"Serendipity" - Was deutsche Führungskräfte von jenen mit Migrationshintergrund lernen können

"Serendipity" - Was deutsche Führungskräfte von jenen mit Migrationshintergrund lernen können

Dass Menschen mit Migrationshintergrund erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert wurden und werden, zeigt sich am Zugang zu höheren beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten. Dabei bringen genau sie, besondere Qualitäten mit, von denen andere Führungskräfte lernen und profitieren können. Um welche genau es sich handelt, erzählen zwei erfolgreiche Köpfe – Bülent Arslan und Gökhan Atas.

#leanmagazin
am 14. 11. 2022 um 04:30 Uhr in LeanMagazin von Futureorg Institut – Forschung und Kommunikation für KMU


Jeder vierte Mensch in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Ihre hohe Relevanz für den deutschen Arbeitsmarkt und die Wirtschaft des Landes ist daher unbestritten. Dennoch spaltet sich oft die gesellschaftliche Diskussion über Migration. In einer Studie von Mohammed El-Hashimi wird die defizitorientierte Sichtweise erläutert: Mangelnde Integration bedroht die deutsche Kultur und Migrant:innen sind von sozialer 8073Ungerechtigkeit betroffen. Viele Abhandlungen stellen genau diese Auffassung in den Mittelpunkt. So wird in einer Ausgabe des Arbeitsmarktmagazins Clavis darauf hingewiesen, dass Beschäftigte mit Migrationshintergrund vermehrt in unterprivilegierte Positionen geraten, weil das Bildungssystem nicht genügend Fachkräfte ausbildet.

Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Nicht nur die Bildungssituation der Migrant:innen hat sich verbessert. Sie sind auch ehrgeiziger und werden von ihrem Umfeld in ihrer akademischen und beruflichen Aufstiegsmotivation unterstützt. Und dieser Ehrgeiz ist sichtbar: 20 Prozent der Start-ups in Deutschland werden von Migrant:innen gegründet. Nicht umsonst konstatieren viele Forscher:innen einen Zusammenhang zwischen Migration und Innovation – das beste Beispiel dafür sind die USA als das innovative Einwanderungsland schlechthin.

Innovatives Denken

Genau auf diesen Aspekt geht Bülent Arslan ein. Er führt aus, dass er trotz geringem Startkapital und fehlendem Kundenstamm den Weg in die Selbstständigkeit geschafft hat. Heute ist er Geschäftsführer der IMAP GmbH. Wie er das geschafft hat? Indem er sich durch Innovationen von der Konkurrenz abhebt. Dies sei möglich, indem man auf die Wünsche und Möglichkeiten des Marktes und der Kunden achte, mit dem Wandel der Zeit Schritt halte und sich an alles anpasse. "Diese Anpassungsfähigkeit ist etwas, das ich vor allem in mediterranen Kulturen häufig beobachte. Und davon habe ich profitiert."

Menschen mit Migrationshintergrund spielen aber nicht nur beim innovativen Gründertum eine zentrale Rolle. In Unternehmen treiben sie durch ihr erfrischendes Denken und ihre Risikobereitschaft den Unternehmenserfolg voran. Gökhan Atas Leiter des Bereichs Procurement Excellence and Customer Service im deutschen Traditionsunternehmen ThyssenKrupp, berichtet, dass dies eine Eigenschaft auszeichnet, die den meisten Migrant:innen eigen ist. Anstatt über einen sehr langen Zeitraum zu planen, packen sie ein Problem frontal an. "Mut zur Lücke ist einer meiner Grundsätze", fügt er hinzu.

Genau mit dieser Leichtigkeit geht Gökhan durch sein Berufsleben – und „konfrontiert“ auch mal seine höheren Führungskräfte. "Wenn ich gemerkt habe, dass mein Vorgesetzter bei einer Angelegenheit etwas zu vorsichtig war, habe ich ihn ermutigt und ihm meine volle Unterstützung angeboten, den Schritt trotzdem zu machen." Das traut sich nicht jeder, aber Gökhan berichtet, dass das bisher immer gut ankam. Dieser Mut kommt nicht von ungefähr – er ist sich seiner Kompetenzen bewusst. Und dieses Selbstvertrauen treibt ihn an, alles ehrlich und direkt anzugehen.

Angst vor Diskriminierung?

Auf die Frage, ob die Führungskräfte aufgrund ihres Migrationshintergrunds auf Hindernisse gestoßen sind, antworteten sie sehr rational: Die Herkunft selbst stelle kein Problem dar. Dennoch wollen sie die Erfahrungen anderer nicht entkräften. Wichtig sei jedoch, dass man als Mensch mit Migrationshintergrund offen ins Berufsleben einsteigt. "Natürlich trifft man im Laufe des Lebens auf Menschen, denen die eigene Kultur oder Religion weniger gefällt. Aber oft sind es unsere eigenen Erwartungen, möglicherweise diskriminiert zu werden, die uns vom Erfolg abhalten", erklärt Gökhan. Für ihn ist klar: "In Deutschland zählt nur eines, und das ist Leistung."

Migrationshintergrund – die Ressource schlechthin

Leistungsbereitschaft ist eine von mehreren Faktoren, die den individuellen Erfolg fördern können. Bülent hat bei sich und anderen Menschen mit Migrationshintergrund verschiedene begünstigende Aspekte beobachtet. Zum einen haben Migrant:innen einen starken Wunsch nach sozialem Aufstieg. Schon in jungen Jahren hatte er einen Drang zum Unternehmer-sein. Somit erfüllte er sich später den Lebenstraum, eine eigene Gemeinschaft aufzubauen. "Und das hat sicherlich kulturelle Wurzeln. Denn ich strebte nicht nach absoluter Sicherheit, sondern eher nach Freiheit und kreativen Möglichkeiten." Diese Eigenschaft kann der Geschäftsführer weltweit beobachten: "Bei Migrant:innen besteht eine Dynamik, die es erlaubt, Komfortzonen zu verlassen und sich in manchen Lebenssituationen einzugestehen, dass hundertprozentiger Fleiß nicht ausreicht. Und dann wird mehr erbracht."

Dem pflichtet Gökhan bei. "Durch Erfahrungen mit anderen Kulturen gewinnt man andere Mentalitäten und soziale Verhaltensweisen", fügt er hinzu. Im Zuge seiner Sozialisation in der türkischen Community, in der man viel mit Menschen zu tun hat, erwarb er eine Vielzahl von zwischenmenschlichen Fähigkeiten. Diese ermöglichten es ihm, nicht nur offener, sondern auch entspannter zu sein. Sowohl bei der Bewältigung neuer Herausforderungen innerhalb des Unternehmens als auch im Kontakt mit den Kund:innen.

Gerade diese zwischenmenschlichen Fähigkeiten sind das beste Beispiel dafür, wie sich Menschen mit Migrationshintergrund von anderen abheben. "Beim beruflichen Aufstieg zählt die Fähigkeit, sich an den Bedürfnissen der Menschen zu orientieren und auf zwischenmenschliche Beziehungen Rücksicht zu nehmen", erklärt Bülent. Denn es ermöglicht den Mitarbeitern, offen auf die Führungskraft zuzugehen und ihre Ideen mitzuteilen. Auf diese Weise bringt man nicht nur sich selbst, sondern auch das eigene Unternehmen voran. "Man muss den Aufstieg und das Berufsleben als einen ständigen Lernprozess sehen. Dazu gehört die Selbstreflexion: Wo sind meine Schwächen, was kann ich ändern, wie kann mein Unternehmen besser werden?" Dafür benötigt man Mitarbeiter:innen, die sich trauen, das ehrlich zu kommunizieren, betont er.

„Hand aufs Herz – Was können deutsche Führungskräfte von Ihnen lernen?“

"Um Erfolg und Glück im Beruf zu finden, muss man aufgeschlossen sein. Man lässt die Dinge auf sich zukommen und findet sich dann in etwas Positivem wieder, ohne explizit danach gesucht zu haben", erklärt Bülent. Nach diesem Serendipitätsprinzip leben und arbeiten die Gesprächspartner. So genügt es für sie, zu wissen, was sie mit ihrem Beruf erreichen wollen. Alles, was auf sie zukommt, wird mit offenen Armen aufgenommen. Egal, wie riskant es scheint. "Denn wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg", fügt Bülent schließlich hinzu. Die wichtigste Empfehlung an Führungskräfte ohne Migrationshintergrund lautet also: mehr Spontaneität, Risikobereitschaft und Offenheit. Denn vor allem in diesen Zeiten des Wandels ist es umso wichtiger "ein wenig schneller, schlanker und risikofreudiger zu sein", erläutert Gökhan.

Genau das sind die Grundsätze, die Dr. Ediz Bökli, Inhaber der Karriereplattform für Menschen mit türkischem Hintergrund, den deutschen Unternehmern ans Herz legt. "Die Gesellschaft inklusive Unternehmen sind leider noch nicht genug für Vielfalt sensibilisiert. Ihnen bedarf es an mehr Mut, Transparenz und Diversität." Denn ein vielfältiges Team ist viel stabiler als ein homogenes. Dem stimmt Gökhan zu: "Manager müssen sich trauen, denjenigen eine Chance zu geben, die aufgrund ihrer Diversität risikoreicher erscheinen." Er weiß, dass sich Menschen in einer vertrauten Umgebung oft wohler fühlen. Sei es mit Menschen derselben Kultur, Religion oder desselben Geschlechts. Doch je mehr Vertrauen man dem "Fremden" entgegenbringt, desto mehr Potenzial kann geweckt und genutzt werden. Dies legt er jedem ans Herz.


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