Wissenschaftliches Denken: "Dann relevant, wenn es um Unsicherheiten geht"

Wissenschaftliches Denken: "Dann relevant, wenn es um Unsicherheiten geht"

Eine wissenschaftliche Denkweise ist nicht nur in der Forschung elementar, sie wird auch für Unternehmen immer wichtiger. Als Grundlage der Zusammenarbeit kann es Unternehmen dabei helfen, schneller und innovativer auf die Veränderungen der Welt zu reagieren, meint Autor, Gründer und Managementexperte Tilo Schwarz.

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Podcast, am 28. 11. 2022 um 04:30 Uhr in LeanMagazin von LKB Redaktion


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"Jeder Plan, jeder Schritt, ist eine Idee, die getestet werden sollte", erläutert der Managementexperte Tilo Schwarz Genau auf dieser Grundidee basiert die wissenschaftliche Methode: Fakten durch Experimente ermitteln. Viele Geschäftsprozesse profitieren davon. Schließlich können sich verändernde Geschäftslandschaften zu Verhaltensweisen führen, die schwer vorhersehbar sind und sich von der bisherigen Entwicklung abheben. Dementsprechend erläutert Tilo: "Für Unternehmen wird wissenschaftliches Denken vor allem dann relevant, wenn es um neue Herausforderungen, schnelle Veränderungen und Unabwägbarkeiten geht." Dabei betont er, dass genau diese Aspekte Merkmale des 21. Jahrhunderts sind.

Realität vs. Täuschung

In Zeiten der Unsicherheit sei es für Entscheidungsträger:innen in Unternehmen wichtig, sich im Klaren darüber zu sein, dass sie sich nicht automatisch auf frühere Erfahrungen oder ihr Bauchgefühl verlassen können. "Wir erleben sehr grundlegende Veränderungen – für Unternehmen und für unsere Gesellschaft. In solchen Zeiten sind Anpassungsfähigkeit und Kreativität gefragt. Bisher erfolgreiche Gewohnheiten und Ansätze werden da schnell zum Hemmschuh", erklärt Tilo Schwarz.

In einem Werk des Psychologie-Professors und Autors David G. Myers ist von "Hindsightbias" die Rede. Damit hebt er hervor, dass übermäßiges Selbstvertrauen und eine vermeintliche Ordnung in willkürlichen Umständen zur Selbstüberschätzung führen können. Davon ist auch der Management-Coach überzeugt: "Wir müssen anerkennen, dass unser Wissen und unsere Wahrnehmung bruchstückhaft und subjektiv sind." Wissenschaftliches Denken hingegen hilft, das, was wir glauben zu wissen, mit der Realität abzugleichen, aus dem Unterschied zu lernen und unser Vorgehen entsprechend anzupassen.

Der Arbeitsplatz als größten Trainingsplatz der Welt

In herausfordernden Zeiten komme eine wissenschaftliche Denkweise auch den Mitarbeiter:innen zugute. "Wer erlebt, wie ein wissenschaftliches, experimentelles Vorgehen in kleinen Schritten Kreativität im Team freisetzt und unmöglich scheinende Herausforderungen löst, wird im Umgang mit Veränderung viel gelassener", erklärt Tilo. "Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Aber in meinem Team, in meinem Unternehmen haben wir ein Vorgehen, wie wir Herausforderungen meistern – egal, wie sie in Zukunft aussehen. Das gibt Sicherheit. Sicherheit nicht aus dem Plan, der Vorhersagbarkeit, sondern aus der Erfahrung der gemeinsamen Fähigkeit."

Doch eine neue Denkweise erlerne man nicht in Seminaren – sondern nur durch Üben, am besten on the job. "Der Arbeitsplatz wird so zum vielleicht größten Trainingsfeld der Welt. Und Führungskräfte werden zu Trainern und Coaches wissenschaftlichen Denkens." Ein Team, das wissenschaftlich denkt und arbeitet, helfe dem Unternehmen, in kritischen Zeiten zu bestehen. Tilo erinnert an dieser Stelle an Toyotas beliebten Werbeslogan "Good Product, Good Thinking" und bezieht den zweiten Teil auf das wissenschaftliche Denken.

Die "richtige" Wissenschaft

Nicht jeder ist vom wissenschaftlichen Denken überzeugt. Dies wurde besonders während der Coronapandemie deutlich. Die Wissenschaftlerin und Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim beleuchtete in einem Interview für das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), dass Corona in Teilen der Bevölkerung eine ablehnende Haltung gegenüber der Wissenschaft hervorrief. Dementsprechend beschrieb sie in ihrem Buch "Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit", dass sich ein Teil der Gesellschaft immer weiter von einem gemeinsamen Verständnis von Wissenschaft entferne. "Die richtige Wissenschaft" gäbe es nicht. Dem kann die Chemikerin jedoch nicht zustimmen. Im Interview betont sie hingegen, dass es immer "den" aktuellen Wissensstand gibt, der sich auf die derzeit stärkste Beweislage stützt.

Die falsche Auffassung von Wissenschaft könne auch darauf zurückzuführen sein, dass Wissenschaft gelegentlich von den Medien verkürzt oder politisch interpretiert werde, erklärte Mai im RND-Interview. Deshalb appelliert sie an die Gesellschaft. Man müsse sich richtig informieren – nach Beweisen suchen, Fakten objektiv betrachten und auch gerne hinterfragen, wie die Ergebnisse, mit denen man konfrontiert wird, zustande gekommen sind. Denn ein rationaler Umgang mit Herausforderungen ist nur möglich, wenn man sich auf wissenschaftliches Denken einlässt.

Wissenschaftliches Denken und Agilität

Wissenschaft in der deutschen Gesellschaft – Tilo greift dies auf und erklärt, dass ihm wissenschaftliches Denken in Deutschland leider noch nicht so oft begegnet sei. In den USA hingegen werde es viel häufiger diskutiert. "Hierzulande sind eher die Begriffe Agilität und Resilienz in der Diskussion. Dabei übersehen wir vielleicht, dass es sich dabei um Ergebnisse handelt. Viel spannender ist die Frage, wie werde ich, wie wird mein Team agiler und resilienter", erklärt der Coach.

Genau an diesem Punkt werde ein wissenschaftliches Mindset in den Teams und Organisationen des Unternehmens wichtig. So entstehe nicht nur ein gemeinsames Vorgehen. Auch außergewöhnliche Ziele und große Herausforderungen lassen sich so meistern. „Von außen betrachtet sieht das dann sehr agil aus, weil sich ein Team immer wieder schnell auf neue Gegebenheiten einstellt und Chancen schneller als andere nutzt. Im inneren fällt es den Menschen dann leichter, mit Veränderung umzugehen. Weil sie erleben, dass sie einen Weg machen können, wo noch keiner ist“, erläutert Tilo. Wissenschaftliches Denken sei eine wichtige Zutat für Agilität und Resilienz, denn es schaffe Vertrauen und gebe den Menschen den Mut, sich diesen Herausforderungen zu stellen, fügt er hinzu.

Lean Management durch wissenschaftliches Denken?

Lean Management – das beinhaltet für Tilo "kontinuierliche Verbesserung" zu einem integralen Bestandteil der Arbeit auf allen Ebenen zu machen. "Jeder, in jedem Prozess, jeden Tag." Dabei gehe es immer darum, bestimmte Ziele Schritt für Schritt zu erreichen – mittels wissenschaftlichen Denkens. "Den Weg erschließen wir durch schrittweises Experimentieren", erläutert er. Die Lean-Tools seien dabei nur ein Mittel zum Zweck, um Prozesse und Denkweisen sichtbar zu machen.


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