Spökenkiekerei *), die sich Zukunftsforschung nennt

Spökenkiekerei *), die sich Zukunftsforschung nennt

Der Begriff Zukunft klingt verheißungsvoll. Man darf hinter die Kulissen blicken und erfährt etwas, was andere noch nicht wissen. Jemand, der heute in den diversen Zukunftsbüchern der 1980er-Jahre nachliest, reibt sich verwundert die Augen und muss an Karl Valentin denken: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“

#leanmagazin
am 12. 05. 2017 um 15:30 Uhr in LeanMagazin von Prof. Walter Simon


Die Zukunft lässt sich nicht in die Karten schauen. Wir können zwar vieles extrapolieren, aber die gesellschaftlichen Wirkungsverläufe ähneln einem Würfelspiel mit mehr als drei Würfeln. Der Weg von der Gegenwart in die Zukunft ist mit unvorhersehbaren Ereignissen gepflastert, die eine genaue Wegbeschreibung verhindern. Die „Selbstläufigkeit der Gesellschaft“ (Nikolas Luhmann) führt die sogenannte Zukunftsforschung zwangsläufig in die Sackgasse und verleitet sie dazu, im Kaffeesatz zu lesen.

Zu einer Wissenschaft gehört stets ein System von Erkenntnissen, das in Begriffen, Kategorien, Gesetzen, Theorien und Hypothesen gegossen wurde. Das aber fehlt bei der sogenannten Zukunftsforschung. Wenn sie das Attribut „Wissenschaft“ für sich in Anspruch nehmen will, muss sie diese Anforderungen einlösen:

  1. Sie muss empirisch sein und nicht auf Spekulationen beruhen. Das ist aber der Fall, wenn man Aussagen über etwas macht, was sich der Empirie entzieht. Situationen in dreißig oder fünfzig Jahren kann man nicht sinnlich wahrnehmen oder wie auch immer erfahrbar machen.
  2. Sie muss sich um theoretische Fundierungen bemühen, d.h. dass sie ihre Beobachtungen in logischen Sätzen zusammenfasst und kausale Beziehungen erklärt.
  3. Sie muss kumulativ sein, also auf andere Theorien aufbauen und diese diskutieren. Ihre Ergebnisse müssen für andere nachvollziehbar sein.
  4. Die Reichweite der Aussagen muss benannt sein.
  5. Ihre Prämissen und Grundbedingungen sind zu erklären.
  6. Die Informationsquellen müssen offen liegen.

Zukunftsforschung als Hypothesologie oder Spökenkiekerei?

Die hier genannten Kriterien wurden bisher nirgendwo erfüllt. Es bleibt also festzustellen, dass es keine Zukunftsforschung als solche gibt.
Es sind die Einzelwissenschaften, die über die Zukunft ihrer Disziplin nachdenken, allen voran die Sozialwissenschaften. Die wahren Zukunftsforscher sitzen in den Frauenhofer- und Helmholzinstituten.

Der Begriff Zukunftswissenschaft ist in Anbetracht tausender möglicher Zukunftsfelder ohnehin anmaßend. Man sollte etwas bescheidener von „Hypothesologie“ sprechen. Die norddeutsche Übersetzung lautet „Spökenkiekerei“. Wer den Begriff Zukunftsforschung benutzt, betreibt letztendlich aufgeblasene Wichtigtuerei.

Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man auf den Homepages der so genannten Zukunftsforscher Banalitäten in einen phrasologischen Wust verpackt werden. Mit einer akademisch gekünstelten Spezialsprache soll der Eindruck wissenschaftlicher Gelehrsamkeit erweckt werden.

Der Begriff Zukunftsforschung ist beliebig. Genau genommen gibt es keine Futurologie als solche. Zukunftsforschung ist keine klassische Wissenschaft wie Jura, Physik oder Medizin. Auch ein Lehrbuch der Futurologie sucht man vergeblich. Es gibt keinen Kernbestand gereiften futurologischen Wissens, also keine zusammengefassten Grundsätze der Zukunftsforschung, so wie man es von exakten Wissenschaften her kennt. Letztere sind in der Regel auch gut gegliedert. Man denke nur an die vielen Disziplinen der Medizin oder die diversen Unterabteilungen der Ökonomie. Wenn die so genannte Zukunftsforschung helfen will, unsere Welt zu verstehen, muss sie zunächst einiges tun, sich selbst zu verstehen, indem sie sich ordnet und gliedert.

Zukunftsforscher oder Unternehmensberater?

Wer oder was sind Trend- und Zukunftsforscher? Wie steht es um die Reichweite ihrer Prognosen? Welcher Wissenschaftler ist in der Lage, die Zukünfte aller gesellschaftlich relevanten Bereiche in Summe zu prognostizieren, wo doch nicht einmal mehr Fachwissenschaftler den Überblick über ihre Disziplin haben. Selbst wenn man das Thema Zukunft auf den Bereich soziokultureller Oberflächenerscheinungen beschränkt, bleiben diverse weiße Flecken auf der gesellschaftlichen Landkarte.

Bei genauerem Hinsehen erweisen sich viele der so genannten Zukunfts- und Trendforscher als Journalisten oder Unternehmensberater, die das Thema Zukunft attraktiv machen wollen. Sie erforschen selber keine Zukünfte, so wie es die Wissenschaftler der Max-Planck-Institute leisten, sondern tragen als Jäger und Sammler das zusammen, was der gesellschaftliche oder wissenschaftliche Informationsmarkt an Neuem anbietet oder sie generieren aus soziokulturellen Erscheinungen Zukunftsprojektionen, die sie als „Futurefrikasse“ lesewirksam aufbereiten.
Das Signet „Zukunftsforscher“ verleiht dem Journalisten oder Allerwelts-Unternehmensberater mehr Aufmerksamkeit bei potentiellen Auftraggebern. Mittlerweile wimmelt es nur so von selbst ernannten Zukunftspropheten.

*) Spökenkiekern wird die Fähigkeit nachgesagt, in die Zukunft blicken zu können.


Kommentare

Bisher hat niemand einen Kommentar hinterlassen.

Kommentar schreiben

Melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Teilen

Ähnliche Inhalte

Hier findest Du weitere Inhalte zu dem von Dir gewählten Thema. Bei diesen Vorschlägen handelt es sich um eine Auswahl an Inhalten, welche wir insgesamt für Dich auf der LeanBase zur Verfügung stellen.

Wer wohl den Gong hört - Folge 71

Wer wohl den Gong hört - Folge 71

Podcast auf LeanPublishing
am 10. 06. 2018 um 16:54 Uhr
Kanal: Interview mit Dr. h.c. Any Nemo

Los Straneros, die Stadt, in der WMIA Incorporated seinen Verwaltungssitz hat, ist modern. Modern heißt vom Zeitgeist gestaltet und der ist ... na ja, sagen wir mal … eher...

Meeting with remarkable people

Meeting with remarkable people

Beitrag auf LeanPublishing
am 26. 02. 2018 um 18:40 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Eine Inspiration zum Thema Führung aus der LeanTalkTV Folge Nr. 11 vom 18. Februar 2018

Über den Fisch, den Kopf und Zusammenhalt

Über den Fisch, den Kopf und Zusammenhalt

Beitrag auf LeanPublishing
am 22. 05. 2017 um 16:08 Uhr
Kanal: LeanMagazin

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Dieser berühmte Ausspruch von Helmut Schmidt steht heutzutage stellvertretend für eine sich selbst feiernde Nüchternheit, die...

3. Treffen am 14.02.2019

3. Treffen am 14.02.2019

Beitrag auf LeanStammtisch
am 17. 02. 2019 um 17:04 Uhr
LeanStammtisch Warstein

Anhand eines Heijunka Planspieles wurde die Auftragsglättung- und Nivellierung simuliert.

LeanAroundTheClock 2019

LeanAroundTheClock 2019

Beitrag auf LeanPublishing
am 16. 05. 2018 um 10:29 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Etwas mehr als zwei Monate nach dem diesjährigen Event mit über 500 Teilnehmenden sind wir bereits mitten in den Vorbereitungen des nächstjährigen Events –...

Wahrscheinlichkeits-Schaum und effektives Management

Wahrscheinlichkeits-Schaum und effektives Management

Beitrag auf LeanPublishing
am 02. 02. 2017 um 16:37 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Dies ist der Auftakt einer Serie von Geschichten zur Einführung in das Viable System Model

Jim Womack – Reflections on Lean Leadership

Jim Womack – Reflections on Lean Leadership

Video-Beitrag auf LeanPublishing
am 01. 07. 2016 um 11:07 Uhr
Kanal: LeanMagazin

Dr. James P Womack, Senior Advisor of Lean Enterprise Institute presents his speech „Reflections on Lean Leadership“ at the New Horizons for Lean Thinking – Lean Summit 2010 ran...

Kennzahlen – Alles, was Sie wissen müssen

Kennzahlen – Alles, was Sie wissen müssen

Buch auf LeanBooks
Kategorie: Allgemein

von Hans-Jürgen Probst