Nicht zu lange an Fehlern verweilen

Nicht zu lange an Fehlern verweilen

Fehler sind nur ein Punkt auf Ihrer Lernkurve. Schaffen Sie im Unternehmen eine Kultur der Fehlerakzeptanz, ermuntern Sie zum Ausprobieren. Mitarbeiter danken Ihnen neue Freiräume meist mit erhöhter Motivation.

#leanmagazin
am 01. 06. 2017 um 11:46 Uhr in LeanMagazin von Dr. Bodo R.V. Antonic


Oh, bloß keinen Fehler machen! Jeder kennt das.
Es ist die fleischgewordene Lähmung schlechthin.
Doch wie befreit man sich aus dieser selbst geschaffenen Umklammerung? Nun, als Führungskraft zunächst so: Geben Sie Ihren Mitarbeitern mehr Freiräume.

Vor einigen Jahren war ich als Interimmanager in einem medizintechnischen Unternehmen tätig. Eine Vertriebsleiterin berichtete an mich. Sie stellte einen Mitarbeiter ein, den ich persönlich als nicht geeignet empfand – was ein reines Bauchgefühl war. Wie sich nach kurzer Zeit heraus stellte, war dem tatsächlich so: Der Mann ließ sich einiges zuschulden kommen und wurde fristlos gekündigt.

Beim anschließenden Gesprächstermin erwartete die Vertriebsleiterin nun ein Feuerwerk der Anklage, was zu ihrer Überraschung jedoch ausblieb. Im Gegenteil, ich lobte sie sogar für ihren Mut und ihre Initiative. Bei der Einstellung eines Nachfolgers für den Mitarbeiter bat sie nun wiederum mich um die finale Entscheidung – doch ich spielte den Ball mit dem Hinweis „es ist Ihre Abteilung!“ wieder zurück. Dieses Mal traf sie eine gute Entscheidung.

Sicherheit ist eine gefährliche Illusion

Sie sehen: Es gibt keine Sicherheit. Nur den Mut, es immer wieder zu versuchen. Deshalb sollten wir diese „Sicherheit“ auch nicht suchen! Sie ist nur eine Illusion. Die Sehnsucht nach Sicherheit ist nichts als der verzweifelte Versuch nach einem Sicherheitsanker, irgendetwas, an dem wir uns im von Ängsten durchzogenen (Arbeits-) Alltag festhalten können.

Wenn es diese Sicherheit also schon nicht gibt – und auch partielle Sicherheit ist nur eine Scheinsicherheit – dann sollte man sich doch am besten gleich von ihr verabschieden, von vornherein leben, als ob es sie nicht gäbe. Im Klartext: Die Suche nach Optimierungspotenzial im Unternehmen ist in sich selbst eine Fehlersuche, bei der Sie immer wieder zum Startpunkt zurückkehren. Sind Sie einmal in eine Richtung marschiert und haben nichts gefunden – dann navigieren Sie zum Ausgangspunkt zurück und versuchen es von neuem.

Man hat damit einen Fixpunkt. Man rennt wieder vom Startpunkt los, setzt sich quasi erneut auf die Spur an, läuft in eine andere Richtung, wieder und immer wieder, bis man sich eine Fehler- und Lösungslandkarte erarbeitet hat, die immer auf den einen Startpunkt referenziert und damit ein ordnungsstiftendes Koordinatensystem erfährt.

Im Unternehmen der Fehlerakzeptanz den Boden bereiten

Wie aber schafft man nun eine Kultur der Fehlerakzeptanz im Unternehmen? Ganz einfach: Ich frage mich und mein Gegenüber: „Was und wie mache ich das das nächste Mal besser?“ anstatt „Wieso musste das nun geschehen?“ Besser losgelaufen, einen Fehler gemacht, als stehen geblieben. Fehler gehören zum Menschen, also kann man sie gut und gerne akzeptieren. Das bedeutet jedoch nicht, Fehlerakzeptanz gegenüber einem Fehler zu üben, der unnötig war oder der sich schon 22 Mal wiederholt hat.

Geringe Fehlerakzeptanz deutet auf Effizienzausrichtung der Organisation hin. Ja, damit mag man Geld verdienen; ja, es ist leichter andere Menschen zu verurteilen als ihnen einen Ratschlag zu geben. Aber Effizienzausrichtung verkümmert die Kreativität, unterstützt die Fragilität einer Organisation anstatt durch Fehlerakzeptanz Menschen zu stützen, zu befreien, ihre Kreativität zu entfesseln und damit die Antifragilität einer Organisation auszubauen.

Von Ängsten befreit: Die entfesselte Organisation

Freiheit ist wie ein Vakuum. Freiheit ist der Gestaltraum, den der menschliche Geist sofort für seine kreativen Ideen nutzt – der eine mehr, der nächste weniger. Freiheit ist Entropie. Und Entropie wird nur gedeckelt, wenn eine zwingende Kraft diese fesselt. Das Hirn ist schlichtweg da und funktioniert, wie es funktioniert. Das Hirn ist der „Gedanke“, der gedacht werden will.

Natürlich spielt in diesem Kontext immer auch die Angst eine Rolle. Die Angst, selbst Fehler zu machen und die falschen Entscheidungen für das Unternehmen zu treffen. Die Angst des Mitarbeiters vor dem Fehler und den Konsequenzen für seinen Job. Doch halten wir uns hier eines vor Augen: Angst ist die seelische Folge des grausamen Knüppels schlechter Führungs- und Menschenentwicklungskräfte. Fehler, die der Einzelne macht, ziehen eine Lernbotschaft für ALLE nach sich.


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