Turm und Steine

Turm und Steine

„Immer dann, wenn man etwas Neues gelernt hat, ist dies gleich einem neuen Baustein."

#leanmagazin
am 16. 10. 2019 um 05:30 Uhr in LeanMagazin von Lean Knowledge Base UG


Wenn sich alte Freunde zufällig wieder einmal treffen, gibt es immer viel zu erzählen. Insbesondere wenn man in ähnlicher beruflicher Mission, manchmal auch als Team, unterwegs war.
In unserem Falle u.a. im Coaching und der Moderation von Workshops. Zwar in unterschiedlicher Ausrichtung, jedoch immer für das gleiche übergeordnete Ziel.

Vieles aus den „alten Zeiten“ ist natürlich irgendwann in Vergessenheit versunken.

Uns ist jedoch kürzlich aufgefallen, dass eine bestimmte Metapher früher oder später immer wieder auf den Tisch kommt. Sie hat die ganzen Jahre überstanden und wurde mit immer neuen Ergänzungen von uns, unabhängig voneinander und jeder für sich, erweitert.

Wir sind der Meinung, dass sie vielleicht auch für den einen oder anderen Kollegen der Lean Community interessant sein könnte und möchten sie mit Euch teilen.

Als Lean Consultant, wie Michael Renoth oder im Change sowie in der Mitarbeiterentwicklung als Psychologe, wie Mathias Opp, kommt man mit ganz vielen und unterschiedlichsten Menschen zusammen.

Dies ist eine der vielen schönen Seiten an diesen Berufen.

Und immer dann, wenn wir Menschen besser kennenlernen, deren echte Freundlichkeit, Fach- und Sozialkompetenz, Servant Leadership, Kritikfähigkeit, Wissbegierde (und, und, und) besonders ausgeprägt ist, bzw. wir auf Menschen treffen, bei denen das genaue Gegenteil der Fall ist, fällt uns unabhängig voneinander immer diese Metapher ein.

Sie hat uns ein japanischer Sensei in einem gemeinsamen Lean Workshop einmal erzählt.

Er erzählte sie am Ende eines langen Lean Workshop Tages, nachdem Michael ihn fragte, wie er sich verschiedene emotionale Reaktionen eines höherrangigen Teilnehmers erklären könne.

Er beantwortete die Frage wie folgt; frei aus unserer Erinnerung heraus geschrieben und mit wenigen Erläuterungen ergänzt:

„Immer dann, wenn man etwas Neues gelernt hat, ist dies gleich einem neuen Baustein."

Und zwar genau so ein Baustein ist gemeint, mit dem man Häuser, Burgen, Türme und andere Sachen bauen kann, wenn man denn genügend davon hat.
Jedes neu Erlernte ergibt einen neuen Baustein, den man verbauen kann.
Am Anfang ist der jeweilige neue Stein dann manchmal noch recht brüchig, aber je mehr man übt und je besser man wird, desto fester wird er.
Je nach Wichtigkeit und Umfang des Erlernten unterscheiden sich die Steine dann auch in ihrer Größe.

Ein Stein kann eine Handwerkslehre, ein Meisterbrief, ein Diplom, Doktortitel, die Fähigkeit eine Maschine zu bedienen, Kenntnisse über Abläufe im eigenen Unternehmen, die Fähigkeit die Arbeitsinhalte eines Taktes in einer Produktionslinie oder mehrerer Takte ausführen zu können, sein … und, und, und …

Sobald man ein paar von Ihnen hat, kann man damit beginnen ein Bauwerk, sprich eine Karriere gleichwelcher Form, aufzubauen.

Je nachdem welches Bauwerk es werden soll, braucht man auch manchmal ganz bestimmte Steine bestimmter Größe.

Und es kommen auch immer neue Bausteine unterschiedlichster Größen und Festigkeiten dazu, mit denen man bauen kann.

Auch kann sich die erstmals ausgesuchte Art des Gebäudes während der bis zur Rente (und vielleicht darüber hinaus) während den Bauphase durchaus auch mehrmals ändern.

Die Breite (oder der Durchmesser) des Bauwerks steht für die Stabilität, die aktuelle Bauhöhe für die bis dato erreichte Höhe auf der Karriereleiter.

Mit der jeweils momentan vorhandenen Anzahl und Sorte der Steine muss sich jeder Bauherr während der Bauphase seiner Kariere von Zeit zu Zeit entscheiden, ob es gerade wichtiger ist, in die Höhe zu mauern (sprich sich höher zu bewerben) oder erstmal die Stabilität zu verbessern.

Es gibt nämlich durchaus andere Bauherren „drum herum“, die andere Gebäude, wenn auch nicht immer gleich zum Einsturz, aber dennoch ein bisschen ins Schwanken (und zur Unterbrechung der Höhenmauerei) bringen möchten.

Stabilität ist auch von manchen Bauherren als absolut ausreichend eigendefiniert, wenn‘s zwar wankt aber nicht einstürzt. Höhe ist alles!

Andere sehen‘s anders, kommen aber dafür mit gleicher Anzahl von Steinen auch nicht so hoch …

Es wurde auch schon durch gezieltes Hinterfragen einzelner tragender Steine (unter Kenntnis der gegnerischen Architektur, Konsistenz des jeweiligen Steins und in geeigneter Runde) mal ein sonst stabiles Gebäude zum Einsturz gebracht oder wenigstens beschädigt.

In wenigen Einzelfällen wurde auch schon mal der Bauherr ungewollt in eine höhere vertikale Position (zunächst schwebend) gebracht mit der dringenden Aufgabe diese Position schnellstmöglich selbst zu untermauern, um die erforderliche Stabilität zu bekommen.

Ist das Gebäude entsprechend stabil, muss sich der Eigentümer eigentlich eher weniger Sorgen machen. Aber nur eigentlich ...

Ein höheres Bauwerk kann auch diese stabile Substanz, aufgrund der „höheren Höhe“ und der Fallgeschwindigkeit von „Sachen“, schädigen. Ungeachtet der (In-) Stabilität des Absenders. Von je höher es kommt, desto härter in der Regel der Einschlag.

Oder auch präventiv wird manchmal bewusst etwas fallen gelassen, damit niemand stabil höher kommt; der eigenen Instabilität durchaus voll umfänglich bewusst.

Entsprechend manch imposanter Höhe in Relation zu der erkennbar geringen Anzahl der Steine wird auch manchmal klar, dass bei einzelnen Türmen die Steine hochkant und ohne Verbund aufeinander „vermauert“ wurden.

Deswegen muss diese ganz besondere Wackelei vom Bauherrn auch ganz besonders geschützt werden.

Das beantwortete dann Michaels Frage zu Beginn.

Eine aufgemalte Stahlkonstruktion und ein weitläufiger Zaun drum herum mit weiteren Maßnahmen werden hoffentlich keine Zweifel an der Stabilität aufkommen lassen.

Absolute Dominanz, hohe Lautstärke und die Verbreitung von Angst haben sich als Verteidigungssysteme schon oft bewährt und werden auch konsequent dort angewandt, wo es ganz besonders nötig ist.

Es gibt aber auch ganz ganz hohe, ganz ganz breite Bauwerke, die ordentlich nach allen Regeln der Kunst gebaut wurden. Mit vielen guten Steinen und Fleiß ...

Entsprechende Transparenz, Servant Leadership und ernst gemeinte „Volksnähe“ können sich diese Bauherren bedenkenlos leisten. Ja, sogar den Kleineren Tipps für’s Gießen oder Hauen und Verbauen von Steinen geben. Der gute Wille der anderen ist ihnen meistens sicher. Schutz wird überflüssig.
Dann wird auch von den „Subordinates“ die „Extramile“ gerne gegangen… Mit dem Wissen es zum Teil für sich selbst zu tun…
Man kann noch ganz viel Ähnliches aus der Metapher für sich ableite und man kann vermuten, dass die Bausteine am Anfang der Bauphase bestimmt in Batches und im späteren Bau eher im One Piece Flow produziert und verbaut werden ;-).

Der Sensei hat uns dazu gebracht, Bauwerke (ungeachtet ihrer Höhe) etwas genauer zu betrachten, wenn sie uns gefallen.
Die Bauherren der stabilen Häuser, Burgen und Türme hatten auch bisher noch nie etwas dagegen und können ja auch zu Recht stolz auf Ihr Werk sein.
Einen genaueren Blick zuallererst auf das eigene Bauwerk zu werfen ist natürlich der beste Start.

Wir danken dem Sensei für diese Metapher und wünschen Euch, dass Ihr auch das eine oder andere Bauwerk damit entdeckt und manche Verhaltensweisen vielleicht etwas verständlicher werden.

Autoren: Michael Renoth und Mathias Opp


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