Die Oasenstadt oder eine Metapher für das Leben und Arbeiten von Jungwissenschaftler bzw. anderer Jobnomaden

Die Oasenstadt oder eine Metapher für das Leben und Arbeiten von Jungwissenschaftler bzw. anderer Jobnomaden

Es ist eine staubige, laute und sehr überfüllte Stadt, aber ich möchte nirgendwo anders sein. Hier zu sein, ist mein Wunsch, mein Traum und mein Ziel. Diese Botschaft geht in den Straßen der Oasenstadt Universität immer wieder mal unter.

#leanmagazin
am 22. 07. 2020 um 04:30 Uhr in LeanMagazin von Thomas Zabrodsky


Es herrscht ein ziemliches Gewühl und ein ständiges Kommen und Gehen der Menschen. Der Wohnraum in der Stadt ist begrenzt und die wenigen fixen Wohnhäuser sind zumeist fest vergeben. Ganz anders als die zumeist am Standrand gelegenen Herbergen bei denen ein reger Wechsel herrscht. Deren Bewohner sind zumeist Nomaden, die allein oder mit den Karawanen in die Stadt gekommen sind und dann nach einer gewissen Zeit wieder zur nächsten Station aufbrechen müssen, da die Quellen in der Oase begrenzt sind.

Die Dorfältesten, welche die Oase leiten, passen mit den befristeten Aufenthaltsbewilligungen die Anzahl der Bewohner flexibel an die vorhandenen Mittel in der Oase an.

Manche Nomaden haben Glück und ergattern einen der festen Wohnsitze, doch bleiben diese in der Minderheit. Das Gedränge in den Straßen und auf den Basaren kann einen zu Beginn sehr verwirren, was meist mit der Zeit ein wenig abnimmt, aber es gibt für die Reisenden nie die Möglichkeit, das Leben in der Stadt restlos zu durchschauen, was sie in einer ständigen Unsicherheit und Atemlosigkeit gefangen hält.

Man irrt umher, immer auf der Suche nach einer Chance oder einer Option, wer Glück hat und eine befristete Bleibe in einer der Herbergen gefunden hat, kann diese innerhalb der Oasenstadt suchen, wobei es auch die weniger Glücklichen gibt, die in der Wüste draußen unterwegs sind und im Zelt biwakieren, während sie versuchen in die Oase hineinzukommen oder nach anderen Möglichkeiten suchen.

Oft trifft man dabei auch freundliche Samariter auf dem Weg, die sich Verein zur Förderung der Forschung oder auch anders nennen, und einem mit ein wenig Wasser aushelfen. Wasser ist eines der Grundmittel, um arbeiten zu können, doch ist es in vielen Bereichen der Wüste äußerst knapp. Darum geben die Samariter es auch nicht freiwillig und schon gar nicht jedem. Sie selbst haben nämlich ebenfalls nur begrenzte Mittel und wenn man daran teilhaben möchte, muss man zuerst seine eigene Würdigkeit sowie die des eigenen Vorhabens unter Beweis stellen.

Wer als Nomade lebt, kann nur sehr schlecht sperriges Gepäck mit sich führen, sondern muss sich leicht kleiden und auf das Notwendigste beschränken. Was jeder dieser Nomaden bei sich trägt, ist sein Notizbuch, wo er die wichtigsten Anschriften immer bei sich trägt.

Für die Arbeit selbst braucht man nicht viel. In den meisten Fällen reicht eine alte dampfende Klapperkiste mit einem Brett davor, sonst arbeitet man mit dem Kopf und mit dem Verstand, der darin wohnt. Neben den dampfenden Klapperkisten bieten die Oasenstädte auch Räume mit vielen Pergamentrollen, die Zugang zu den Arbeiten anderer geben, sowie Basare mit der Möglichkeit, sich mit anderen Oasenbewohnern und Nomaden auszutauschen, auch wenn diese in einer anderen Oase leben.

Beim Aufenthalt in einer Oase hat man auch den Vorteil einen Briefkasten zu haben, damit man jemanden adressieren und selbst adressiert werden kann. Dies erleichtert es auch neue Bekanntschaften zu schließen.

Ebenfalls ein wichtiger Faktor für jeden Nomaden ist es, einen Guide zu haben, der ortskundig ist und einem hilft sich in der Oase zurechtzufinden. Diese haben zumeist eines dieser begehrten Wohnhäuser ergattert, welches je nach Einfluss des Guides unterschiedlich nah am Zentrum der Stadt liegt.

Die Guides werden in vielen Fällen auch Professoren genannt und können eine große Hilfe sein, wenn es darum geht, neue Bekanntschaften innerhalb und außerhalb der eigenen Oase zu knüpfen. Die Guides können aber auch eine Hilfe sein, indem sie die Nomaden bei der Arbeit beraten oder ihnen helfen das Gewühl in der eigenen Oase besser zu verstehen.

Eine besondere Rolle kommt den Guides auch zu, wenn die Aufenthaltsbewilligung der Nomaden ausläuft und diese verlängert werden sollte bzw. wenn es darum geht einen anderen Ort zu finden, an dem sich der Nomade verdingen kann.

Die Guides stehen aber auch im Wettbewerb untereinander und je nachdem, wie sie sich durchsetzen können, können sie Wohnungen, Arbeit oder Wasser beschaffen. Wasser ist aber wie die anderen Güter ein generell knappes Gut und die weitentfernten Orte mit Namen Ministerien senden es nur in begrenzten Mengen, erwarten sich aber immer die höchsten Renditen aus den Regionen der Oasen. Diese liegen nämlich im Wettstreit mit den Oasen aus anderen Wüsten und dürfen nicht zurückfallen.

Die fernen Orte der Ministerien versuchen steuernd auf die Oasen einzuwirken und verhandeln um bestimmte Mengen an Leistungen, welche beide Seiten zu liefern haben. Die Oasen sind dabei angehalten, sich zu legitimieren und ihren Nutzen unter Beweis zu stellen. Auch halten die Ministerien die Oasen an, sich Gedanken über die nächsten Jahre zu machen, also darüber, was sie erreichen wollen, und verlangen dabei von ihnen diese Ziele niederzuschreiben. Die Oasen versuchen diese Ziele dann über Schautafeln namens Entwicklungspläne in den Straßen auszuhängen, aber die wenigsten haben Zeit oder verspüren bei ihren befristeten Aufenthalten eine starke Bindung, um sich damit auseinanderzusetzen.

Anders verhält es sich mit den Karteikarten die jeder Oasenbewohner mit sich herumträgt und auf denen die publizierten und damit beglaubigten Leistungen aufgelistet sind. Die Leistungen werden auch in große Listen eingetragen, damit sie andere Leute einsehen können und damit jeder die Leistungen und den Werdegang des Einzelnen und dessen Beitrag bewundern kann. Die Karteikarten trägt man dabei wie Male, die einen sichtbar machen sollen.

Die großen Listen werden als Forschungsleistungsdokumentation bezeichnet und sind nicht nur für den einzelnen Bewohner wichtig, sondern auch für die ehrenwerten Werkstätten, die sich in den Oasen angesiedelt haben. Im Volksmund werden die Werkstätten als Institute oder im größeren Rahmen als Fakultäten bezeichnet, die auch wieder in Konkurrenz zueinanderstehen, und zwar um die oaseninternen Ressourcen. Die Werkstätten halten ihre Bewohner und ihre nomadischen Wanderarbeiter an, immer brav in diese Listen einzutragen und sie aktuell zu halten, da diese Listen in den Kämpfen um die angesprochenen Mittel herangezogen werden.

Auch lässt sich beobachten, wie eine neue Sprache in die Oasen eingeschleppt wurde und sich damit Syntax sowie die verwendeten Vokabeln verändert haben. Das Sprechen dieser neuen Sprache drängt sich durch die neue Situation immer mehr auf, um „verstanden“ zu werden und sich „sinnvoll“ äußern zu können. Neben dem zunehmenden Druck, sich dieser Sprache zu bemächtigen, führt der Druck, möglichst viele Werkstücke zu erstellen, auch dazu, dass man lieber drei einfache Hufeisen schmiedet als ein kunstvoll verziertes Stück. Man versucht auch immer seltener etwas Neues wie das Rad zu erfinden, sondern konstruiert lieber ein Rad mit anderen Speichen damit der Erfolg verbürgt ist.

Wenn die Nomaden einmal nicht am Schmieden sind, pflegen sie zum Beispiel auch gern den Kontakt untereinander und gründen eigene kleine Gruppen, wo sie unter sich sind und sich gegenseitig helfen und unterstützen können. Sie tauschen dabei Pläne über die Oase oder die Wüste aus, geben sich Tipps für neue Gelegenheiten oder arbeiten auch gern einmal zusammen an einem neuen Werkstück.

Auch ist die Zeit ein wichtiger Faktor in den Oasen, sei es, wenn es um das Zurücklegen einer Strecke geht, um das Verdunsten von Wasser oder die Verweildauer in einer Oase. Die Zeit ist dabei der Verbündete und der Feind der Nomaden, auf der einen Seite können sie zumeist frei darüber verfügen, auf der anderen Seite bekommen sie oft einen Takt vorgegeben, an dem sie sich orientieren sollten.

Die Nomaden sind dabei immer selbst involviert und selbst verantwortlich und sind angehalten sich selbst und ihre Arbeit zu organisieren, wobei sie viele Faktoren nicht durchschauen können und von Gelegenheit zu Gelegenheit planen müssen. Es ist ein Leben auf Wanderschaft von Etappe zu Etappe und mit einer begrenzten Sicht in die Zukunft.

Das wirkt sich nicht nur auf das Leben in der Wüste aus, sondern auch auf den Familienverband des Nomaden, welcher dessen Leben immer ein stückweit mit(er)lebt. Manche Nomaden beginnen sich auch zu fragen, ob sie lieber einen Job außerhalb der Wüste machen sollen. Wobei die beschriebenen Verhältnisse auch dort immer häufiger zur neuen Lebensnormalität werden, in die die jungen Menschen hineingeboren werden. Dies bedeutet nicht, dass die Etablierten viele der Dinge nicht ebenfalls bewältigen müssen, aber ihnen stehen oft noch Ressourcen aus früheren Zeiten zur Verfügung.

Aber auch diesen Abend hört man es vielleicht wieder aus manchem Zelt murmeln … „Es ist eine staubige, laute und sehr überfüllte Stadt, aber ich möchte nirgendwo anders sein. Hier zu sein ist mein Wunsch, mein Traum und mein Ziel.“


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