Notwendige Anmerkungen zum Thema Coaching

Notwendige Anmerkungen zum Thema Coaching

Zu meiner Studienzeit war es chic, eine Psychotherapie zu machen. In den 1970er-Jahren las man Sigmund Freud und Wilhelm Reich. Die Dialektik von Sexualität und Klassenkampf war eines der Zeitgeistthemen. Wer mit seiner Libido oder dem Studium, seinen antiautoritär erzogenen Kindern oder seiner Partnerin, seinen Kollegen oder dem Leben nicht klarkam, legte sich auf die Psycho-Couch. Die Kassen der Krankenkassen waren gut gefüllt. Vieles war möglich, auch wenn es nur um medizinisches Pillepalle ging. An die Stelle der Couch ist das Coaching getreten.
Das Sprichwort ‚Wer nichts wird, wird Wirt‘ ist zu ersetzen durch ‚Wer nichts wird, wird Coach‘ (Schwertfeger).

#leanmagazin
am 25. 11. 2016 um 17:30 Uhr in LeanMagazin von Prof. Walter Simon


Eine Coachingwelle wälzt sich seit Jahren über das Land. Der Coachinganbieter Uwe Böning spricht von dem Siegeszug eines Instruments der Personalentwicklung. Die Angaben schwanken von 5.000 über 8.000 Coaches. Der Branchenumsatz in Deutschland wird auf 850 Millionen geschätzt. Man muß aber genau hinschauen. Welcher Wirtschaftstrainer ist nicht zugleich Coach und welcher Coach ist nicht gleichzeitig Führungs- oder Kommunikationstrainer? Nur acht von Hundert Coaches betreiben Coaching als ihre alleinige Tätigkeit, so das Ergebnis der Marburger Coachingstudie aus dem Jahre 2012. Es scheint, als gäbe es mehr Coaches als Coachees. Das Angebot übersteigt die Nachfrage. Um in der überbordenden Coachingszene aufzufallen, müssen sich die Anbieter immer schrillere Marketinggags einfallen lassen. Das Resultat ist allzuoft pseudo-psychowissenschaftlicher Humbug.

Coaching ist das, was sich Coaching nennt

Hinter dem schillernden, diffusen und vieldeutigen Begriff Coaching verbirgt sich heute ein marktschreierischer Wirrwarr. Was unterscheidet den Coach vom Paten, vom Mentor, vom Instrukteur und Supervisor? Die Schnittmenge zwischen Coaching, Mentoring und Supervision ist groß. Der Vorgesetzte soll seine Mitarbeiter coachen, kann man vielerorts lesen. Ja was? Soll er sie führen oder coachen? Oder beides? Es herrscht begriffliche Unklarheit, besonders in den Köpfen der Führungscoaches.

Auf eine eindeutige Definition konnten sich die 20 deutschen Coachingverbände bisher nicht einigen. In Frankreich und England ging das mit nur zwei Verbänden leichter und schneller. Im Laufe der Jahre einigte sich die Branche darauf, Coaching als eine Kombination aus Betreuung, Stützung, Konfrontation, individueller Beratung und Einzeltraining zu definieren. Coaching versteht sich heute als Hilfe zur Selbsthilfe. Während der Fachberater sein Augenmerk auf die schnelle Problemlösung richtet, weist ein Coach der gecoachten Person Wege auf, ihre Probleme selber zu lösen. In diese Richtung geht auch die Beschreibung der PAS 1029 (Public Availaible Specification) des Deutschen Instituts für Normung.

Coaching ist „ein Personen zentrierter Beratungs- und Betreuungsprozess, …der zeitlich begrenzt als ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ zu verstehen ist.“

Mittlerweile werden 40 Definitionen des Begriffs angeboten. Im Allgemeinen aber kann man sagen: Coaching ist das was sich Coaching nennt. Ein Coach ist jeder, der sich Coach nennt. Zu diesem  Beruf kann sich jeder selbst ernennen.
Immer mehr entdecken Informatiker, Controller, Techniker, Marketingkaufleute, Designer, Personalreferenten und andere, wie interessant die Welt der Psyche ist und wollen als Coach ein Teil von ihr werden. Nur die wenigsten von ihnen können psychische Probleme von vorübergehenden beruflichen Problemsituationen abgrenzen. Als omnipotente Selbstüberschätzer werkeln sie auch an der Seele ihrer Klienten, statt sie zum Psychotherapeuten zu schicken. Offensichtlich verwechseln sie das Coaching mit Couching (SpiegelOnline).

Qualifikation von Coaches

Als ich unlängst einen Coach fragte, worauf seine Qualifikation basiere, erklärte er mir, er habe eine NLP-Ausbildung. NLP, das ist ein psychologisches Placebo, das nichts nützt, aber auch nichts schadet. Die Qualifikation der Coaches ist die Achillesferse der ganzen Branche. Hier ist sie am ehesten verwundbar.

Mehr als 300 Einrichtungen bieten Coachingausbildungen an. Hier werden natürlich auch Illusionen verkauft, so der Glaube an hohe Honorare. Wer sich einen Platz am Futtertrog erkämpfen will, muß diese weit nach unten schrauben. Wenn der Coach in der Personalabteilung noch ein Honorar von 300 Euro pro Stunde nannte, drückt ihn der Einkauf im Zweitgespräch auf 200 Euro herunter. Unterhält sich gar noch der strategische Einkauf mit dem Anbieter, rutscht das Honorar in die Nähe von 100 bis 150 Euro.

Da sich Coaching im gesetzlich freien Bereich bewegt, darf keine Handwerkskammer oder IHK vom Coach irgendwelche Nachweise einfordern. Jeder der 20 deutschen Coachingverbände kämpft um die Deutungshoheit, hat andere Qualifikationsstandards und verleiht auf deren Basis Ausbildungszertifikate. Die einen schwören auf NLP, andere auf systemische Beratung und Dritte auf irgendeinen buddhistischen Dalaifürsten. Dass mit der Public Availaible Specification 1029  des DIN-Instituts  ein normenähnliches Anforderungsprofil  existiert, wissen die wenigsten Coaches und sie könnten es wohl kaum erfüllen.

"Top-Coach", der neue Szenenbluff 

Seit Juli 2016 weiß Deutschland dank der Plattform XING und der Zeitschrift FOCUS, beide zur Burda-Gruppe gehörend, wer die 250 besten Coaches sind (Stand 7/2016). XING will über seine eigene Plattform 140.000 Coaches identifiziert haben!? 6.800 Personalverantwortliche haben dann die besten Coaches benannt. Details wurden nicht offengelegt. Welch eine Ehre, per FOCUS-Qualitätssiegel ‚Top-Coaches‘ den besten 250 Coaches zugeordnet zu werden. Dieses ‚hochwertige‘ Siegel darf sogar vier Wochen lang genutzt werden, dann verliert es seine Gültigkeit. Es sei denn, der ‚Top-Coach‘ bezahlt die ihm verliehene ‚Auszeichnung‘, wie der offizielle Titel lautet. Preis: 5.000 Euro. Darum allein geht es bei dieser Microvariante des ursprünglich von Konsul Weyer eingeführten Geschäftsmodells.

Das  FOCUS-Werbemotto ‚Fakten, Fakten, Fakten‘ würde ich  zeitgemäß in bluffen, blenden, bluffen umformulieren. Und wer es nötig hat, sich mit einem gekauften Schwindelsiegel aufzuwerten, kann bei mir den Titel ‚Flop-Coach‘ anfordern, das allerdings gratis.


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