Ein paar Gedanken zum Umgang mit Komplexität

Ein paar Gedanken zum Umgang mit Komplexität

In unserer sich rasch veränderten Welt nimmt die Komplexität beständig zu und die Einsicht steigt, dass sich Organisationen und Menschen immer weniger als abgeschlossene und abgegrenzte Einheiten verstehen können. In einem ersten Schritt versucht dieser Beitrag einige Aspekte nachzuzeichnen, warum dies geschieht und aufzuzeigen welche Implikationen damit einhergehen. In einem zweiten Schritt werden dann vier mögliche Wege skizziert, die ich im Umgang mit der zunehmenden Komplexität als hilfreich empfinde.

#leanmagazin
am 14. 09. 2022 um 04:30 Uhr in LeanMagazin von Thomas Zabrodsky


Zunächst stellt sich die Frage, warum sich die Komplexität in der Welt beständig erhöht. Hier spielen verschiedene Faktoren zusammen, aber ein Grund dafür ist, dass wir Menschen Komplexität einsetzen, um Probleme zu lösen. Dies klingt vielleicht zuerst komisch, aber wenn wir ein Problem lösen, erzeugen wir dadurch zumeist auf der nächsthöheren Ebene weitere Probleme, die ebenfalls wieder gelöst werden müssen. Zum Beispiel haben wir Menschen in modernen Städten Kanalisationssysteme gebaut, um die Hygiene zu verbessern und damit Krankheiten zu reduzieren. Wir haben dadurch deutlich an Lebensqualität gewonnen, aber ein funktionierendes Kanalsystem zu betreiben, ist deutlich aufwendiger, als wenn wir das Abwasser einfach auf die Straße kippen. Man benötigt Fachkräfte, die das System bauen, betreiben und in Stand halten können. Dieser zivilisatorische Erfolg benötigt also einen höheren Organisationsgrad der Gesellschaft, welcher komplexere Fragestellungen mit sich bringt. Andere Beispiele sind Autos und Big Data. Auf der einen Seite konnten viele Mobilitätsprobleme mit der Erfindung des Autos gelöst werden. Das Wirtschaftswunder wäre ohne sie wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Auf der anderen Seite werden die dadurch verursachten ökologischen Probleme immer sichtbarer. Big Data soll uns helfen, die zunehmende Lawine an Daten zu managen, bringt aber ganz neue Fragen der Datensicherheit und Datenverarbeitung mit sich. Rein technische Lösungen verlagern Probleme zumeist nur sowie sie soziale Probleme gar nicht lösen können.

Die Komplexität in der Welt erhöht sich also nicht plötzlich, sondern hängt damit zusammen, dass wir Menschen Probleme lösen und deren Lösungen neue Fragen aufwerfen. Dies muss nichts Schlechtes sein, denn damit steigt auch unser Lebensstandard und die Möglichkeiten, die der Gesellschaft und den Unternehmen zur Verfügung stehen. Die Komplexitätssteigerung versetzt uns in die Lage, eine stärkere Resilienz aufzubauen und durch ihre Differenzierung besser auf einzelne Schocks reagieren zu können. Dies inkludiert aber auch beständig steigende Kosten in Form von mehr Ressourcen, um die entstehende Komplexität bewältigen zu können. Daneben ist zu beobachten, dass die Zunahme der Komplexität zur Zunahme von Analyse- und Entscheidungsparalysen führt – wie die Eiskarte beim Lieblingsitaliener. Die zunehmende Komplexität greift unser Bedürfnis nach Stabilität und Sicherheit an, dass alles überschaubar, berechenbar und steuerbar sein soll. Also der weitverbreitete Imperativ im beruflichen wie im privaten Kontext jederzeit die optimalen Entscheidungen treffen zu können. Daneben besteht immer die Gefahr, dass wir mehr Probleme generieren, als wir lösen können und die gerufenen Geister ein Eigenleben entwickeln.

Rezepte und Techniken im Umgang mit Komplexität gibt es viele, im Folgenden möchte ich ein paar Überlegungen teilen, welche ich als hilfreich empfinde und welche in meinen Augen als gute Leitlinien dienen können.

  1. Ambiguitätstoleranz als ein mentales Rüstzeug entwickeln. D.h. eine gewisse Resilienz gegenüber Mehrdeutigkeiten wird unabdingbar sein, um handlungsfähig zu bleiben. Dazu gehören ein bewusster Umgang sowie die Zulassung von sich widersprechenden Anforderungen und wie man diese jonglieren und kommunizieren kann.

  2. Design in verschiedenen Formen der Zusammenarbeit und der Gestaltung von Prozessen. Zum Beispiel wie gestaltet man das Onboarding für neue Mitarbeitende optimal? Wenn man jemandem Fußball erklärt, beginnt man auch nicht mit den klassischen Vorteilen der 6er Position. Viele gute Videospielentwicklungsteams zeigen zum Beispiel in ihren Tutorials auf, wie man neuen Spielenden Stück für Stück die Elemente des Spiels näherbringt, ohne sie gleich mit allen möglichen Optionen zu überschütten. Dies klingt banal, es ist aber eine hohe Kunst, einen gut abgestimmten Prozess zu entwickeln, welcher intuitiv dafür sorgt, dass Menschen zum jeweils richtigen Zeitpunkt über das notwendige Wissen bzw. die Fähigkeiten verfügen, um aufbauend immer komplexere Aufgaben lösen zu können. Wenn eine Person seit 15 Jahren in einer Organisation arbeitet und viele Dinge instinktiv tut, verliert diese leicht das Gefühl für den zähen Prozess bis dahin. Das gilt aber nicht nur für das Onboarding von neuen Mitarbeitenden, sondern sollte Teil jedes Lern- und Entwicklungsprozesses sein.

  3. Vertrauen in die Menschen und die Einsicht das Kennzahlen immer nur einen Ausschnitt zeigen. Kennzahlen schließen je nach Eichung bestimmte Dinge ein und aus und sind am Ende immer nur eine Konstruktionsleistung des Tools. Sie sind ein gutes Instrument, wenn sie als Ampel verwendet werden, welche auf Problemlagen aufmerksam macht. Sie können aber nicht die Steuerung übernehmen. Management und Controlling sind darum keine Schreibtischjobs und verlangen ein aktives Zugehen auf Menschen.

  4. Anker setzen und sich auf das konzentrieren, was man selbst beeinflussen kann. Wenn man in einem Loch ist, aus dem man wieder raus will, ist das Erste was man tun sollte, aufhören zu graben. Das fühlt sich zunächst etwas unbefriedigend an, aber wenn ich akzeptiere, dass ich nicht alles kontrollieren kann, dann öffnet sich häufig der Blick, für das was ich effektiv tun kann.

Und falls sie wieder mal ratlos im Eiscafé ihres Vertrauens stehen … mit Vanille und Schokolade machen sie nie etwas falsch.


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