Don’t Worry, Be Happy!

Don’t Worry, Be Happy!

Glückbringer in Training und Coaching

#leanmagazin
am 09. 12. 2016 um 13:29 Uhr in LeanMagazin von Prof. Walter Simon


Seit einigen Jahren versucht eine weitere Beratungsspezies Marktanteile auf dem Persönlichkeits- und Selbstoptimierungsmarkt zu erheischen.
Sogenannte Glücksberater nutzten die Sehnsucht nach dem Glück, mixen die Zutaten und stellen das übliche Portfolio aus Seminaren, Vorträgen, Coaching und Büchern zusammen. Bei amazon.de sind in der Kategorie ‚glücklich sein‘ knapp 42.500 Bücher gelistet (Stand 8/2015). Wer ‚happiness‘ auf der englischsprachigen amazon.com eingibt, bekommt 87.900 Titel genannt. Im Angebot finden sich christliche, esoterische, spirituelle, astrologische, pragmatisch-instrumentelle, meditative und fernöstlich-religiöse Glücksratgeber.

Einige dieser Happiness-Consultants scheuen sich nicht, sich als Glücksforscher zu titulieren, so beispielsweise eine gewisse Simone Langendörfer aus Esslingen. Als ich sie anläßlich einer Großveranstaltung in Böblingen fragte, welche Forschungsveröffentlichungen von ihr vorliegen, wich sie einer Antwort charmant plaudernd aus. Sie hat zwar einige der üblichen Glückskatechismen geschrieben, aber nirgendwo sind Forschungsergebnisse aufzufinden. Man kann sogar annehmen, daß ihr die fachliche Kompetenz zu einer fundierten Glücksforschung im Sinne des Wortes ‚forschen‘ fehlt. Auch hier, mehr Schein als Sein.

An dieser Stelle muß gesagt werden, daß die Glückseligkeitsduselei von selbsternannten Glücksforschern und sonstigen ‚Glückologen‘ nichts mit der empirischen Glücksforschung zu tun hat. Letztere basiert auf philosophischen, ökonomischen, psychologischen, soziologischen und neurologischen Fragestellungen der jeweiligen Wissenschaftsdisziplinen. Hier werden Definitionen angeboten, wird experimentiert, geforscht und publiziert. Man forscht im Gehirn, in den Genen, den frühkindlichen Erfahrungen, in Beruf und Familie und im Lebenslauf. Das wissenschaftliche Meinungsspektrum ist breit und uneinheitlich. Das kann auch nicht anders sein, denn die Frage, was Glück letztendlich sei und welche Formen des Glücks existieren, ist schwer zu beantworten.

Befunde der wissenschaftlichen  Glücksforschung

Die Vorstellung, Glück sei als dauerhaft erfüllter Zustand durch Beratung, Training und Glücksplanung herbeiführbar, geht an der Wirklichkeit vorbei. Gerhard Roth, der wohl renommierteste deutsche Hirnforscher meint, daß Einstellungsveränderungen in Richtung Wohlbefinden und Happiness nur in begrenztem Maße und nur über einen längeren Zeitraum herbeiführbar sind.

„Man muß unterscheiden zwischen Glück und Zufriedenheit… Drei Viertel aller Menschen haben einen bestimmten Zufriedenheitswert, den behalten sie ein Leben lang bei… Wir können kurzfristig Glücksmomente oder Unglücksmomente haben, fallen dann aber wieder auf unser langfristiges Zufriedenheitsniveau zurück… Alle Ratschläge zur Herstellung von dauerhaftem Glück kann man getrost vergessen“.

Diese ‚individuelle Zufriedenheits-Norm‘ bringt die Einstellung des Menschen zu sich und seiner Umwelt zum Ausdruck. Sie verfestigt sich und wirkt ein Leben lang auf das Verhalten. Ed Diener, der Begründer der wissenschaftlichen Glücksforschung, meint, daß Glück und Unglück zusammengehören. „Der Weg zum Glück führt nicht um das Leid herum, sondern durch das Leid hindurch.“ Durch Krisen, Umwege und Erfahrungen reift die Persönlichkeit. Da hilft auch kein ‚Juhu-Alleskleber‘.

Namhafte Wissenschaftler glauben, daß das Glück des Menschen eine Frage der Gene ist. Glaubt man dem Verhaltensgenetiker David T. Lykken, dann hat jeder Mensch ein genetisch festgelegtes, individuelles Glücksempfinden, den sogenannten Happiness Set-Point.

Auch das Alter der Glücksuchenden kann Einfluß auf das Glücksempfinden haben. Während die Kindheit reich an Glücksgefühlen ist, nehmen sie während der Berufsjahre stark ab und mit zunehmenden Alter wieder zu.

Macht Geld glücklich?

Akademische Glücksforscher bejahen diese Frage, aber nur bis zu einem bestimmten Kontenstand. Durch ein hohes Einkommen oder ein dickes Konto steigern sich die materiellen Ansprüche. Eine Art Gewöhnungseffekt tritt ein und sorgt dafür, daß der psychische Glücksgewinn wieder aufgefressen wird, da die neu gegeben Lebensumstände als normal erachtet werden. Es ist wie bei einer Gehaltserhöhung, die nur solange ein motivationales Strohfeuer entfacht, bis die Demotivation wieder durchschlägt.

Was die Glücksforschung auch immer herausfindet, sie beruht darauf, was Menschen aus ihrer Sicht auf die Fragen von Wissenschaftlern antworten. Sie geben Einschätzungen von sich ab. Und diese Antworten sind trotz der methodischen Fortschritte in der Meinungsforschung höchst subjektiv und damit unzuverlässig. Wenn die Frühlingssonne scheint und die Vöglein zwitschern, sehen Menschen ihr Leben rosiger als im tristen Novembergrau.

Eigentlich gibt es keinen Grund, sich über seine Einkommens- und Vermögenslage zu beklagen. Ein Glücks-Trainer erklärte mir unlängst: Je weniger wir haben, desto mehr sind wir, je einfacher das Leben, desto reicher sind wir. Ein wahrer Trost für Hartz IV-Empfänger und die Hungernden in Afrika und Asien.

Dein Glück ist nahe. Ergreife es!

So uneinheitlich die Glücksforschung bei der genauen Bestimmung von Glück ist, so wenig wissen die Menschen, was Glücklichsein bedeutet: Geld, Liebe, Sex, Konsum, Status, Gesundheit, Freiheit oder Familie? Wer es zu wissen meint, versteht etwas anderes darunter als seine Nachbarn oder Arbeitskollegen. Unsere Glücksschwadroneure bieten keine konsensbasierte Definition von Glück. Was Glück ist, wird der individuellen Deutung überlassen.

Glück wird nicht als Zufall gedeutet, beispielsweise ein Lottogewinn oder die Begegnung mit dem Traummann, sondern als Sinnfindung im Selbst, egal worin der Sinn besteht. Es muß nicht mehr erdient oder verdient werden, sondern über die Psyche realisiert werden. In Ermangelung einer objektiven Wahrheit fordern Glücksratgeber zur subjektiven Wahrheit auf. Hierbei helfen die Lust- und Wonne-Experten mit ihren Fragebögen, Punktetabellen und Checklisten, die den rechnerisch exakten Glücksstatus abbilden. Daraus ergeben sich die strategischen Empfehlungen für die noch unglückliche Kundschaft, zumeist mit solchen und ähnlichen Weisungen: ‚Horchen Sie in sich hinein‘, ‚Öffnen Sie sich für das Neue‘, ‚Sehen Sie die Dinge positiv‘. Der naive Glückssucher fühlt sich umsorgt und sieht selbst diese Floskeln positiv. Manche gar spüren ihre heilsame Wirkung. Der Intelligenz sind leider Grenzen gesetzt, der Dummheit nicht. Das ist die Chance des Geschäftsmodells Glück.

Wer unglücklich ist, kann sich nicht länger auf die Umstände berufen, denn die Auswahl an Rezepten ist groß. Wahrscheinlich hat er nicht hart genug an sich gearbeitet. Er muß mehr für sich tun.

Mit Imaginationen, positivem Denken, Selbstsuggestionen, Eigenbeobachtung, Wahrnehmungssteuerung, Yoga, Glückscoaching, Glücks-Ratgebern kann der Glücksuchende seine seelischen Pegelstände anheben. Jeder ist seines Glückes Schmied, schrieb der Dichter Matthias Claudius. Dieses Sprichwort wurde zum liberalen Hauptmotto. Wer dennoch ‚Trübsal bläst‘, wer von Liebeskummer, Eifersucht, Einsamkeit oder Trauer geplagt ist, leidet an einem Denkfehler, lehrt der Glückstrainer© und zertifizierte ‚Geh-dich-frei-Practitioner‘ Manfred Rauchensteiner aus Linz (man beachte den lächerlichen Copyrighthinweis).

Angeblich ist Glück nicht mehr Zufall, sondern eine Frage der Lernwilligkeit. Der Positiv-Propagandist Dale Carnegie verkündet: „Glück hängt nicht davon ab, wer du bist oder was du hast. Es hängt nur davon ab, was du denkst.“ Insofern gibt es keine Entschuldigung dafür, negativ eingestellt zu sein. Wer fälschlicherweise glaubt, das Leben sei hart, wird Opfer einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Es kommt darauf an, sich glückstechnisch zu optimieren. Dale Carnegie weiß wie: Sorge Dich nicht, lebe! Das könnte zugleich das Motto des modernen Machbarkeitsglaubens sein.


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