Vorarbeiter musste aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten. Er und Ralf Volkmer, der Rite-Hite bei diesem Wandel begleitet, konfrontierten Yannick mit der Frage, ob er diese Arbeit fortsetzen möchte. "Ja, klar... Ich kannte die Prozesse in- und auswendig. Ich wusste, an welchen Stationen welcher Teil produziert werden muss, sodass ich auch nachvollziehen konnte, wie die Montage sinnvoll unterteilt werden kann. Auch habe ich andere Kollegen eingearbeitet. Ich musste trotzdem schlucken... und wünschte mir Bedenkzeit."

Nichtsdestoweniger spricht Yannicks schneller Aufstieg in diese verantwortungsvolle Rolle auch für seinen Arbeitsplatz. Denn dieser brachte ihm viel Vertrauen ein. "Wenn man sich bewährt, dann bekommt man immer mehr Gelegenheiten von den Leuten. Die glauben dann auch fest daran, dass man es schaffen kann." Zu diesen Menschen gehört zum einen sein Produktionsleiter Tobias Lange, zum anderen Ralf Volkmer, der „so ein wenig die Hand über diese Entscheidung gehalten hat.“ Beide nahmen eine Mentoren-Rolle für Yannick ein und ergänzten sich in dieser Rolle gut: Tobias brachte die technische Affinität. Ralf hingegen war mit seiner Lean-Philosophie eine wertvolle Unterstützung, erklärt Yannick. So fanden sie für jedes Problem eine Lösung. Gleichzeitig unterstützten sie nicht nur Yannick, sondern das ganze Team: „Ralf hat auch oft seine Hand für uns ins Feuer gelegt, wenn skeptische Fragen von weiter oben kamen.“

Denn neben den Leuten, die an ihn glaubten und ihn ermutigten, gab es Leute bei Rite-Hite, die seine neue Rolle kritisch beäugten. Auch er selbst im Übrigen. Daher war er auch für diese kritischen Rückmeldungen dankbar. „Ich habe sogar ein paar Mal abgelehnt, da ich erst frisch aus der Ausbildung kam. Und so jung war.“ Doch er hat schließlich eingesehen, was für eine Chance das für ihn ist. Die musste er ergreifen und sich selbst mal gut zusprechen „Ich bin bereit, ich traue mir das zu, ich bekomme das hin. Man will ja auch vorankommen“, erläuterte er. Und das ist ihm zweifellos gelungen.

Yannicks Wünsche für die Zukunft

Für die Zukunft wünscht sich Yannick seinen Techniker nachzuholen. Der nächste Schritt wäre dann Produktionsleiter zu werden. Oder noch weiter oben anzukommen. „Was das Leben einem halt bringt“, erklärt er mit Grinsen im Gesicht. Er hat auf jeden Fall ein klares Bild davon, was sein perfekter Arbeitsplatz erfüllen müsste: sich um seine Leute kümmern. „Den Mitarbeitern Anerkennung zeigen. Und den Zusammenhalt auch fördern.“ Durch Festlichkeiten und Weiterbildungsmöglichkeiten. Aber auch durch Gelegenheiten, in denen Mitarbeiter:innen zeigen können, dass sie Verantwortung übernehmen können. An Rite-Hite schätzt er, jederzeit unterstützende Ansprechpersonen haben zu können, die ihm und in seine Eigenständigkeit vertrauen.

Damit fühlt er sich schon an seiner jetzigen Arbeitsstelle wohl. Stolz berichtet er etwa, dass sich auch das höhere Management im Shopfloor sichtbar macht. Dabei auch Interesse für die einzelnen Mitarbeiter:innen zeigen. Es macht ihn stolz und gibt ihm persönliche Sicherheit, dass das Unternehmen an die Beschäftigten denkt, die sich in einer Notsituation befinden. „Es wird auf jeden Einzelnen Rücksicht genommen“, fügt Yannick hinzu. Eines ist klar: Er ist an einem Ort angekommen, der ihm auch in Zeiten der Ungewissheit das nötige Vertrauen gibt. Vor allem aber hat er für sich die Gewissheit gewonnen, dass er zu starken Leistungen imstande ist und dass gute Arbeit, einen Aufstieg zu Folge haben kann. Ein wichtiger Lerneffekt, auf dem seine Gewissheit erstarkt, dass er in der Zukunft noch viel mehr erreichen kann.

Aus Unsicherheit wurde Gewissheit

Bei allem Erfolg ist sich Yannick treu geblieben. Sosehr ihm Arbeit, allen voran eine sinnstiftende, erfüllende und herausfordernde Tätigkeit wichtig ist, vernachlässigt er sein Leben außerhalb des Unternehmens nicht. Im Gegenteil. "Ich bin ein Dorfjunge!", erzählt er sichtlich stolz. Mit Freunden sich auf der Kirmes treffen, gemeinsam an der Spielekonsole zocken und natürlich seine Verlobte, sind für ihn unverzichtbar. Seine Zukunftsunsicherheiten, die er vor seiner Anstellung bei Rite-Hite hatte, sind wie weggeblasen. Wohl deshalb nehmen seine Pläne ernstere Formen an: Der Hochzeitstermin steht fest. Er wünscht sich eine Familie, mit der er sich dauerhaft in der Region niederlassen möchte.


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